Margarete Stokowski

Kleidervorschriften Unter jedem Tuch steckt ein eigener Kopf

Ein Kopftuchverbot für unter 14-Jährige ist falsch. Frauen werden seit Jahrtausenden mit staatlichen und religiösen Kleidervorschriften kontrolliert. Man befreit sie davon nicht durch noch mehr Regeln.
Frau mit Kopfbedeckung

Frau mit Kopfbedeckung

Foto: Ulé Barcelos / EyeEm/ Getty Images/EyeEm

Vor ein paar Jahren stand ich mal abends in München oder Frankfurt in einem U-Bahnhof und hörte, wie sich schräg hinter mir zwei junge Frauen unterhielten. Die eine fand, Kopftücher seien generell ein Unterdrückungsinstrument. Die andere fand, das könne man so pauschal nicht sagen, und man müsse die jeweiligen Gründe ernst nehmen, warum Frauen ein Kopftuch tragen. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die das freiwillig machen", sagte die Erste. Während die Bahn einfuhr, sprach sie darüber, wie sehr sie ihre Haare liebe und dass sie sie niemals für irgendwen verstecken würde. Erst, als wir eingestiegen, sah ich die zwei Frauen. Beide trugen Schuhe, deren Absätze ungefähr 15 Zentimeter hoch waren und in denen sie zwar einigermaßen laufen konnten, aber mehr wie frisch geborene Giraffen als wie Leute, die irgendwo hin wollen. Mir ist ziemlich egal, welche Schuhe die Leute tragen, die mit mir U-Bahn fahren, ich weiß nur, dass ich damals dachte: Den Satz "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die das freiwillig machen" kann ich mir auch gut auf eben jene High Heels bezogen vorstellen. Genau wie auf Nonnengewänder, weiße Brautkleider, Zehenschuhe.

Man kann anhand der Kleidung, die eine Frau trägt, nicht von außen schlussfolgern, wie selbstbestimmt oder emanzipiert sie lebt, außer sie trägt Häftlingskleidung oder eine Zwangsjacke. Es gibt Frauen, die wollen unbedingt ein Kopftuch tragen und kämpfen für dieses Recht, wie eine Berliner Grundschullehrerin  es gerade tut. Und es gibt Frauen, die kämpfen dagegen, eins tragen zu müssen, wie die Frauen in Iran. Für manche ist Hijab "Punk" , für andere ist kein Hijab Punk, aber so lange Frauen Individuen sind, wird es falsch sein, das eine oder das andere zu verallgemeinern.

Mehr Vorschriften bedeuten nicht mehr Freiheit

Nun will Österreichs Regierung Kopftücher an Kindergärten und Grundschulen verbieten , obwohl unklar ist, wie viele solcher Fälle es in Österreich überhaupt gibt. Und Nordrhein-Westfalens Integrationsminister prüft, ob es möglich ist, Mädchen unter 14 Jahren - wenn sie in Deutschland religionsmündig werden - Kopftücher zu verbieten. Auch hier ist nicht klar, wie viele solcher Kinder mit Kopftuch es gibt. Es ist ein eigenartiges Projekt mit eigenartigen Begründungen.

So fand etwa NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), Kopftücher seien für Kinder falsch, weil deren Wille noch nicht richtig auszumachen sei: "Das nimmt den Kindern die Chance, selbst zu entscheiden. Und deshalb ist das ein guter Vorschlag, den wir auch umsetzen wollen", sagte er über die Prüfung des Verbots. Das ist beachtlich, denn wer generell will, dass Kinder selbst entscheiden, was aus religiösen Gründen mit ihrem Körper passiert, müsste zum Beispiel auch Beschneidungen und streng genommen auch Taufen für Säuglinge und Kinder verbieten.

FDP-Chef Christian Lindner hat auch eine interessante Begründung. Ein Kopftuchverbot für unter 14-Jährige würde die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen stärken, sagte er. Unklar, wie das gehen soll. Außer er meint eine Persönlichkeit, die sich entgegen staatlicher Bevormundung beweisen muss.

