Kriegsreporter-Theater Narbe trifft Narbe

Kampfeinsatz am Kaffeetisch: Mit den Kriegen in Irak und Afghanistan sind auch die Journalisten, die von ihnen berichten, ins Rampenlicht gerückt. In New York hat jetzt ein Theaterstück Premiere, das ihr Dilemma zwischen Helfen und Hinschauen schildert - Hollywood-Stars inklusive.

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Kriegsreporter: Zeig mir deine Wunde
In einem der wenigen politisch aufregenden Stücke, die derzeit am Times Square in New York laufen, haben böse Menschen einer stolzen blonden Heldin mit einer Bombenexplosion schlimm zugesetzt. Das Gesicht der Frau ist durch rotschimmernde Narben entstellt. Ohne Menschen wie ihresgleichen wäre der Globus ein schlechterer Ort, sagt die Heldin über ihren Beruf, "aber es ist nicht unser Job, die Welt zu retten".

Natürlich ist die Frau, die Laura Linney ("You Can Count On Me", "Kinsey") da im Samuel J. Friedman Theatre am Rand des Broadway spielt, von Beruf Reporterin. Kriegs- und Katastrophenberichterstatter von Zeitungen und Fernsehsendern sind monumentale Helden unserer Zeit. Sie halten Halbtoten ihre Mikrofone ins Gesicht und ducken sich im Kugelhagel und im Erdbebenstaub; sie knipsen, sie filmen und hacken in ihre Computertastaturen an den gefährlichsten Orten der Welt; und wenn sie bei CNN arbeiten, dann operieren sie neuerdings auch noch selbst.

Längst zelebrieren die Reporter auch ihre innere Zerrissenheit, ihre Angst und ihre Verpflichtung zum Abstandhalten auf eine Art öffentlich, dass man mit Fug und Recht sagen kann: Was früheren Generationen der Arzt am Scheideweg war, ist heutigen Menschen der Journalist auf dem Kriegspfad. Wie jedes wirklich scharfe Debattenthema ist die Moral von Reportern, die aus dem Irak, aus Afghanistan und Haiti berichten, angeblich ein Tabu. Zwar meditieren in Dutzenden von Talkshows und auf allen Medienseiten mutige und von schlimmen Ereignissen verstörte Journalisten über ihren Job. Dennoch gelte das laute Nachdenken über die eigene Arbeit nach wie vor als "eitle Selbstdarstellung" und sei verpönt, klagen die Reporter gern. In den Medien und in den Wohnstuben ihrer Nutzer werde leider bis heute viel zu wenig über die Arbeit der Elendsbeschreiber reflektiert.

Letzter Ausweg: der Kulturteil

Ist das so? Wohl eher nicht. Seit Kinofilme wie "Ein Jahr in der Hölle" und "Die Fälschung" Anfang der 1980er Jahre von Blutbädern und Schuldgefühlen verwirrte Reporter in den Mittelpunkt stellten (und wegen der Kriege in Bosnien, Tschetschenien, Irak und Afghanistan), ist die Moral der Berichterstatter ein beliebtes Dauer-Debattenthema in den Feuilletons, in TV-Gesprächsrunden und bei Hempels am Kaffeetisch. Insofern ist es ein schönes Abbild der Wirklichkeit, dass in dem Theaterstück "Time Stands Still" eben dort, am Kaffeetisch, mit packender Eindringlichkeit um Sinn und Unsinn und persönliche Folgeschäden der Kriegsreporterarbeit gestritten wird.

Das Stück von Donald Margulies, offizielle Broadway-Premiere ist am Donnerstag dieser Woche, spielt in einem schicken Loft in einer US-Großstadt und ist ein ziemlich herzzerreißendes Beziehungsdrama. Laura Linney spielt die Kriegsfotografin Sarah, die seit neun Jahren mit dem langjährigen Frontberichterstatter James (gespielt von Brian d'Arcy James) zusammenlebt - wenn sie nicht gerade herumreist in fernen Krisengebieten. James hatte irgendwann die Schnauze voll von Tod und Elend und schreibt jetzt für den Kulturteil. Sarah hat man gerade mühsam in einem US-Army-Hospital in Deutschland zusammengeflickt, nachdem sie im Irak in eine Bombenattacke geraten war, bei der ihr irakischer Guide starb. Der tote Iraki war, wie wir bald erfahren, auch ihr Lover.

