Krisenkunst Kampf dem Neoliberalismus

Londoner Künstler besetzten Häuser, druckten Poster und dokumentierten Streiks im Film. Eine Berliner Ausstellung zeigt, wie in den siebziger Jahren in Großbritannien mit Kunst Politik gemacht wurde - und wie radikal so manche Aktion werden konnte.


Zerstörung ganzer Stadtviertel in London, als Häuser erst durch Leerstand verrotteten und dann abgerissen wurden, Arbeitslosigkeit, der Nordirland-Konflikt, Rassismus, Schwulenhass und Frauenfeindlichkeit - das war in den siebziger Jahren der Hintergrund für die Solidarisierung von Künstlern mit der Arbeiterbewegung, mit Immigranten und Hausbesetzern oder der Frauenbewegung. Nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. "Goodbye London. Radical Art and Politics in the Seventies", (deutscher Titel: "Kunst und radikale Gegenkultur im London der 1970er Jahre") heißt die Ausstellung, die in der Berliner "Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst" (NGBK) am Freitag eröffnet wird. Sie zeigt die Aktualität einer Künstlerbewegung, die sich während einer ökonomischen Krise gründete.

Künstler besetzten damals leerstehende Häuser, drehten Filme über Streiks oder dokumentierten Aktionen gegen Rassismus. Sie waren Mitbegründer des "Gay Centre" im Stadtteil Brixton und erregten Aufsehen mit Fotos und Performances zum Thema Körper und Frauen. Auch Theoretiker und Schreiber wie zum Beispiel der Journalist Jon Savage engagierten sich für die Protestbewegung und veröffentlichten Essays über die entstehende Gegenkultur.

Neu war, dass sich das gesellschaftliche Engagement auch in den künstlerischen Arbeiten zeigte, dass Künstlerkollektive gegründet wurden, Punk entstand und Agitprop konkret für Aktionen eingesetzt wurde, um sich gegen die zunehmend medial geprägte Gesellschaft und den beginnenden Neoliberalismus der Margaret-Thatcher-Ära zu behaupten. Beispielhaft dafür zeigt die Ausstellung Arbeiten von neun britischen Künstlern.

Radikale Selbstversuche als Spiegel gesellschaftlicher Zustände

Die Fotografien von John Savage oder Homer Sykes dokumentieren Londoner Stadtteile, die inzwischen abgerissen wurden, und den Zusammenhalt der Hausbesetzer. Von Peter Kennard, der sich auf die Collagen von John Heartfield bezog, werden Collagen und Fotos gezeigt, in denen er auf das politische Geschehen reagiert. Vervielfältigt wurden sie bei einem Londoner Poster-Kollektiv, das zum Beispiel für Aktionsgruppen politische Plakate druckte.

Margaret Harrison, Pionierin der feministischen Kunst und Mitbegründerin der ersten Londoner "Women's Liberation Art Group", setzt sich in verschiedenen Kunstformen genau wie ihre Kollegin Jo Spence mit der Rolle der Frau in ihrer privaten Umgebung oder in der Werbung auseinander.

Der Video-Künstler David Hall, 1977 Documenta-Teilnehmer, sezierte bis heute die Militanz der Medien, besonders des Fernsehens, und Victor Burgin, der in England die Konzeptkunst mitbegründete, nutzte Text und Bild in seinen Filmen und Fotos für die Darstellung und Repräsentation von Frauen und Fetisch oder nutzte die Werbeästhetik für die Analyse ungerechter Besitzverhältnisse.

Von Derek Jarman, der 1994 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung starb, werden frühe 16-mm-Filme gezeigt. Homosexualität ist sein Thema, das er in ästhetisch aufgeladenen traumhaften Bildern behandelt.

Ein Gegenproramm zu den magischen Filmen Jarmans sind die Performances von Stuart Brisley, in denen er sich radikalen Grenzerfahrungen aussetzt wie zum Beispiel tagelanger völliger Isolation.

Künstlerisches Potential aus der Krise

Dass aus einer Krise künstlerisches Potential kommen kann, dass Solidarität den Einzelnen stärkt, dass es Einflussmöglichkeiten, aber auch Grenzen gibt, auch in der Radikalisierung, zeigt die Schau. Und sie stellt eine einflussreiche Kunstszene vor, die heute zumindest in Deutschland weitgehend unbekannt ist, selbst das Frühwerk der später erfolgreichen Briten Derek Jarman oder Victor Burgin kennt hierzulande kaum jemand.

Es sind also im NGBK Entdeckungen zu machen, die vielleicht in Zeiten von Künstlerstars und Preis-Rankinglisten, aber auch von Hausbesetzungen durch eine junge Künstlergeneration wie kürzlich im Hamburger Gängeviertel oder in Paris die Möglichkeit zeigen, welchen Einfluss Kunst auf die Politik nehmen kann.

Befragen kann man dazu sogar Margaret Harrison, die am 5. August mit Astrid Proll ein Künstlergespräch führt.


Ausstellung Goodbye London. Radical Art and Politics in the Seventies. Berlin. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst. 26.6.-15.8., Tel. 030/ 616 51 30.



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favela lynch 22.06.2010
1. Mimesis
Wenn Sie der Kunst mimetische Funktion zuweisen, ist es ohne Unterschied, ob sie die gesellschaftlichen Zustände der 70er Jahre abbildet oder wie mit Damian Hirsts Selbstauktion das Investment der Londoner City nachahmt. Die Mimesis des Investments hat den Künstler reich gemacht. Das ist ein Unterschied. Aber das ist kein künstlerisches Kriterium. Im besten Falle ist dies konzeptionelle Stringenz. Wir haben es hier mit der üblichen Wellenbewegung hin zum Politischen zu tun. Nach 30 Jahren Hedonismus ist das nur normal und daher wohl auch völlig banal.
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