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20. September 2012, 16:05 Uhr

Mohammed-Witze

Trittbrettfahrer der Meinungsfreiheit

Ein Kommentar von

Klar darf man sich über Religionen lustig machen. Klar darf man dagegen auch protestieren. Aber genauso klar darf man auch sagen: All das dient weniger der Meinungsfreiheit als der Auflage von "Charlie Hebdo" und "Titanic". Denn Satire darf zwar alles - sie muss aber nicht.

Es nervt. Es nervt, das Offensichtliche sagen zu müssen. Aber gut, da es die Weltlage mal wieder notwendig macht, noch einmal und zum Ausschneiden: Selbstverständlich muss es möglich sein, seine Meinung frei zu äußern. Und selbstverständlich gehört dazu auch das Recht, sich öffentlich über Religionen im Allgemeinen und Besonderen lustig zu machen, über den Papst, über den Propheten, über alles und jeden. Selbstverständlich ist es andererseits das Recht eines jeden, der sich von einer Zeichnung, einem Film, einem Artikel gestört fühlt, dagegen zu protestieren. All das ist abgedeckt vom Recht auf freie Meinungsäußerung, ohne die eine offene Gesellschaft nicht funktionieren kann.

Satire ist eine besonders zugespitzte Form der Meinungsäußerung. Sie ist ein Instrument der Aufklärung: Pointiert bildet sie einen Missstand ab, entlarvt ihn damit und gibt die dafür verantwortlichen Mächtigen der Lächerlichkeit preis. Gute Satire hat ein klares Ziel. "Der Satiriker", schreibt Kurt Tucholsky in seinem berühmten Aufsatz "Was darf die Satire?", "ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an."

Der Mob bedarf keiner Entlarvung, er entlarvt sich selbst

Wogegen aber rennt nun "Charlie Hebdo" an, das französische Satire-Blatt, das in der aufgeheizten Stimmung um den antiislamischen Hetzfilm "Innocence of Muslims" neue Mohammed-Karikaturen veröffentlicht? Wogegen die deutsche "Titanic", die auf ihrem nächsten Cover einen kombinierten Bettina Wulff/Mohammed-Film-Scherz versucht? Welche Obrigkeit wollen sie entlarven? Auf wen oder was zielen sie ab?

Wollen die beiden Zeitschriften auf Missstände im Islam hinweisen - mit dem Ziel, diese Religion zu modernisieren und zu öffnen? Nicht im Ernst. Ihre Werke befördern keine Reform des Islam, sie dienen nur den Scharfmachern. Wollen sie dann also den zornigen islamistischen Mob entlarven, der in Tunis, Kairo und anderswo seinen Hass auf den Westen ausagiert? Wohl kaum. Dieser Mob bedarf keiner Entlarvung, er entlarvt sich selbst durch seine Gewalt.

Es ist kein ganz fernliegender Gedanke, "Charlie Hebdo" wie "Titanic" ginge es mit ihren Provokationen allein darum, ins Gespräch zu kommen. Beide Publikationen sind neben ihrer Respektlosigkeit vor allem dafür bekannt, nicht gerade in Geld zu schwimmen, da kommt so ein deftiger Islam-Skandal gelegen. Die aktuelle Ausgabe von "Charlie Hebdo" ist bereits ausverkauft und wird nachgedruckt, die "Titanic" hat gerade erst erlebt, wie man mit wohlfeiler Verächtlichmachung des Papstes kostenlose, aber unbezahlbare Werbung für sich machen kann.

Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier

Tucholsky schreibt: "Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den." Der "Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer sagt: "Satire darf und muss alles."

Ach ja, fast vergessen: Es geht ihnen um das Prinzip der verfassungsrechtlich garantierten Meinungsfreiheit. Es geht ihnen darum zu demonstrieren, dass man alles sagen und tun darf. Dass man sich nicht einschüchtern lassen darf von Anwaltsbriefen und Morddrohungen. Ja, stimmt schon. Ist zwar alles im Streit um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen "Jyllands-Posten" schon 2005 gesagt worden, aber offensichtlich noch nicht von jedem und noch nicht oft genug. Und deshalb müssen sie ja auch tun dürfen, was sie nicht lassen können. Sollen sie doch.

Aber muss man das dann gut finden? Muss man ihre mäßig lustigen Scherze weiter verbreiten? Muss man ihnen auch noch auf die Schulter klopfen dafür, dass sie christlichen Politikern einen willkommenen Anlass dafür bieten, mal wieder einen besonderen Schutz der Religionen (insbesondere des Papstes) zu fordern? Dafür, dass sie radikalen Islamisten einen willkommenen Anlass bieten, mal wieder westliche Flaggen zu verbrennen und Menschen zu ermorden? Nein.

Man muss sie aber ertragen, die Scherzbolde. Man muss sie ertragen wie die zornigen Muslime und die schwadronierenden konservativen Religionsschützer, all diese Trittbrettfahrer der Meinungsfreiheit. Aber dann darf man auch sagen: Ihr nervt.

"Was darf die Satire?", schließt Tucholsky seinen Aufsatz. Und antwortet: "Alles." Von Müssen ist keine Rede.

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