In der Tradition klassischer Ehe-Schlachten wie "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" werden hier in der Wohnstube des Paars nach und nach Geheimnisse aufgedeckt, vor zwei Besuchern: dem väterlichen Verleger-Freund (Eric Bogosian) der beiden und seiner scheinbar dummen jungen Geliebten (Alicia Silverstone in einer Bombenrolle). Der Dramatiker Margulies, 55, hat vor zehn Jahren für ein Stück namens "Dinner mit Freunden" einen Pulitzer-Preis gewonnen. Auch "Time Stands Still" ist ein Stück, in dem fast immer um einen Tisch gesessen oder gestanden wird. Allerdings nippt man immer nur an Tassen oder Whiskeygläsern. "Ich habe kein Stück über den Irak-Krieg geschrieben, aber ein politisches Drama", sagt Margulies.

Tatsächlich biegen sich die Menschen im New Yorker Theater oft vor Lachen. Das liegt an der ausgefeilten Dialog-Kunst, mit der hier vier Menschen ihre Sicht auf die Welt darstellen, ohne dass einer von ihnen wirklich als oberflächlicher Schwachkopf oder verbitterter Moralprediger denunziert wird. Das Mädchen, das Alicia Silverstone spielt, fragt zum Beispiel einmal, was "ein einfacher Mensch wie ich" mit den Horrorbildern Sarahs anfangen soll. Wie kompliziert die Antwort auf diese Frage ist, erfährt man später, wenn die übel traumatisierte, dennoch von ihrer Arbeit beseelte Sarah nichts dabei findet, ihre schrecklichsten Fotos in einem Coffeetable-Prachtband präsentieren zu lassen, mit dem ihr Verleger tolle Geschäfte macht. So strampeln die Bewohner der Mediengesellschaft allesamt wie Marionetten, um ihrer Vorstellung von Wahrheit, Glück und Erfolg Anerkennung zu verschaffen.

Wieder rein in Krieg und Elend

In Zürich hat vor ein paar Wochen der Regisseur Martin Kusej mit einem Stück, das auf einem Film des ermordeten Niederländers Theo van Gogh beruht, einen Sensationserfolg gelandet. In "Interview" trifft der ehemalige Bosnien-Kriegsreporter Pierre (Sebastian Blomberg) auf die Soap-Darstellerin Katja (Birgit Minichmayr), und es entsteht ein klischeesatter Schlagabtausch zweier von ihrem Job komplett Enttäuschter. "Narbe trifft Narbe" heißt es bei Van Gogh einmal, und der reißerische Knalleffekt am Ende seiner Stückvorlage will es, dass der scheinbar für das Mitleid der Welt kämpfende Reporter zuletzt selber als Mörder entlarvt wird.

Donald Margulies ist da sehr viel weniger platt. Zwar trennt sich seine Heldin von ihrem Kerl und wird mit allen zentralen Fragen des Reporterhandwerks konfrontiert, darunter auch mit dieser: "Wie kann man beim Sterben immer nur zusehen, ohne zu helfen?" Und doch lässt der Autor sie am Ende wieder losziehen in Krieg und Elend. Nicht um die Welt zu retten, sondern um aus ihr zu berichten.

Ob's einen Sinn hat? Darauf, findet Margulies, soll der Theaterzuschauer sich gefälligst selber einen Reim machen.

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Diomedes 30.01.2010
1. Eine Folge der Medienmacht…
Spätestens seit Bilder von allerlei Missetaten die Intervention ausländischer Mächte – wie bei den Nachfolgekriegen in Jugoslawien – (oder diese zumindest in der Öffentlichkeit rechtfertigen zu vermögen), haben die Unholde ein vitales Interesse daran, dass man ihnen nicht bei ihren Gewalt- und Schandtaten zu sehen; und gerade bei entlegenen und kaum beachteten Konflikten wie im Sudan, auf Sri Lanka oder in Burma kann man dies mühelos tun; schlimmer aber noch sind die neuen Gewalten, welche in Südamerika aus kriminellen Banden entstanden sind und nun drohen ganze Staaten wie Mexiko zu überwältigen, denn diese morden jene unbequemen Zeugen ohne Rücksichten oder Furcht.
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