Krisenstab bei Illner Oli Kahn kriegt einen Mutanfall

Hinterm Horizont geht's weiter - frei nach diesem Motto übte sich ZDF-Talkerin Maybrit Illner in psychologischer Krisenbewältigung. Motivationstitan Oli Kahn bewies eisernen Kampfeswillen, der neue Wirtschaftsminister Souveränität - und die anderen Gäste ihre Lust am gehobenen Narrentum.
Von Reinhard Mohr

Der Mensch ist ein Gewohnheitstiger. Solange er nicht aus der Bahn geworfen wird, läuft er ziellos weiter durch die Savanne des Lebens. Und läuft und läuft. Hauptsache, die Pendlerpauschale wird pünktlich gezahlt. Wie in der berühmt-berüchtigten Comicfilmszene strampelt er auch dann noch unverdrossen mit den Beinen, wenn sich unter ihm schon der Abgrund aufgetan hat.

So hängt er in der Luft, ohne es zu merken. Wenigstens für einen kurzen Augenblick. Angesichts der unablässigen Hiobsbotschaften aus der Finanz- und Wirtschaftswelt, die im Rhythmus einer Stalinorgel auf uns einprasseln, stellen sich deshalb folgende Fragen: Stehen wir noch am Abgrund oder sind wir schon einen Schritt weiter? Was sollen wir tun, wenn wir unten sind? Und: Wo bleibt bei all dem eigentlich die gute Laune?

"Wo sind die neuen Mutmacher?" fragte am späten Donnerstagabend daher nicht ganz grundlos Maybrit Illner ihren kleinen Krisenstab im ZDF. Wäre es also nicht gerade jetzt Zeit, dass der sprichwörtliche Ruck durchs Land ginge, ein kollektives Aufkrempeln der Ärmel, ein im hessischen Dialekt gefärbter Kampfruf der Massen à la "Ebe reichts! Schluss mit dem dumme Krisegebabbel! Mir packe des!"

Stattdessen jubeln fünftausend Arbeiter ihrer milliardenschweren und faustdick geschminkten Chefin Maria-Elisabeth Schaeffler zu, die darob zu Tränen gerührt ist. Statt sie wegen ihrer abenteuerlichen Übernahme der fünfmal größeren Firma Conti zu kritisieren, appellieren die Proletarier gemeinsam mit ihrer kapitalschwachen Klunker-Diva an den Staat, der wieder einmal einspringen soll.

Soll das der neue Klassenkampf sein?

Derweil breitet sich ein Hauch von Steckrübenwinter im Lande aus, ein diffuser Attentismus, ein erstarrtes Innehalten. Soziale Kälte fegt um die Ecken. Deutschland, ein Wartesaal.

Dabei gäbe es so viel zu tun, man müsste den Stier nur bei den Hörnern packen. "Die Situation ist da", hätte Konrad Adenauer gesagt. Selbst kleine Taten können wirksam sein, auch im artifiziellen Raum der Massenmedien.

Längst schon etwa hätte das ZDF aus seinem Freitagskochstudio für den gehobenen Sterne-Gaumen eine zeitgemäße Volxküche machen können, in der nicht mehr über die Bedeutung von ostindischem Safran im Dialog mit Ingwerschaum philosophiert, sondern den Leuten erklärt würde, wie man für ein paar Euro ein leckeres Familienmahl zaubert. Motto: Downsize yourself. Prepare your own Kartoffelsalat!

Oliver Kahn, der als erprobter Motivationspraktiker in Illners Rettungsrunde eingeladen war, brachte seine eiserne Ration unbedingten Kampfwillens mit. Man müsse die Krise als Herausforderung begreifen, als neuen "Startpunkt für den Erfolg", als Chance zum - auch persönlichen - "Wachstum" im Sinne von Dazulernen. "Du musst einfach immer wieder aufstehen" sagte der sichtlich gereifte Torhüter-Titan, "Du musst lernen, Niederlagen zu bewältigen". Ja klar. Danke Olli.

Das Problem vieler Zuschauer dürfte allerdings sein, dass sie gerade mit einer völlig neuen Situation konfrontiert werden: Sie sollen Niederlagen bewältigen, die sie gar nicht selbst zu verantworten haben. Zum Fremdschämen für gierige Investmentbank-Schnösel, spekulationsfreudige Konzernchefs und größenwahnsinnige Bonus-Manager kommt also auch noch die Bewältigung des folgenschweren Scheiterns von Leuten, die man bislang nicht einmal dem Namen nach kannte.

Dieser missliche Umstand hinderte den frisch aus Oberfranken importierten Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor von und zu Guttenberg allerdings nicht daran, Optimismus, Mut und Zuversicht (in dieser Reihenfolge) zu verbreiten. Ganz anders als sein stets mürrisch bramarbasierender Amtsvorgänger Michael Glos wirkte Guttenberg souverän, rhetorisch überzeugend und nicht unsympathisch. Noch aber ist die "Entwicklung von Schubkräften", die angeblich eine konjunkturelle Erholung ab dem Herbst einleiten sollen, eine reine Prophezeiung in der luftigen Sphäre politischer Hoffnung.

Für kleine Hoffnungsschimmer am Horizont sorgte am ehesten die Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler von der Boston Consulting Group, die Deutschland ökonomisch an der Weltspitze sieht, was Produktivität und den technologischen Standard betrifft. Allein: Wenn der Weltmarkt kollabiert, trifft es die Exportnation Nummer eins am schwersten. Andererseits könnte in der nächsten Aufschwungphase dann wieder eine überproportionale Dynamik einsetzen.

Da der FDP-Wirtschaftspolitiker Rainer Brüderle und der Korrespondent der Londoner "Times", Roger Boyes, mit ihren teils dümmlichen Sprüchen, Klischees und Ressentiments keine ernsthaften Gesprächspartner waren, blieb der Zuschauer auf sich selbst gestellt, was das Mutmachen betrifft.

Wir haben verstanden. Es rettet Dich kein höh'res Wesen. In Gefahr und größter Not hilft nur Currywurst mit Brot. Du musst nur immer wieder aufstehen und Nachschub holen.

Narhallamarsch!

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