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26. März 2009, 09:24 Uhr

Kommunismus-Talk bei "Hart aber fair"

Keine Revolution, nirgends

Von Reinhard Mohr

"Profit ist out, Gemeinsinn in", erklärte Frank Plasberg seinen Talkgästen - doch die wollten vom Abwracken des Kapitalismus nichts wissen. Bonzengier und Bonus-Banditen sind zwar pfui, doch selbst der größte Kritiker fand keine Lösung des Problems.

Die Krise hat auch ihr Gutes. Nach sechs Monaten ist sie zum Lehrmeister unseres alltäglichen Lebens geworden. Unsere Widerstandskräfte wachsen. Dialektisch, versteht sich.

Kommunismus-Talk bei "Hart aber fair": Hilmar Kopper, Utz Claassen, Norbert Röttgen, Peter Zudeick, Rainer Einenkel und Moderator Frank Plasberg (v.l.n.r) fragten sich, ob der Gemeinsinn jetzt in ist.
WDR

Kommunismus-Talk bei "Hart aber fair": Hilmar Kopper, Utz Claassen, Norbert Röttgen, Peter Zudeick, Rainer Einenkel und Moderator Frank Plasberg (v.l.n.r) fragten sich, ob der Gemeinsinn jetzt in ist.

Einerseits würden wir am liebsten Klaus Zumwinkels Millionen-Burg am Gardasee mit Lanzen und Schwertern, Pech und Schwefel stürmen - andererseits sind wir die Gelassenheit selbst und belagern in Wirklichkeit allenfalls H&M oder den neuesten Media Markt.

Unser Kampf heißt Kaufen. Der Rest ist Ruhe und Gemütlichkeit. Was sollen wir auch sonst tun gegen all die Lehman-Brüder, Bonus-Banditen und Weltfinanz-Verbrecher?

Weil dieser profane Stoizismus des kleinen Mannes und der kleinen Frau auf der Straße aber zu langweilig ist für wöchentliche Talkshows mit gesellschaftskritischem Anspruch, die seit einem halben Jahr kein anderes Thema finden, müssen immer steilere Titel her: "Gemeinsinn statt Profit. Prima, aber heißt so was nicht Kommunismus?", fragte gassenfrech Frank Plasberg bei "Hart aber fair", und es klang ein bisschen wie die Kurzfassung eines juxigen Filmdrehbuchs à la "Her mit den kleinen Engländerinnen!"

"Lenin kam nur bis Lüdenscheid"

Den Titel eines anderen Drehbuchs, das sogar zum Film wurde, hatte Plasberg erst gar nicht aufgegriffen: "Lenin kam nur bis Lüdenscheid", das autobiografische Werk des Bestsellerautors Richard David Precht aus dem Jahr 2005. So versäumte er auch die schöne Gelegenheit zur rhetorischen Nachfrage vier Jahre später: "Kommt Wladimir Iljitsch jetzt wenigstens bis Dinslaken?"

Auch die naheliegende Idee, zum 20. Jahrestag des Mauerfalls historisch in die Tiefe zu gehen und an Wolf Biermanns Stoßgebet von "Oma Meume" zu erinnern - "O Gott, lass Du den Kommunismus siegen!!!" - verpasste der ARD-Moderator.

Dafür hatte er Hilmar Kopper eingeladen, ehedem Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Doch leider sagte Kopper nicht viel mehr als vor einem halben Jahr, als er schon einmal am "Hart aber fair"-Pranger gesessen hatte: Er persönlich habe sich immer an seriöse Geldanlagen gehalten, und wenn sich andere Zeitgenossen risikoreiche Zertifikate und mehrfach verschachtelte Kreditverbriefungen andrehen ließen, so sei das deren Angelegenheit. Im Übrigen sei Profitstreben völlig legitim. Das gelte nicht nur für die Deutsche Bank, sondern auch für den kleinen Mann und die kleine Frau auf der Straße.

"Tschüss, Ihr da oben"

Das konnte der Journalist Peter Zudeick, den viele Radiohörer wegen seines satirischen Wochenrückblicks kennen, natürlich so nicht stehen lassen. "Tschüss, Ihr da oben! Vom baldigen Ende des Kapitalismus" heißt sein neues Buch, und so war klar, dass er das "System" für die Krise verantwortlich macht. Der Kapitalismus selbst, bislang als soziale Marktwirtschaft beschönigt, sei es doch, der "zuvörderst Opfer hervorbringt". Reiner Einenkel, Betriebsratsvorsitzender von Opel Bochum, ergänzte: "Die da oben stellen das System in Frage."

