Krise bei Schmidt & Pocher Der Zauberlehrling patzt

Zwist in der Late-Night-WG: Gleich drei Parodien probierte Oliver Pocher in der Sendung mit Harald Schmidt aus, keine funktionierte, und zum Talk-Gast Charlotte Roche fiel ihm auch nichts Komisches ein. Erneut ließ Schmidt seinen jungen Kompagnon böse auflaufen.

"Nee, ich bin ganz lässig", sagte Oliver Pocher. Gleich zweimal hintereinander. Und wenn einer zweimal sagt, dass er ganz lässig ist, dann ist er das ganz sicher nicht. Aber vielleicht war es auch einfach alles ein bisschen viel für den Andrack-Ersatz bei "Schmidt & Pocher" in der ARD. Schmidt ließ seinen Kompagnon weit mehr als die Hälfte der Arbeit machen - sogar Schmidt selbst musste Pocher spielen.

Die Stand-up-Witze am Anfang, die seit der allerersten Harald-Schmidt-Show vor gefühlten 30 Jahren zum Standard gehören, lieferte diesmal Pocher-als-Schmidt ab: Mit Schmidt-Gesten, Schmidt-Betonung und Schmidt-Sprache - nur leider nicht so gut - und ein bisschen nervös. Als hätte der Meister seinen Lehrling auf die Bühne gejagt, um mal vorzuführen, dass der es noch längst nicht so drauf hat wie er selbst.

Dass es kriselt in der Late-Night-WG der ARD ist kein Geheimnis - der inzwischen zum Skandal hochgejubelte Auftritt der Rapperin Lady Bitch Ray, die Pocher ein Döschen mit Intimsekret als Geschenk überreichte, war da nur einer von mehreren Tiefpunkten. Pocher reagierte wie ein errötender Konfirmand, Schmidt kanzelte ihn vor laufender Kamera ab - alles ein bisschen peinlich. Moralwächter erregen sich seit Wochen über die Sendung und die Tatsache, dass ein Geschlechtsteilwort mit F darin gleich mehrfach fiel. Eine katholische Rundfunkrätin fand das "ekelerregend" und sah sich zu einer offiziellen Beschwerde veranlasst. Nun will wohl der WDR-Rundfunkrat bei seiner nächsten Sitzung über die Causa Schmidt & Pocher beraten.

Pocher als Schmidt, Pocher als Kahn, Pocher als Löw

Das an sich wäre ja eigentlich eher ein Grund zur Freude für zwei Berufs-Provokateure. Was Schmidt augenscheinlich ärgerte, war vielmehr Pochers mangelnde Souveränität - und gestern bekam der Zauberlehrling nun entweder Gelegenheit, mal zu zeigen, was tatsächlich in ihm steckt, oder zu demonstrieren, dass er es einfach nicht kann. Erbarmungslos wurde er an die Front geschickt: Pocher als Schmidt, Pocher als Bundestrainer Jogi Löw im Liveinterview mit sich selbst am Rhein-Strand von Mallorca, Pocher als Oliver Kahn im Gespräch mit Harald Schmidt.

Die Löw-Nummer war nicht lustig, ein Hautfarbe-Witz über David Odonkor peinlich, die Parodie mangelhaft und viel zu lang - was Beobachter Schmidt auch deutlich anzusehen war. Ob das jetzt wirklich der Löw gewesen sei, fragte er hinterher, der habe sich manchmal ja eher angehört wie Lukas Podolski - den nachzumachen, ist Pochers Vorzeige-Parodie. Der Kahn-Pocher sollte dann später auf Schmidts Wunsch, um die Stichelei ein bisschen weiter zu treiben, noch mal ein Gespräch zwischen Löw und Podolski nachmachen: "Und was soll ich da jetzt sagen?", fragte Pocher/Kahn. "Naja, irgendwas improvisieren eben", antwortete Schmidt.

Das Netzer-Delling-Duo der deutschen TV-Unterhaltung?

Dann kam Charlotte Roche - schon wieder eine Frau, die derzeit mit dem Thema Sex überall Schlagzeilen macht. Schmidt plauderte über sensationelle Verkaufszahlen und die erstaunlichen Feuilletontexte über ihren Hämorrhoiden-Roman "Feuchtgebiete", Roche lächelte, ließ ihre Augen glitzern, war witzig und bescheiden, Schmidt schäkerte wie in der guten alten Zeit. Pocher saß steif daneben, obwohl er Roche noch aus seiner Zeit bei Viva kennt. Die Lässigkeitsbeteuerungen taten ein Übriges für den insgesamt schwachen Gesamteindruck.

"Ich wollte ein Buch schreiben, das euch beiden gleichermaßen gefällt", beantwortete Roche die übliche "was hat dich dazu getrieben?"-Frage, und zeigte dann zuerst auf Pocher, dann auf Schmidt: "Nämlich mit den beiden großen Themen Muschi" (Pocher), "und Hämorrhoiden" (Schmidt). Das Publikum brüllte. Pocher hob gequält die Hände und murmelte zaghaft "Jaaa". Schmidt lachte und sagte dann sehr schnell: "Ich weiß nicht, ob du das wusstest: so sollte die Sendung ursprünglich heißen - aber Marianne und Michael haben den Titel nicht freigegeben." Große Heiterkeit.

Ganz unabhängig davon, dass auch das schon wieder Ärger geben könnte, zeigte der Austausch deutlich, was im Moment los ist im Hause Schmidt & Pocher. Einer ist witzig, der andere nicht so.

Dass das nun vor der Kamera immer wieder zum Thema gemacht wird, hat entweder Methode - vielleicht wollen die beiden ja zum Delling-Netzer-Duo der deutschen TV-Unterhaltung werden, Dauerkonflikt als Gag-Quelle. Oder aber Schmidt ist wirklich langsam genervt und hat keine Lust mehr, weil er nachhaltig enttäuscht ist von Pocher. Weil der eben weniger schnell, weniger witzig und weniger parodiebegabt ist, als sich das der Altmeister ursprünglich vorgestellt hat. Aber wer gesteht sich schon gerne Fehleinschätzungen ein?

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