Fotostrecke

Tote Löwen: Totalitarismus im Tierpark

Foto: REUTERS/ Scanpix

Tiertötungen im Kopenhagener Zoo Der Mensch als König der Löwen

Tieropfer im Namen der Vernunft: Der Kopenhagener Zoo tötet vier Löwen und eine Giraffe aus "wissenschaftlichen Gründen" - und zeigt so anschaulich, dass die Herrschaft des Menschen über die Tierwelt totalitäre Züge angenommen hat.

In Deutschland werden jährlich etwa 40 Millionen Küken getötet - kurz nach ihrer Geburt. Nicht, um sie zu essen, sondern aufgrund ihres männlichen Geschlechts. Sie legen keine Eier. Für die Mast sind sie nicht geeignet. Es gilt als zu teuer, sie am Leben zu lassen.

Allein dieses Beispiel könnte genügen, um einen Sturm der Entrüstung zu entfachen. Die industrielle Massentierhaltung bietet zahlreiche weitere. Warum empört sich die Öffentlichkeit stattdessen über den Tod einer einzigen Giraffe, oder nun über den von vier Löwen? In der Tötung der Tiere im Kopenhagener Zoo verdichtet sich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier zu einer anschaulichen Geschichte mit widersprüchlichen Aspekten.

Während unsere Eltern und Großeltern das Sterben von Mensch und Tier aus der Nähe erleben konnten, sind wir Zeitgenossen des späten 20. und 21. Jahrhunderts damit aufgewachsen, dass der Tod aus dem Alltag verbannt wurde. Die Hausschlachtung von Schweinen ist heute - anders als noch in den fünfziger Jahren - exotisch. Dagegen kennen wir die Vermenschlichung von Tieren aus dem Zeichentrickfilm: Die Giraffe Marius mit ihren schönen, großen Augen, mit ihren feminin wirkenden, langen Wimpern bot sich geradezu an als Herzensbrecher auf vier Beinen. Zwei der Löwen waren erst zehn Monate alt, wie drollig. Der kühl kalkulierte Tod solcher Tiere berührt - anders als der unbekannter Küken - unsere Gefühle. Wie kann man derart bezaubernde Wesen einfach umbringen?

Zentrales Argument

Hier setzt die Argumentation des Kopenhagener Zoos an: "Was wir machen, ist wissenschaftlich begründbar", entgegnete Steffen Stræde, der Verwaltungsdirektor des Tiergartens, denjenigen, die gegen die Tötung von Marius protestierten. Es ist der zentrale Satz, nicht nur im Fall von Marius oder dem der vier Löwen, sondern für den gesamten Umgang des Menschen mit all jenen Tieren, die er tötet, ohne sie verzehren zu wollen.

In seinem jüngsten Buch "Geist und Kosmos" schreibt der amerikanische Philosoph Thomas Nagel mit Blick auf die Aufklärung des 18. Jahrhunderts vom Siegeszug des naturwissenschaftlichen Weltbildes als einem nur bedingten Akt der Befreiung. Es habe dem Menschen erlaubt, sich von den Dogmen der Religion zu lösen - und sich dann zu einem ebenso dogmatischen System entwickelt, wie das die autoritären Religionen des Mittelalters und der Antike waren.

Einstmals brachte man Tieropfer aus religiösen Gründen dar. In Kopenhagen - und zahlreichen anderen Zoos dieser Welt - werden Tiere nun im Namen der Wissenschaft geopfert. Und dies ebenso öffentlich. Die Argumente dafür klingen stichhaltig: genetische Vielfalt der Population, Generationswechsel, Inzuchtgefahr. Der Vorgang des Tötens selbst ist dabei das, was der Mensch in unbewusster Selbstüberhöhung "human" nennt. Die Giraffe Marius wurde zuerst betäubt, dann mit dem Bolzenschussgerät getötet und erst dann an die Raubtiere verfüttert.

Gespenstische Schlusspointe

Wo in freier Wildbahn ist ein derart veterinärmedizinisches korrektes Ende vorgesehen, könnte man meinen, hätte man nicht die gespenstische Schlusspointe im Kopf: Ausgerechnet im gleichen Zoo wurden nur sechs Wochen nach der Giraffe auch vier Löwen getötet - genau jene Spezies also, der man den ordentlich zerteilten Marius öffentlich zum Fraß vorgeworfen hatte.

Wer "ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet", werde bestraft, heißt es im deutschen Tierschutzgesetz. Tiere getötet hat der Mensch in seiner gesamten Geschichte. Und doch ist erst im Zeitalter der Vernunft der letzte Respekt vor ihnen verlorengegangen: Nun sind Tiere ein Gegenstand, dessen man sich je nach Lage bedient oder entledigt - und sei es, weil man, wie in Kopenhagen "Platz braucht".

In der Kulturgeschichte galt der Löwe als König der Tiere, Künstler erwiesen ihm Reverenz in ihren Werken, Kaiser, Kirchenväter und Feldherren schmückten sich mit ihm. Spätestens die Löwentötung im Kopenhagener Zoo hat gezeigt, dass dieser Herrscher zahnlos geworden ist. König der Löwen ist heute der Mensch. In der Tötung der Kopenhagener Zootiere zeigt sich, dass unser Herrschaftsanspruch über andere Spezies mittlerweile ein totalitärer ist. Im Tierpark zeigt sich dieser Totalitarismus in anschaulicher Form.

In Anspielung auf einen berühmten Vers des Matthäus-Evangeliums über die Allmacht Gottes schrieb Arno Schmidt: Der "'Herr', ohne dessen Willen kein Sperling vom Dach falle", müsse "schon 'ne merkwürdige Type sein". In einer Zeit, in der kein höheres Wesen, sondern die wissenschaftliche oder ökonomische Vernunft den Tod von Tieren gebietet, lässt sich daraus nur eines ableiten: Diese "merkwürdige Type", das ist der Mensch selbst.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.