S.P.O.N. - Der Kritiker Revolution? Zu kompliziert!

Freiheit, Gerechtigkeit, Transparenz? Gähn, wo bleibt die Story? Wenn Deutschlands Medien den Blick Richtung Maidan richten, wollen sie Ränkespiele und Rechtsradikale sehen. Und immer wieder: Putin, Putin, Putin. Sie verraten dabei diejenigen, die für Europas Werte kämpfen.

Die Medien haben ein Problem mit Normalität und mit Dauer. Das ist nicht neu, aber im Fall der Proteste, des Umsturzes, der Revolution in der Ukraine und ihrer Folgen ist es wieder deutlich geworden.

Wie kann man etwas beschreiben, das sich entwickelt, langsam und unstet, mal vorwärts, mal wieder zurück, eine unübersichtliche Affäre, wie das bei Revolutionen nun mal so ist?

Die Antwort der meisten Medien: Wir lassen uns doch unser Drehbuch nicht kaputtmachen.

Und so verwandelten sich die Proteste der Menschen in die Machtspiele von Politikern - die Sehnsucht der Journalisten wie der Historiker nach einzelnen Figuren, an denen entlang man eine Geschichte erzählen kann, siegte über die Einsicht, dass es eben nicht Individuen sind, die Geschichte machen, auch wenn es manchmal so aussieht.

Also: Putin, Putin, Putin, mal verstanden, mal missverstanden, mal interpretiert, mal dämonisiert, Merkel telefoniert, Schröder erklärt, die EU, der Westen, überhaupt, die Krim, der Krieg, der Weltkrieg, die Geschichte - es schien fast, als ob die Journalisten zeigen wollten, dass sie klüger sind als die Menschen, die auf dem Maidan zu allererst für ihre Freiheit gekämpft haben, was auch immer das im Detail bedeutet.

Aber das ist wohl schon zu kompliziert: Werte wie Freiheit, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit, Transparenz, eine bürgerliche Ordnung, die diesen Namen verdient - das, so scheint es, ist keine gute Story.

Bürgerliche Ordnung ist keine gute Story

Die bessere Story sind Putins Pläne, sind die Ränkespiele der Rechten, Machtspiele, Muskelzeigen oder einfach ganz helmutschmidtig einen auf Bismarck zu machen und möglichst schnarrend Realpolitik vorwärts und rückwärts zu buchstabieren.

Und wenn die Geschichte ein Sumpf ist, aus dem sich die Protestierenden doch eben gerade befreien wollen, dann kommen sicher ein paar deutsche Leitartikler oder Feuilletonisten vorbei und stoßen sie mit dem Fuß wieder zurück, wahlweise ins Jahr 1954, 1944 oder 1924, und erklären ihnen, dass das Land, für dessen Unabhängigkeit sie kämpfen, gar nicht existiert.

Was die Menschen wollten, was sie riskierten, was sie sich immer noch erhoffen, darum geht es fast kaum noch - das war auch der Eindruck der Protestierenden, mit denen ich in der vergangenen Woche in der Ukraine gesprochen habe: Dass die Werte, die sie für europäische halten, den Europäern selbst ziemlich egal sind.

Die Werte von 2011, so könnte man sie nennen: Denn natürlich gibt es eine Verbindung vom Tahrir-Platz zum Kiewer Maidan - es waren Proteste einer Mittelschicht, die sich selbst und ihre Macht entdeckt und an die Grenzen von Korruption und politischem Kalkül stößt.

Aber diese Revolution der Werte und der Würde ist, in Ägypten jedenfalls, schon wieder gescheitert - so hat das "Le Monde" traurig konstatiert diese Woche, als die massenhaften Todesurteile gegen die Muslimbrüder deutlich machten, wie kurz dieser Frühling der Demokratie war.

Enttäuschte Hoffnungen und verratener Humanismus

Und was macht die ARD, die doch als öffentlich-rechtlicher Sender so viel Geld bekommt für ihren "freiheitlich demokratischen Grundauftrag": Sie sendet in der "Tagesschau" einen Propaganda-Beitrag, in dem der Putschist al-Sisi als Süßigkeit und Garant der Stabilität präsentiert wird, auf Törtchen, auf T-Shirts, immer um "die Ordnung" besorgt, als sei das ein Wert an sich, ein Wert, der höher einzustufen ist als Freiheit und Selbstbestimmung.

Aber so ist das in diesen Tagen der schleichenden Restauration, der galoppierenden Reaktion: Die Exegeten des Status quo beugen sich über die wimmelnden Massen auf den Straßen und schütteln den Kopf. Die Ordnung hat gesiegt.

"Es gibt wenige Dinge, die sich nicht ändern in dieser Welt", hat der Dichter Charles Simic gerade in der "New York Review of Books" geschrieben, "aber wir können sicher sein, dass die, die ihre Stimme gegen die Ungerechtigkeit erheben, am Ende verraten werden."

Niederschmetternd, so nannte Simic die Erfahrung der vergangenen Jahre, in denen die Demokratie erst erwachte und dann niedergeschlagen wurde - ein Zeitalter nimmt hier Form an vor unseren Augen, ein Zeitalter der enttäuschten Hoffnungen und des verratenen Humanismus.

Ist Charles Simic naiv, weil er Dichter ist?

Aber wenn alle immer nur vom neuen Krieg reden, ist es vielleicht an der Zeit für Dichter, die naiven, ewigen Fragen zu stellen.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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