Krise beim Netzwerk Recherche Wenn Vorzeigejournalisten schludern

Ausgerechnet zu ihrem zehnjährigen Jubiläum wird die Journalistenorganisation Netzwerk Recherche von einem Skandal heimgesucht: Durch falsche Förderanträge sackte der Verein vermutlich zu viel Geld ein. Der Vorsitzende Thomas Leif wurde zum Rücktritt gezwungen.
Thomas Leif, Ex-Vorsitzender des Netzwerks Recherche: zu mächtig?

Thomas Leif, Ex-Vorsitzender des Netzwerks Recherche: zu mächtig?

Foto: Christian Charisius/ dpa

Hamburg - Transparenz ist eine der wichtigsten Forderungen des Journalistenzusammenschlusses Netzwerk Recherche (NR). In der Organisation sind einige der renommiertesten Investigativjournalisten aktiv, die durch ihre Recherchen Schlampereien und Rechtswidrigkeiten in Politik und Wirtschaft aufgedeckt haben. Nun gerät die journalistische Institution selbst in den Verdacht, bei Abrechnungen geschludert zu haben: Durch falsche Förderanträge sackte der Verein vermutlich zu viel Geld ein.

Ausgerechnet zum zehnjährigen Jubiläum, das an diesem Wochenende auf der Jahrestagung in Hamburg feierlich begangen werden sollte, stürzt der Journalistenverbund nun in eine schwere Krise. NR-Gründer und -Vorsitzender Thomas Leif wurde vom übrigen Vorstand zum Rücktritt gezwungen. Eine neue Führung ist noch nicht in Sicht.

Vorausgegangen war der Entmachtung von Leif, der beim SWR als Chefreporter arbeitet, Untersuchungen über die NR-Finanzen: Für die Veröffentlichung der Zahlen im Internet und die Gründung einer Stiftung hatte sich der Vorstand Ende Mai mit der wirtschaftlichen Lage des Vereins befasst und fragwürdige Abrechnungen gefunden. Wirtschaftsprüfer wurden beauftragt, die Jahre 2007 bis 2010 zu durchleuchten. Diese fanden Hinweise, dass Gelder nicht korrekt ausgewiesen wurden. Die Schuld wird bei Leif ausgemacht. Vorstandsmitglied Tina Groll über den Kollegen: "Er hat alles alleine gemacht, er war so übermächtig, wir haben ihm blind vertraut."

Die Summe, um die es geht, ist gering. Bedeutsam werden die Unregelmäßigkeiten aber im Zusammenhang mit Anträgen auf Förderung durch die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB). Diese Teilfinanzierung durch den Bund und damit den Steuerzahler hätte Netzwerk Recherche möglicherweise nicht zugestanden, wenn alle Einnahmen und Spenden ordentlich ausgewiesen worden wären. Inzwischen sind alle Fördergelder, summarum 75.000 Euro, der BPB zurücküberwiesen worden. Die wirtschaftliche Grundlage des Vereins ist damit nicht gefährdet, fast 400.000 Euro hat er an Rücklagen.

Doch es stellt sich die Frage, wie Netzwerk Recherche nun nach der Entmachtung Leifs weitergeführt werden kann. Der zweite NR-Vorsitzende, der Journalist Hans Leyendecker von der "Süddeutschen Zeitung", sagte nach dem Vorgang: "Wir haben ja niemanden, der an seine Stelle treten könnte." Trotzdem sei die Absetzung unerlässlich gewesen, man sei in der Pflicht gewesen, transparent zu agieren und entsprechend zu handeln.

So bemühte Leyendecker, der Vorzeigemann des deutschen Investigativjournalismus, für die Causa Leif einen berühmten Vergleichsfall: "Das ist wie bei Margot Käßmann. Sie konnte auch nicht mehr über Moral reden nach ihrer Promillefahrt. Ich fand, das galt für unseren Verein auch."

cbu/dpa/dapd
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