Konzeptkünstler Rodney Graham Auf dem Rücksitz der Realität

Der Künstler wird zur Kunst: Um seiner Kindheit nachzuspüren, setzte sich der Kanadier Rodney Graham unter Drogen und ließ das Experiment filmen. Eine Ausstellung in Hamburg zeigt seine traumhaft geloopten Werke voller humoriger Hommagen auf Medien und prominente Kollegen.


Als Kind hatte er ihn geliebt, diesen "luxuriösen und sicheren Schlaf auf dem Rücksitz des Autos meiner Eltern auf dem Rückweg von einem Familienausflug", so erinnerte sich Rodney Graham einmal in einem Katalogtext. Mit 45 Jahren inszenierte der Künstler dann eine Hommage an diese schlaftrunkenen und traumseligen Passagen seiner Kindheit. Er mietete sich ein in ein Motel mit dem schönen Namen Coquitlam Sleepy Lodge, schluckte eine doppelte Dosis des Beruhigungsmittels Halcion, ließ sich, schon bewusstlos, auf den Rücksitz eines Kleinbusses verfrachten und durch die regnerische Nacht zurück in seine Wohnung in Vancouver chauffieren.

Dokumentiert ist dieser Transfer in eine Welt seligen Vergessens mit "Halcion Sleep", der ersten filmischen Arbeit des Kanadiers. Der heute 61-Jährige war damals schon ein gestandener Künstler mit Ausstellungen in Nordamerika und Europa. Er hatte zahllose Arbeiten im Geiste der Konzeptkunst geschaffen, darunter etliche zugleich verehrungsvolle und freche Aneignungen von Kunstwerken und geistesgeschichtlichen Ikonen.

Für "Standard Edition" (1988) etwa hatte Graham eine Freud-Gesamtausgabe in ein Display eingepasst, das stark an eine Wandarbeit des Minimalisten Donald Judd erinnerte. Einerseits wirkte dieses Arrangement wie eine Reverenz an die beiden Größen ihres Faches, andererseits degradierte sie das Kunstwerk zum Buchregal und das epochemachende psychologisch-philosophische Œuvre zum Deko-Element.

Rotierender Kronleuchter, verglühende Sterne

"Halcion Sleep" markierte 1994 eine Zäsur im Werk Grahams. Es wurde narrativer, und der gutaussehende, inzwischen graumelierte Graham trat nun öfter als Protagonist seiner Arbeiten auf. Zu seinen bekanntesten gehören drei Filme, bei denen die Handlung geloopt endlos in sich selber kreist. Graham gibt in ihnen den Schiffbrüchigen, der am rettenden Strand immer wieder von einer Kokosnuss ausgeknockt wird ("Vexation Island"), den Cowboy, dessen Waffe die Gitarre ist ("How I Became a Ramblin' Man"), und den Gentleman, der sein Alter-Ego malträtiert ("City Self/Country Self").

Die jetzt in der Hamburger Kunsthalle gezeigte Graham-Ausstellung kann es sich leisten, diese drei populären Filme nicht zu zeigen. Sie konzentriert sich auf die stärker konzeptuellen Arbeiten, die aber kaum weniger verführerisch sind. Zu sehen sind etwa zwei Filmprojektionen, die sich der Bedingung der Möglichkeit des Filmens widmen: dem Licht. Für "Coruscating Cinnamon Granules" hat Graham Zimtkörner im Dunklen auf eine heiße Kochplatte gestreut, so dass die Kamera sie als sternschnuppengleich verglühende "Filmsternchen" zeigt. Und für "Torqued Chandelier Release" ließ er einen Kronleuchter so rotieren, dass sich die Kaskaden der Kristalle von der Fliehkraft bauschen wie ein Ballkleid beim Wiener Walzer.

Dabei wurzelt auch Grahams Beziehung zum Film in seiner Kindheit. Weil sein Vater Geschäftsführer eines Forstwirtschaftsbetriebs war, wuchs er zeitweise in Holzfällerlagern auf. Dort führte der Vater an Sonntagen zur Unterhaltung der Belegschaft Filme vor, die er auf eine ausziehbare Leinwand im gemeinschaftlichen Küchengebäude projizierte. Beide biografische Momente, die frühen Begegnungen mit dem Wald und dem Film, kommen in "Edge of a Wood" zusammen: Die Kamera filmt einen nächtlichen Waldrand, der im Dunklen aber nur aufscheint, wenn der Suchscheinwerfer eines Hubschraubers ihn streift.

Ein auf Pointen versessener Unernst

Eine der neuesten Arbeiten Grahams ist die Fotoinszenierung "The Gifted Amateur": Ein wohlhabender Bürger hat, noch im Schlafanzug, auf dem Parkett seines Wohnzimmer Zeitungen ausgelegt und Tassen und Töpfe mit Farbe gefüllt. An einer improvisierten Staffelei geht er einer spontanen Idee nach: Einfach mal malen wie der abstrakte Expressionist Morris Louis (1912-1962). Und so wie der barfüßige Amateur dilettierend nachschöpft, so bedient sich auch Graham mit der Form dieser Arbeit bei einem anderen Künstler: Er verwendet das Verfahren des von hinten beleuchteten Großbild-Farbdias, das sein kanadischer Künstlerkollege Jeff Wall geprägt hat. Wall hatte am Anfang von Grahams Karriere als Mentor gewirkt, von Grahams Wildern in seinem Revier der Leuchtkasten-Fotoinszenierung soll er allerdings nicht so begeistert gewesen sein.

Überhaupt kann man Graham auch skeptisch gegenüber stehen: Man kann seinen Humor zu pointenversessen, sein Anliegen zu unernst, seine Selbstverweise zu eitel, seinen Hang zu listiger Nachschöpfung zu unoriginell finden. Man kann regelrecht müde werden von der Überfülle der Bezüge: auf seine Biografie, auf die zitieren Kulturfragmente, auf die Selbstreflexion der Medien.

Wer aber Sinn hat für den zirkularen Kosmos der Kunst- und Geistesgeschichte, seine endlosen Rück- und Querverweise, für die kleinen Absurditäten der großen Kunst und die großen Absurdität des kleinen Menschenlebens, wer abstrusen, leicht schwermütigen Humor mag, der wird die in Hamburg ringförmig angeordneten Ausstellungsräume wie in einem Grahamschen Loop immer wieder neu durchlaufen mögen.

Und er wird sich am Ende so taumelig und glücklich fühlen wie nach einem aufregendem Wochenendausflug seiner Kindheit. Und natürlich wäre dann nichts schöner, als erschöpft und halbbetäubt im Fond eines Wagens nach Hause geschaukelt zu werden.


"Rodney Graham. Through the Forest". Ausstellung bis zum 30. Januar 2001. Hamburger Kunsthalle

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grashalm, 23.10.2010
1. Through the Forest
Zitat von sysopDer Künstler wird zur Kunst: Um seiner Kindheit nachzuspüren, setzte sich der Kanadier Rodney Graham unter Drogen und ließ das Experiment filmen. Eine Ausstellung in Hamburg zeigt seine traumhaft geloopten Werke voller humoriger Hommagen auf Medien und prominente Kollegen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,724612,00.html
partizipierend, Romantiker inner - & ausserhalb von Endlosschleifen The Wild Flower`s Song ( William Blake ) As I wandered in the Forest the green leaves among I heard a Wild Flower singing a Song `I slept in the earth in the silent night I murmered my Thoughts and I felt delight In the morning I went as rosy as morn to seek for new Joy but I met with SCORN`
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