Krawalle in England "Diese Regierung hat die Zivilgesellschaft zerstört"

Die nächtlichen Krawalle in England waren absehbar, sie sind eine direkte Folge der Politik der neoliberalen Regierung David Camerons - sagt der in London lehrende US-Soziologe Richard Sennett. Im Interview erklärt er, warum die britische Gesellschaft viele junge Leute isoliert und kriminalisiert.
Krawalle in Liverpool (in der Nacht zu Mittwoch): "Eine bittere Wendung"

Krawalle in Liverpool (in der Nacht zu Mittwoch): "Eine bittere Wendung"

Foto: Peter Byrne/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Vier Nächte lang tobte ein gewaltbereiter Mob plündernd und prügelnd durch die Straßen englischer Großstädte. War so etwas zu erwarten oder gar vorherzusehen?

Sennett: Angesichts der Veränderungen in England in den letzten zwei Jahren war es nicht unwahrscheinlich, dass es zu einer Explosion kommt. Die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch - nichts Neues, das war sie auch in den Boomjahren. Aber die neoliberale Regierung, die wir derzeit haben, hat viele soziale Leistungen für junge Leute abgeräumt. Die Jugendzentren, die Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit - all das ist gekürzt oder abgeschafft worden. Junge Leute sind heute nicht nur arbeitslos, sondern auch noch gesellschaftlich isoliert. Das musste sich irgendwie Luft verschaffen.

SPIEGEL ONLINE: David Cameron und seine Regierung haben sich auf die Sprachregelung geeinigt, dass es sich "schlicht und einfach um kriminelles Verhalten" handelt.

Sennett: Natürlich ist das kriminell. Und es ist sinnlos. Aber das ist nichts weiter als ein Klischee. Es gibt ein Problem, das ich auch in meinem Buch "Respekt" behandelt habe: Die Art und Weise, wie die Probleme von jungen Leute heute öffentlich diskutiert werden, sind von Klassenvorbehalten geprägt. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, ein Konservativer aus der Oberschicht, führt das gerade exemplarisch vor. Johnson hat die Plünderer als Unterschichtsmob bezeichnet. Wenn man Menschen so nennt, will man sie nicht mehr erreichen. Die Sprache, die wir größtenteils für soziale Unruhen benutzen, begegnet den Menschen mit Verachtung - und das heizt das Problem weiter an.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die vorherige Regierung anders gemacht?

Sennett: Als Tony Blair 1997 an die Macht kam, sprach er davon, dass er "hart mit dem Verbrechen, aber auch hart mit den Gründen für das Verbrechen" umgehen würde. Das hat den Leuten gefallen, das war eine ausbalancierte Haltung. Heute haben wir eine andere Stimmung. Heute scheint der Grund für das Verbrechen darin gesehen zu werden, dass potentiell alle jungen Menschen Verbrecher sind. Das ist eine schreckliche Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Handelt es sich also im Kern um einen Klassenkampf?

Fotostrecke

England in Flammen: Gewaltwelle breitet sich aus

Foto: Tim Hales/ AP

Sennett: Ich glaube, die Ursachen liegen auch in der Jugendarbeitslosigkeit. Es gibt einfach so viele junge Arbeitslose, die keinen Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft haben und die empfänglich für Gewalt sind. Weil die Regierung nicht mehr effektiv auf lokale Unruhen antworten kann, haben viele Gemeinden lokale Bürgerwehren aufgestellt. Mein Sohn lebt an der Kingsland Road in Hackney - dort zum Beispielt hat die Moschee Patrouillen organisiert, die nachts aufpassen, das nichts passiert. Wenn die sich selbst überlassenen ethnischen Communitys ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, wird auch die extreme Rechte sich mobilisieren. Vergangene Nacht sind drei Muslime von einem Auto getötet worden, das wahrscheinlich ein rassistischer junger Mann gesteuert hat.

SPIEGEL ONLINE: Der britische Autor Darcus Howe, der als Jugendlicher in den Sechzigern aus Trinidad nach Brixton gekommen ist, begreift die Krawalle politisch: "Ich nenne das nicht Krawall, ich nenne das einen Aufstand", hat er im BBC-Interview gesagt und die Ereignisse mit den arabischen Revolutionen in Syrien und Ägypten verglichen.

Sennett: Das ist Nonsens. Ich habe großen Respekt vor Darcus Howe, aber da vergreift er sich. In Ägypten und Syrien haben die Leute nicht geplündert und ihre armen Gemeinden zerstört. Dort war es politischer Protest. Die Ereignisse in England mögen politische Gründe haben, aber das Verhalten selbst ist nicht politisch. Die wahren Opfer sind die Communitys selbst.

SPIEGEL ONLINE: Die Gewalt auf den Straßen Englands findet keinen politischen Ausdruck und hat keine politischen Forderungen?

Sennett: Es mag dort Leute geben, die protestieren und politische Forderungen haben. Aber Plünderungen in armen Gegenden sind keine politischen Akte. Das kommt nicht von Leuten, die ein politisches Bewusstsein haben. Wenn du arm bist und politisch denkst, dann schützt du deine Community.

SPIEGEL ONLINE: Lassen sich diese Riots denn mit politischen Forderungen verknüpfen?

Sennett: Ja, ich glaube, es kann daraus etwas entstehen, wenn es vorbei es. Die Frage ist: Warum ist das jetzt geschehen? Was hat diese Eruption jetzt verursacht? Armut und Arbeitslosigkeit gibt es schon lange in England. Aber diese Gemeinden hatten eine Verbindung in die Gesamtgesellschaft, die in den letzten Jahren von der Regierung abgeschnitten wurde. Wenn du einen Spielplatz schließt, weil du ihn nicht mehr unterhalten kannst oder willst, treibst du die Jugendlichen auf die Straße. Wenn es regnet, aber das Jugendzentrum geschlossen ist, weil kein Geld mehr da ist, sagst du den Leuten: Ihr gehört nirgendwo hin! Ich hoffe, man redet bald über die Ursachen. Und die liegen für mich darin, dass diese Regierung die Zivilgesellschaft und die zivilen Institutionen zerstört hat. Ich hoffe, dass das die Diskussion ist, die stattfinden wird.

SPIEGEL ONLINE: Jungen Leuten wird der Zugang zu Bildung und sozialen Institutionen weggekürzt, aber sie nutzen High-Tech-Geräte, Blackberry-Handys mit speziellen, für Manager entworfenen Chat-Netzwerken, um miteinander zu kommunizieren. Ironie der Geschichte?

Sennett: Ja, nicht wahr? Ein brutalisiertes England wird zum Opfer der technologischen Revolution und der sozialen Netzwerke. Die Leute haben diese Techniken benutzt, um die Attacken zu koordinieren - das ist wirklich neu. Eine bittere Wendung.

Das Interview führte Christoph Twickel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.