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09. Dezember 2008, 06:35 Uhr

Konsum-Debatte

Ihr Kinderlein, kaufet, so kaufet doch ein!

Geht einkaufen, Bürger, und alles wird gut!, lautet die Losung in diesem Krisen-Winter. Wie albern zu glauben, mit Konsumgutscheinen alle Probleme lösen zu können, findet der Schriftsteller Joseph von Westphalen - und konstatiert den Einbruch des Kindlichen in die Finanzwelt.

Gutscheine sind fürchterlich. In Läden erhält man sie für zurückgegebene Waren. Dann verschwinden sie spurlos. Gutscheine von Kindern, das wissen Eltern seit vielen Weihnachtsabenden, sind bestenfalls gutwillige, eher geheuchelte Absichtserklärungen. Die Zeit hat nicht für die Bastelarbeit gereicht, also liegt ein Gutschein auf dem Gabentisch: Zehn Mal Spülmaschine ausräumen.

Konsumlust in den USA: Mit uns nicht zu machen
REUTERS

Konsumlust in den USA: Mit uns nicht zu machen

Die Mutter ist gerührt, der Vater lobt das Layout. Die Gestaltung des Gutscheins zeigt mehr als sein Inhalt die Wertschätzung. Ein schlampiger Wisch, ein gekaufter Vordruck mit Rosenornamenten aus dem Papiergeschäft oder ein mit dem neuen Grafikprogramm kreativ gestaltetes Meisterwerk. Eingelöst werden solche Gutscheine selten.

Dass nun Politiker mehr oder weniger ernsthaft das Austeilen von (vermutlich schmucklosen) Konsumgutscheinen an die Bevölkerung erwogen haben und womöglich immer noch erwägen, hat etwas fast Alberndes. Wollten sie damit für Heiterkeit sorgen, für gute Laune? Pessimismus ist ja angeblich das schlimmste Gift für die Weltwirtschaft.

An den Einbruch des Kindlichen in die Finanzwelt haben wir uns allerdings schon seit ein paar Monaten gewöhnt. In kürzester Zeit wurden eben noch selbstsichere Koryphäen zu kleinlauten Stammlern, die ratlos um ihr kaputt gemachtes Spielzeugsystem herumstehen. Joseph Ackermann sieht mehr denn je aus wie ein ertappter Lausbub, dem der angerichtete Schaden ein bisschen peinlich ist, und der nach der Banker-Schelte des Bundespräsidenten bußfertig und unglaubwürdig verlauten lässt, er sei von Saulus zum Paulus geworden.

Natürlich wurde das im Feuilleton mit Lust betriebene Verteufeln der Banker von den meist konservativeren Wirtschaftsteilen der Zeitungen sofort als billig kritisiert. Hauptschuld hat nach neuestem Stand der Kunde, der so unmündig war, sich vom Anlageberater unsichere Fonds aufschwatzen zu lassen. Das ungeschriebene Menschenrecht auf Desinteresse an Geldgeschäften ist zunächst passé.

Der Bürgerkunde soll nun endlich vernünftig werden und durch emsigen Konsum Schwung in den Laden bringen oder die Fahrt ins Tal bremsen. Aus Amerika sind solche Taktiken und Töne bekannt. Bush hat versucht, mit Steuerrückzahlungen die Kauflust der Amerikaner zu reizen. Kein noch so schlauer Wirtschaftswissenschaftler weiß, ob das die Krise aufgehalten oder beschleunigt hat. Auch der Obama-Wähler wird angehalten, fleißig zu konsumieren, möglichst amerikanische Produkte.

Shoppen - Sport der Spaßgesellschaft

Shoppen für das Vaterland wird sich bei uns nicht machen lassen. Das klingt wie "Ficken für den Frieden", das ist ein Witz, das ist Satire. In einer düsteren Prognose auf 2009 beklagt ein Wirtschaftsexperte das "Fehlen sportlicher Großereignisse" im kommenden Jahr. So ist der Mensch: rührend. Frauen brauchen Einladungen, um Geld für ein neues Kleid locker zu machen, Männer Fußballweltmeisterschaften, um einen großen neuen Flachbildfernseher als absolut notwendig zu empfinden. Auch das ein Witz. Zumindest dem Fernsehgerätemarkt und den Fähnchenherstellern wäre mit einer eingeschobenen Sonderweltmeisterschaft geholfen.

Werbung wird längst als Schmieröl der Wirtschaft empfunden. Nichts geht ohne Anzeigengeschäfte. Vorbei die Zeiten, da man der Werbung vorwarf, Konsumterror auszuüben. Exzessives Shoppen war ein Sport der Spaßgesellschaft. Es ist aber auch neurotisch. Etwas zu kaufen, was man nicht unbedingt braucht, ist eine Ersatzhandlung. Dass die Regierungen ihre Bürger nun dazu bewegen wollen, dem Wachstum der Wirtschaft zuliebe ein bisschen unsolide und verschwenderisch zu sein, ist nicht ohne Komik.

Die Geldknappheit hat einen endlich vernünftig werden lassen, man findet, das Auto und der Computer tun es noch eine Weile - da wird man plötzlich zu Neukauf und Unvernunft angehalten. Fehlt bloß noch, dass die Regierung bittet, mehr Alkohol zu trinken und mehr zu rauchen. Fehlt auch noch, dass die Kirchen das Pochen auf die inneren Werte fahren lassen und den Konsumrausch als Akt der Nächstenliebe besingen.

Dumm nur, dass der gequälte Verbraucher nicht einmal hemmungslos einkaufen darf, sondern auch noch die Regeln des fairen Handels beachten soll. Keine Billig-T-Shirts vom Discounter! Immer schön recherchieren, wo das Zeug herkommt. Jeder Kauf eine Ausbeutungsverhinderungsaktion. Schluss mit Schnäppchen. Dumm auch, dass man einerseits Geld ausgeben, andererseits zurücklegen soll. Wohin? Selbst wer Geld übrig hat, weiß nicht mehr wie das geht. Die Banker kann man nicht fragen. Oder einfach drauflos prassen, und bei Gebrechlichkeit Sterbehilfe in Anspruch nehmen?

Die Chance der Krise. Man wird zum Philosophen. Gutscheine aber verderben die Laune. Das hat so etwas Bedürftiges. Vielleicht sollte man aggressive Werbeleute ran lassen. Werbung funktioniert, seltsamerweise. Noch. "Schluss mit sicher, raus mit dem Zaster". Das wäre ein schwungvoller und ehrlicher Slogan. Konsum als gute patriotische Tat? Das ist zu dumpf und schräg. Eine Zumutung.

Und wo ist die Gegengabe für all die unnötigen Einkäufe? Das betrogene Volk lechzt nach Genugtuung. Ein symbolisches Opfer muss her. Schuldfrage egal. Ackermann. Verhaftung im obersten Stock. Für den Spaß kauft man sich gern einen neuen Laptop und geht essen.

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