Korruption in der NS-Zeit Die schwarzen Kassen der "Volksgemeinschaft"

Bestechung, Unterschlagung und reichlich Geld aus "schwarzen Kassen" sind keine Erfindungen der Gegenwart: Im "Dritten Reich" blühte einer Studie zufolge das Geschäft mit der Korruption.

Von Tillmann Bendikowski


Dass sich im Jahr 1935 Arbeiter eines Hildesheimer Betriebs nicht mehr mit "Heil Hitler", sondern mit erhobener Hand und den Worten "Sei ehrlich" begrüßten, war keine gezielte Verspottung des "Führers", sondern eine Reaktion auf offenkundige Unterschlagungen eines lokalen NS-Funktionärs. Dabei hatte der nichts anderes getan als so viele andere Parvenüs und Profiteure" in der NS-Zeit, sich nämlich schlicht persönlich bereichert. Korruption war auf allen Ebenen - vom Reichsminister bis zum einfachen Parteigenossen - ein bekanntes und verbreitetes Phänomen.

Den Recherchen des Hamburger Historikers Frank Bajohr zufolge begann diese Entwicklung unmittelbar nach der Machtergreifung von 1933. Nach der Erfahrungen mit der wirtschaftlichen Dauerkrise der Weimarer Zeit erwarteten viele "alte Kämpfer" jetzt eine Belohnung in Form von Begünstigung und Patronage, forderten materielle Sicherung und sozialen Aufstieg. Die vor allem durch personale Bindungen geprägte nationalsozialistische Kameraderie kam diesen Wünschen nach: So landeten gestandene, aber unqualifizierte Parteigenossen auf hoch dotierten Posten im öffentlichen Dienst, und aus schwarzen Kassen und Sonderfonds floss Geld an Parteifunktionäre und bald auch an Militärs. Dass viele hochrangige Wehrmachtsoffiziere wider besseres Wissen zu Hitler hielten und seinen Krieg bis in den Untergang führten, ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass er sich ihre Ergebenheit mit großzügigen Zuwendungen erkaufte.

Dabei ist es eine Ironie der Geschichte, dass die NSDAP nicht nur größter Nutznießer von Patronage und Vetternwirtschaft war, sondern zugleich zu den Hauptgeschädigten zählte: Zwar erhielt sie einerseits opulente staatliche Finanzzuweisungen, die aber auf der anderen Seite von Mitgliedern fleißig veruntreut wurden. Über 10.000 Strafverfahren strengte die Partei deshalb innerhalb von acht Jahren an; mal zweigte jemand Bestechungsgelder aus Parteivermögen ab, mal bediente sich ein anderer ausgiebig bei den Spenden für das "Winterhilfswerk". Die NS-Größen fungierten da durchaus als Vorbild: Im "Dunstkreis von Amtsmissbrauch, Hybris und angemaßten Privilegien" pflegten sie in prunkvollen Villen häufig einen aufwendigen Lebensstil. Hitler selbst zeigte bei Fragen der Korruptionsbekämpfung ein fast demonstratives Desinteresse.

Bereicherung am "Feindvermögen"

Besonders hemmungslos wurde während des Zweiten Weltkriegs in den besetzten Ländern die Bereicherung am so genannten Feindvermögen betrieben. Angehörige auf allen Ebenen der Besatzungshierarchie plünderten die Gebiete im persönlichen Interesse aus und betrieben Schwarzmarktgeschäfte vor Ort und mit Komplizen im Reich. So hatten in Hamburg führende Armeeangehörige eine regelrechten Schmugglerring gebildet, der in großem Stil Alkohol aus Frankreich als "Wehrmachtsgut" importierte, an Offizierskasinos abgab oder mit sattem Gewinn an Zivilisten verkaufte. Auch die SS, der Heinrich Himmler vergeblich solche Geschäfte verboten hatte, kaufte reichlich auf dem Schwarzmarkt - so wurde selbst die Wachkompanie des Reichssicherheitshauptamtes mit entsprechender Ware aus den Niederlanden ausgerüstet.

Auch sämtliche Stationen der Judenverfolgung waren von Korruption begleitet: Schon der anfängliche antisemitische Terror hatte sich gegen den materiellen Besitz der Juden gerichtet, während der "Arisierung" blühte dann die Bestechungspraxis, und mit der Deportation und Vernichtung der Juden behandelten die Täter den verbliebenen Besitz der Opfer wie ihre persönliche Verfügungsmasse. Diese Bereicherung, so Frank Bajohr, war zwar nicht die Ursache des Massenmords, als Begleiterscheinung bildete sie für viele Beteiligte gleichwohl eine nicht zu unterschätzende Motivationsgrundlage.

Züge einer "Beutegemeinschaft"

So kann der Autor mit seiner aufschlussreichen Studie nicht nur plausibel zeigen, dass gerade das polykratische NS-System für Korruption in hohem Maße anfällig war, verdienstvoller noch ist Bajohrs Nachweis, dass diese Raffgier keineswegs auf die "Bonzen" beschränkt war. "Auch die Nutznießer der 'Arisierung' jüdischen Eigentums", so stellt er klar, "waren nicht auf eine kleine Schar von NS-Funktionsträgern begrenzt gewesen, ganz zu schweigen von jener Vielzahl von Soldaten, Verwaltungsbeamten, Unternehmern und umgesiedelten Volksdeutschen, die unmittelbar in die Ausplünderung der besetzten Gebiete involviert waren." So gesehen nahm die "Volksgemeinschaft" zumindest ansatzweise Züge einer "Beutegemeinschaft" an und viele "ganz normale Deutsche" verstrickten sich durch Bereicherung in die nationalsozialistische Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik.

Frank Bajohr: "Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-Zeit" (S. Fischer Verlag 2001), 256 S., 44,90 Mark



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