Zugegeben, Karl Marx hätte (und hat) das ein bisschen anders formuliert, aber Frank Plasberg verzichtete immerhin nicht auf den Hinweis, dass das dreibändige Hauptwerk des Urvaters der Kapitalismuskritik - "Das Kapital" - inzwischen wieder zum Bestseller geworden ist. Gedruckt wird freilich im billigen Tschechien. So viel kritische Globalisierung muss erlaubt sein.

Rasch steuerte die Debatte aber auf das schön plastische Thema von Bonzengier, Maßlosigkeit und sozialer Ungerechtigkeit zu und damit weg von jeglicher Kontroverse über das eigentliche Thema: Brauchen wir den Systemwechsel? Muss der freie Markt abgeschafft werden? Helfen Verstaatlichungen? Wäre ein neuer Anlauf zur sozialistischen Planwirtschaft denkbar?

Weil im Ernst kaum jemand so weit gehen möchte, hält man sich lieber an Handgreifliches, und so musste Utz Claassen, einst Vorstandschef beim Energiekonzern EnBW, noch einmal die Berechtigung seiner üppigen Übergangs- und Ruhegelder darlegen.

"Holt Euch zurück, was Euch zusteht!"

Zugleich verurteilte er selbst die Gier als "Verzerrung des Profitstrebens" und war darin einig mit Norbert Röttgen, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der "Exzesse" à la Zumwinkel und Co. als "Wirtschaftsunkultur" bezeichnete. Diese Maßlosigkeit sei "der Feind der Marktwirtschaft".

Peter Zudeick konnte da nur grinsen und dachte wohl bei sich: Nein, die ist ihr natürlicher Verbündeter. Laut sagte er: "Das System will gar nicht gerecht sein." Daher sein Appell an die Bürger: "Holt Euch zurück, was Euch zusteht!" Leider verriet der sprechflinke Kapitalismuskritiker nicht, wo und wie viel. Wäre etwa die Abwrackprämie schon mit einzurechnen?

Was die Alternative zum Kapitalismus angeht, so kommt auch bei Zudeick nicht mehr als ein gebrummeltes Irgendwas mit "Gemeinwirtschaft" heraus. Mit dieser originellen Idee sollte er mal durch China und Russland touren, den tragischen Erfahrungskontinenten von Kombinat und Kolchose. Prost Mahlzeit.

Aber das Schöne an den Talkshows ist ja, dass niemand zu Ende denken muss, was er da mal eben in den Raum stellt.

Utz Claassen immerhin unternahm den Versuch einer intellektuellen Differenzierung, in dem er zwischen den Ebenen von Systemkritik, konkreter gesellschaftlicher Gerechtigkeit und persönlichem Fehlverhalten unterschied.

Ein anderer Gedanke kam von Norbert Röttgen, der die "Entkopplung vom Leistungsprinzip" in all jenen Fällen kritisierte, bei denen Millionen und Milliarden selbst dann ausgeschüttet werden, wenn das betroffene Unternehmen Verluste eingefahren hat. Entsprechend seien auch die kommunizierenden Prinzipien von Risiko und Haftung auseinander gefallen.

Offen gestand der Christdemokrat ein, dass er in den letzten Monaten dazugelernt und seine Meinung über den "Finanzkapitalismus" durchaus geändert habe: Dass der Staat derzeit den Markt geradezu vor sich selber retten müsse, sei ein neuer, erkenntnisleitender Umstand.

Die Frage jedoch, wie mit der flagranten Räuber- und Gaunermentalität in Finanz- und Wirtschaftskreisen umzugehen wäre, eher steuerpolitisch oder gesetzestechnisch, blieb wieder einmal ungelöst. Daran änderten auch hübsche Einspieler mit ebenfalls filmischen Titeln wie "Die dreisten Drei" nichts. Besser wäre das Motto gewesen: Her mit den scharfen Aufsichtsregeln!

Hier hätte Peer Steinbrücks berüchtigte Kavallerie mal eine wirklich lohnende Aufgabe. Bis es soweit ist, werden wir noch unzählige Talkshows an uns vorüber rauschen sehen. Da müssen wir durch. Das macht uns innerlich nur stärker.

Vielleicht hat der liebe Gott von Oma Meume ja irgendwann doch ein Einsehen.

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