Kunstsommer in Paris Sex, Kitsch und Wiedergeburt

Im Pariser Palais de Tokyo inszenieren die beiden jungen Kunst-Shootingstars Korakrit Arunanondchai aus Thailand und Tianzhuo Chen aus China ihr Werk. Eine Welt zwischen billigem Talmi und Inferno, Kaputtheit und Heilsversprechen.


Riesige Leinwandbilder bedecken Wände und Boden, von der Decke hängt ein Gewirr armdicker, mit Farben besprenkelter Stoffwürste, die den großen Ausstellungsraum wie eine psychedelische Höhle aussehen lassen.

Unzählige Schaufensterpuppen in Jeans und mit nackten, bemalten Oberkörpern bevölkern die Szenerie, manche sind mit Tüchern und billigen Goldfolien behängt, andere völlig mit Farbe übergossen. Dank theatralischer Beleuchtung stehen einige Puppen in Dunkelzonen, und man muss ihnen ziemlich nahe kommen, um ihre martialisch zerstörten Gesichter zu erkennen.

Andere der stummen Mischwesen sind dagegen um eine helle gelbe Fläche herum gruppiert wie um einen Spielplatz aus purem Talmi mit Abbruch-Ästhetik. Videos flimmern auf hoch gehängten Bildschirmen, alles ist mit Musik ausgefüllt. Irgendwo wabert grüner Theaternebel um eine nackte hockende Figur herum.

So sieht es zur Zeit im Untergeschoss des Pariser Palais de Tokyo aus, in der Ausstellung "Painting with history in a room filled with people with funny names 3" des thailändischen Künstlers Korakrit Arunanondchai, 29. Es ist der dritte Teil seines Gesamtkunstwerks zum Thema Geburt, Tod und Wiedergeburt, der Raum bildet den Epilog, also die Wiedergeburt. Man muss das installative Raumbild durchwandern, das, so formulieren es die Kuratoren, sowohl "eine Bühne als auch eine Landschaft" für die Besucher sein soll.

Ratlos, fassungslos und happy

Die Vorstellung, dass die Welt, die uns erwartet, so aussehen soll, scheint einige Besucher ratlos, andere fassungslos - und nur die etwa 25-Jährigen happy zu machen. Vielleicht, weil Arunanondchai früher erfolgreich in der HipHop-Szene war, vielleicht, weil seine Arbeiten auch an einen Drogentrip oder eine popglitzernde Discobühne denken lassen.

Vielleicht auch, weil Arunanondchai ein schillernder Typ ist, den man wiedererkennt: große runde Brille, oben schwarzes, unten langes blondiertes, oft geflochtenes Haar. Zum Malen zieht er sich aus, weil er die Farbe mit seinem nackten Körper auf seine Leinwände aufbringt. Dabei zitiert er nicht Yves Klein, sondern verweist auf eine Gogo-Tänzerin, die in einer thailändischen TV-Schau ihren Körper zum Malen benutzte.

Am Ende der Schau gelangt man durch einen schmalen, in rotes Licht getauchten Raum zu einem animierten Video, in dem zu sehen und zu hören ist, wie ein Geist als eine fiktive Verkörperung der Zwischenwelt mit dem Künstler spricht. Es ist der Abschluss dieses Gesamtkunstwerks, das den jungen Thailänder Arunanondchai bekannt und megaerfolgreich gemacht hat, besonders, seit er 2014 im New Yorker MoMA PS1 den zweiten Teil der Trilogie gezeigt hatte.

"I started making video installations, and I became the star", hat Arunanondchai in einem Interview mit "Art in America" gesagt. Und genau das hatte er sich vorgenommen, als er in New York anfing, Kunst zu studieren. Damals habe er in seinem "Fantasy-Universum" beschlossen: "Ich will eine Schau in der Turbinenhalle der Londoner Tate haben." So weit ist es noch nicht, aber die nächste Ausstellung ist immerhin im Ullens Center for Contemporary Art in Peking.

Sex und Kitsch als Botschaft

In Peking wurde 1985 Tianzhuo Chen geboren, der zweite junge Starkünstler, der zurzeit im Palais de Tokyo ausstellt, direkt neben Arunanondchai. Tianzhuo Chen hat 2010 am Central Saint Martins College of Art and Design sein Studium abgeschlossen und lebt heute in London und Peking. Als "one of the most promising artists of his generation" kündigt das Museum ihn an, und in seiner ersten Einzelschau in Frankreich inszeniert Chen eine schrille, hysterische Welt.

Groteske Filme laufen gleich am Eingang auf einer großen Leinwand: Mutierte Kunst-Figuren tanzen da wie auf dem vielzitierten Vulkan. Davor hocken auf einem riesengroßen Teppich zwei schematische Figuren mit glühenden Augenlöchern, angestrahlt von psychedelischen lila-orange-blauen Farbphantasien. Ein Plakat kündigt zwei abgebildete zwergwüchsige Personen als "Gangster Blood" und "extraordinary legendary" an.

Ein Video weiter sind die beiden in einer absurden Musik-Performance zu sehen. Dazwischen hängt die leere Gummihülle eines Phantasie-Monsters von der Decke, auf einem Video tanzen geschlechtslose halbnackte Personen vor einer Art Heiligenschein, und wie Vignetten leuchten zeichenhafte Gebilde von der Wand, die an Penisse erinnern und offensichtlich auch welche sein sollen. Zumindest ist darunter "Jerk Off In Peace" ("Onaniere in Frieden") zu lesen. Auf einem Bartresen stehen gläserne Gerätschaften in verschiedensten Formen, die zum Konsum von Drogen taugen könnten.

Chen benutze "farbige, groteske und kitschige Images mit direkten Referenzen zu Drogen, zum queeren HipHop, der Londoner Raver-Szene und dem japanischem Butoh-Tanztheater", erläutert das Museum. Der Künstler wolle damit "eine intime Beziehung zwischen seiner Arbeit und dem Kollaps moralischer Haltung und Überzeugungen um uns herum herstellen".

Man könnte genauso gut eine andere Botschaft herauslesen: Mit einer Dosis Sex und Kitsch lässt sich in der Kunst auch die Lust an hedonistischer Selbstverwirklichung inszenieren.


Korakrit Arunanondchai und Tianzhuo Chen: Palais de Tokyo, bis 13. September



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spon_1327892 07.07.2015
1.
Ich kanns kaum erwarten
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