Margarete Stokowski

Kramp-Karrenbauer, von der Leyen, Merkel Ist schon Matriarchat?

Signalisieren drei mächtige Politikerinnen schon die Vorherrschaft der Frauen? Nein. Selbst wenn im Bundestag eine Mehrheit von Kramp-Karrenbauers säße, hätten wir nichts davon.
Kramp-Karrenbauer, von der Leyen, Merkel: noch nicht mal Gleichberechtigung

Kramp-Karrenbauer, von der Leyen, Merkel: noch nicht mal Gleichberechtigung

Foto: Jens Jeske

Pünktlich zum 200. Erscheinen dieser Kolumne häufen sich die Aussagen, es sei ein Matriarchat errichtet worden. Soso. Weil es ein Foto gab, auf dem drei mächtige Frauen nebeneinandersaßen. Merkel, von der Leyen, Kramp-Karrenbauer im Schloss Bellevue, drei Frauen auf wichtigen Posten, große Aufregung: Ist das der Umsturz?

Der "Presseclub" der ARD spricht von "Merkels Matriarchat", Bild.de sieht einen "Sieg der Frauen-Power" (und "die drei Damen vom Will", wegen starkem Willen, puh.). "Es war ein eindrucksvolles Bild", heißt es in der "Süddeutschen", "wie sich die Kanzlerin da mit der neuen Ministerin und ihrer Vorgängerin, der künftigen Präsidentin der EU-Kommission präsentierte. Frauenpower." Aber so lange Leute noch Worte wie "Frauenpower" schreiben, sind Frauen mit Power nicht normal.

Uff. Wo soll man anfangen? Vielleicht hiermit: Wenn ab jetzt alle, denen es viel vorkommt, wenn drei Frauen aus einer Partei relevante Aufgaben in Deutschland und Europa innehaben, jedes Mal auch ein Thinkpiece zum Patriarchat springen lassen, wenn irgendwo drei mächtige Männer zusammensitzen.

Man könnte sich auch mal ansehen, wie darüber berichtet wird, dass von der Leyen jetzt EU-Kommissionspräsidentin ist. "Focus Online" bezeichnete ihre Wahl als "Muttis letzten Coup"; ja, es ist wahr, es ist 2019 und Leute nennen Merkel immer noch "Mutti". Die "FAS" zeichnete Ursula von der Leyen als aus dem Hut gezaubertes Kaninchen, allerdings nicht wirklich als Kaninchen, sondern als Playboy-Häschen mit knappem Kleidchen.

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Die Metapher, dass eine Kandidatin "aus dem Hut gezaubert" wird, ist das eine - aber warum muss sie dabei posieren wie ein Pin-up-Girl, und wäre mit, sagen wir mal, Peter Altmaier oder Jens Spahn genauso verfahren worden? Sexy Pose, viel nackte Haut, das ganze Programm?

"Für Frauen, die gestalten wollen, ist die CDU gerade um einiges attraktiver geworden", schrieb die "taz" . "Machtpolitisch hat diese Partei es in puncto Frauen einfach drauf." Na ja. Die CDU in Brandenburg hat gerade erst gegen ein Paritätsgesetz gestimmt, im nächsten Landtag werden aller Voraussicht nach wieder mehr Männer als Frauen für die Partei sitzen. "Dieses Trio liefert gerade ein Lehrstück über weibliche Macht", so hieß es weiter in der "taz". Weibliche Macht, was soll das sein?

Es gibt keine spezifisch weibliche Macht. Frauen mit Macht können sich genauso schlecht benehmen wie Männer mit Macht. Wenn sie sich nicht aktiv für die Rechte von Frauen und Minderheiten einsetzen, dann können Frauen so viele wichtige Posten haben, wie sie wollen, dann ist es "eine Welt, in der sich Männer und Frauen gleichberechtigt die Aufgabe aufteilen, Ausbeutung am Arbeitsplatz und gesellschaftliche Unterdrückung zu verwalten", so haben es Beate Hausbichler und Noura Maan im "Standard" formuliert .

Gerade die drei Politikerinnen auf dem angeblich so ikonischen Foto haben sich bisher nicht besonders damit hervorgetan, die Rechte von Frauen oder Minderheiten zu stärken. Angela Merkel lässt sich, seit klar ist, dass sie keine neue Amtszeit anstrebt, ab und an zu feministischen Statements hinreißen. Ursula von der Leyen war in ihrer Amtszeit als Familienministerin für das Gesetz zum Elterngeld verantwortlich, das arme Familien benachteiligt und dazu geführt hat, dass Väter jetzt denken, sie seien Feministen, wenn ihre Frau ein Jahr lang wickelt und sie zwei Monate. Und Annegret Kramp-Karrenbauer ist ungefähr so feministisch wie der Papst.

Frauen, die Spitzenämter in der Politik innehaben und sich nicht für Frauenrechte einsetzen, haben - wenn überhaupt - nur indirekt eine positive emanzipative Wirkung, gewissermaßen aus Versehen, weil sie eben Frauen sind und damit die Tatsache normalisieren, dass Frauen Macht haben können, aber das war es auch schon. Solange sie die Ausnahme sind, bestätigen sie die Regel. Das Patriarchat kann auch sehr gut weiterfunktionieren, wenn Frauen an relevanten Schaltstellen sitzen. Der Bundestag könnte 70 Prozent Frauenquote haben - wenn da zu 70 Prozent Kramp-Karrenbauers säßen, hätten wir nichts davon.

Wer von einem Matriarchat spricht, nur weil ein paar Frauen wichtige Jobs haben, ist genauso witzlos wie Leute, die sagen: Ganz schön kalt heute, und das soll diese globale Erwärmung sein, höhö?

Es ist noch nicht Matriarchat. Weil noch nicht mal Gleichberechtigung ist. Im Matriarchat würden Frauen nicht weniger verdienen als Männer, alleinerziehende und geschiedene Frauen wären nicht von Armut bedroht. Im Matriarchat wären Hebammen reiche Frauen, insofern es dann noch Reichtum gäbe, denn Feminismus muss Klassenkampf sein, er muss dafür sorgen, dass diejenigen, die sich um andere kümmern, ein vernünftiges Auskommen haben.

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Stokowski, Margarete

Untenrum frei

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 256
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06.02.2023 05.33 Uhr

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Im Matriarchat gäbe es mehr als ein einziges Leitmedium in Deutschland , das mehr als die Hälfte der Führungspositionen mit Frauen besetzt, und es würde den Medien besser gehen  als je zuvor. Frauen in der Öffentlichkeit heimlich unter den Rock zu fotografieren, wäre keine bloße Ordnungswidrigkeit  mehr, sondern Majestätsbeleidigung, Tampons und Binden wären kostenlos und Franz Josef Wagner arbeitslos. Es gäbe weniger Gewaltund in den Old Boys Networks würden hauptsächlich Rezepte für Flammkuchen ausgetauscht.

Die kürzlich verstorbene Philosophin Ágnes Heller wurde in einem Interview mal gefragt, ob die Frauenbewegung auf einem guten Weg ist. "Die Frage stellt sich nicht", sagte sie. "Die Frauenbewegung ist die bisher größte Revolution der Menschheit, und im Gegensatz zu allen anderen Revolutionen wird sie eines Tages vollendet sein." Möge sie recht haben.

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