Konzeptkünstler Douglas Gordon "Wir brauchen Stars, aber niemand braucht Prominente"

Hühnerkrallen, Kokain und Kerzen - wenn sich der schottische Künstler Douglas Gordon an die Arbeit macht, gleicht das einer Voodoo-Zeremonie. Im Gespräch mit "Monopol" erzählt er, warum er Stars gerne die Augen auskratzt und warum Berlin der beste Ort ist, um die Bibel neu zu schreiben.


Frage: Herr Gordon, was an Ihrer Rockstarserie erstaunt, ist, dass Sie die makellose Oberfläche der Stars zerstören, ihre Aura dadurch aber an Anziehungskraft und Faszination zu gewinnen scheint. Es ist, als würden Sie den alten, zum Klischee erstarrten Bildern neues Leben einhauchen.

Gordon: Das hat vielleicht mit meinem Interesse an Voodoo-Ritualen zu tun. Während meiner Recherche zu alten medizinischen Filmaufnahmen für meine Videoarbeiten habe ich entdeckt, dass die moderne Medizin und Voodoo-Rituale eine Menge gemeinsam haben. Zum Ende des Ersten Weltkrieges, als unzählige traumatisierte Soldaten von der Front zurückkamen, versuchte man, sie aus ihrem Schockzustand zu holen und wieder gesellschaftsfähig zu machen. Mit Elektroschocks versetzte man sie in ein künstliches Koma und holte sie dann wieder ins Bewusstsein zurück. Als einer der Ärzte, die dazu forschten, nach Haiti fuhr, entdeckte er, dass Voodoo-Priester Leute in Zombies verwandelten, indem sie ihnen eine Droge namens Curare, ein Muskelentspannungsmittel, verabreichten. Durch das Mittel reduziert sich die Herzfrequenz so extrem, dass man durchaus für tot erklärt und dann begraben werden konnte. Danach veranstaltet der Priester dann ein Wiedergeburtsritual. Das hat mich immer fasziniert. Die Starbilder bewegen sich in ähnlicher Weise zwischen Leben und Tod.

Frage: Sie meinen, Sie selbst veranstalten mit Ihren Bildern eine Art Voodoo-Zauber?

Gordon: Absolut. Der Entstehungsprozess ist sehr schön und erinnert tatsächlich an eine Voodoo-Zeremonie. Normalerweise arbeite ich an den Bildern um Mitternacht. Meine Assistenten bekommen vorher eine Einkaufsliste: Hühnerkrallen, Schweinshaxen, Sirup, Honig, weißer Zucker, brauner Zucker, Shampoo, Sperma, Pisse, Kokain, Eier, Milch und so weiter. Wir zünden Dutzende von Kerzen an und verteilen sie im gesamten Studio. Dann laufe ich durch den Raum mit einem Feuer in der Hand. Einer der Assistenten folgt mir mit einer Schüssel Wasser, und wir machen uns an die unversehrten Gesichter der Stars.

Frage: Ist die Verbrennung der Bilder als aggressiver Akt zu verstehen, oder geht es Ihnen eher um das im wortwörtlichen Sinne Kultische am Starkult?

Gordon: Ich würde sagen, es geht mir um beides. Als ich an "24 Hour Psycho" arbeitete, so um 1992/93 herum, fing ich an, Bilder von Janet Leigh und Anthony Perkins zu kaufen. Für die Recherche von "5 Year Drive-By" kamen später Bilder von John Wayne dazu. Ich hatte alle Fotos in meinem Schlafzimmer aufgehängt. Eines Nachts wachte ich auf und war wie erstarrt von den Filmstars, die mich mit ihren Blicken durchbohrten. Also begann ich, Ihre Augen auszuschneiden, damit sie mich nicht mehr angucken konnten. Ungefähr zwei Jahre später befand ich die Bilder für gut und zeigte sie in der Ausstellung "Blind Stars". Die Stars hatten keine Augen. Ihre Bilder waren unterschiedlich auf schwarzem und weißem Hintergrund befestigt. Einige auch auf Spiegel montiert. Jahre später fielen mir eines Nachts die "Blind Stars" in meiner New Yorker Wohnung wieder in die Hände. Diesmal fand ich sie zu hübsch und begann deshalb, sie anzuzünden. Dabei entstanden Bilder, die sich zwischen Vergötterung und Zerstörung bewegen. Stell dir einen Marilyn-Monroe-Altar vor. Wir zünden Kerzen für Tote an, und manchmal kommt das Feuer dem Foto zu nahe. Es geht in Flammen auf.

Frage: Was interessiert Sie an Stars?

Gordon: Wir brauchen Stars, um uns selbst in ihnen zu spiegeln. Ich nehme an, dass wir sie deshalb so gerne anschauen. Aber man sollte den Unterschied zwischen einem Star und einem Prominenten niemals unterschätzen. Wir brauchen Stars, aber niemand braucht Prominente. Keiner meiner Stars ist einfach nur prominent. Prominente wie die Spice Girls oder Paris Hilton verbrauchen einfach nur Platz in unserer Imagination. Stars hingegen regen die Vorstellungskraft an. Nicole Kidman, Sean Connery oder Zinedine Zidane sind richtige Stars. Sie besitzen eine gewisse Aura, während Prominente verzweifelt versuchen, zu Stars zu werden, indem sie sich im Medienrummel verrennen. Sie arbeiten einfach nicht richtig. Ein echter Star hingegen arbeitet stets hart. Ein Promi ist im Wesentlichen parasitär, während ein Star scheint, etwas ausstrahlt.

Frage: Es ist, als würden Sie Ihre Bilder sezieren. Wie ein Anatom, der einen Körper aufschneidet, um dem Geheimnis der Seele auf die Spur zu kommen.

Gordon: Die Frage ist doch, was einen Star ausmacht. Ist es bloß seine Persönlichkeit? Welchem Teil unserer Körper entspringt der charismatische Geist? Ich interessiere mich dafür, ob die Macht einer Person verschwindet, sobald man sie ihrer Augen beraubt. In alten, biblischen Zeiten verlor man seine Kraft, wenn man sich die Haare abschnitt. Ich finde es faszinierend zu beobachten, dass manche der Stars ihre Ausstrahlung beibehalten können, obwohl man ihnen die Augen nimmt. Andere Stars werden sogar lebendiger, je mehr ihre Bilder reproduziert werden. Zum Beispiel Kurt Cobain. Ist er nicht irgendwie mehr am Leben als zuvor, weil seine Abbilder überall zu sehen sind? Ist Andy Warhol nicht auch mehr am Leben als tot?

Frage: Sind Sie bei Ihren Bildexperimenten noch zu weiteren Erkenntnissen gekommen?

Gordon: Es gab einige Vorfälle, bei denen ich mich an bestimmte Bilder nicht herangetraut habe. Martin Luther King ist so einer. Ich konnte sein Foto nicht anzünden. Ein anderer ist John Lennon. Wenn man das Schicksal der beiden bedenkt, erscheint es ihnen gegenüber unfair, ihre Abbildungen zu schänden.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.