Andere wollen ein Verbot, um die Mädchen vor Missbrauch zu schützen. "Als gläubiger Mensch habe ich nichts gegen religiöse Symbole. Aber ich habe ein Problem damit, wenn sie benutzt werden, um Kinder zu sexualisieren", schrieb NRW-Staatssekretärin Serap Güler (CDU) in der "Welt" .

Mir ist jede einzelne dieser Positionen nachvollziehbar - aber nicht als Begründung für ein Verbot. Es scheint mir sehr sinnvoll, Kinder möglichst lange von religiösen Symbolen fernzuhalten, bis sie sich selbst entscheiden. Sinnvoll, ihre Persönlichkeitsentwicklung zu stärken. Sinnvoll, sie nicht zur Sexualobjekten zu machen, bevor sie selbst welche sein wollen. Aber nichts davon läuft am besten, wenn man Mädchen bestimmte Kleidungsstücke verbietet. Frauen werden seit Jahrtausenden mit Kleidervorschriften von Staaten und Religionen kontrolliert, aber man befreit sie davon nicht durch noch mehr Regeln.

Wann hat ein Kleidungsverbot Menschen jemals freier oder stärker gemacht? Man sollte Menschen generell keine Kleidungsstücke vorschreiben oder verbieten, außer es handelt sich um so was wie SS-Uniformen oder etwas anderes, das andere Leute beleidigt oder verletzt.

Kinder brauchen Selbstbestimmung

Oder etwas, das Kindern eine freie Entfaltung unmöglich macht. Aber was wäre eine möglichst freie Entwicklung? Natürlich brauchen Mädchen unter 14 Jahre Unterstützung, damit sie stark und selbstbestimmt werden, egal welcher Religion sie oder ihre Eltern angehören. Sie brauchen das Wissen, dass sie keine Schlampen sind, wenn sie vorehelichen Sex haben, dass sie sich schminken oder nicht schminken dürfen, dass sie allein darüber bestimmen können, wer sie anfasst und wie und wann, dass sie eine Beziehung anfangen können, wenn sie wollen, und auch beenden, wenn sie wollen. Sie brauchen angemessene Aufklärung in körperlichen und sexuellen Fragen, sie brauchen Wissen über Menstruation, Jungfräulichkeit, Verhütung und Schwangerschaften, sie brauchen politische Bildung und Aufklärung über ihre eigenen Rechte sowie die Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen, Grenzen zu ziehen und Pläne zu machen. Dafür brauchen sie Vorstellungen von unterschiedlichen Lebensentwürfen und Respekt vor den Entwürfen anderer. Jungs brauchen: exakt dasselbe.

Was sie nicht brauchen, sind staatliche Regulierungen, die ihnen das Gefühl geben, dass die Religion ihrer Familie stärker reguliert wird als die von anderen. Der Islam ist nicht die einzige Religion, die manchmal zu einem eigenartigen Umgang mit Körpern und Sex führt. Auch nicht die einzige, deren Vertreter im Verdacht stehen, Kinder zu Sexobjekten zu machen . Und Religion ist wiederum nicht die einzige ideologisch verdächtigte Triebfeder in Menschen. Trachten mit unterschiedlichen Bommeln und Schleifen für Singles und verheiratete Frauen sind ähnlich suspekt. Und wer Kopftücher für Mädchen unter 14 verbietet, weil sie die Mädchen "sexualisieren", der müsste für dieselbe Zielgruppe String-Tangas und Push-up-BHs verbieten, und womöglich auch die ausgefeilte Kulturtechnik des Socken-in-den-BH-Stopfens. Das wird nicht passieren. Nicht allein, weil auch Trotz gegen Verbote ein starker Antrieb sein kann, sondern weil man Menschen nicht jedes Elend verbieten kann.

Freiwilligkeit ist eine philosophische Frage und manchmal sind die Beweggründe von Leuten schwer nachzuvollziehen. Aber staatliche Bevormundung, die sich als Hilfe verpackt, ist Stigmatisierung von ganz oben.

Video: Muslimas auf YouTube - Mein Kopftuch

dbate
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