Iphigenie in Frankfurt Akrobatische Schönheit, archaischer Grusel

Was ist los mit Ersan Mondtag, dem bejubelten Talent des deutschen Theaters? Seine Iphigenie am Schauspiel in Frankfurt wird als Führerin der Fremdenfeinde angefleht - doch die Figuren bleiben sprachlos.
Die ganze Bühne ist ein weites Meer. Aber planschen da die Erinnyen so nett im Wasser oder sind’s unbekannte Götter? (Szene mit Björn Meyer und Sylvana Seddig)

Die ganze Bühne ist ein weites Meer. Aber planschen da die Erinnyen so nett im Wasser oder sind’s unbekannte Götter? (Szene mit Björn Meyer und Sylvana Seddig)

Foto: Jessica Schäfer/ Schauspiel Frankfurt

Nennen wir es: Projekt. In so ein Projekt passt alles rein. Material, gerne auch überflüssiges, lässt sich da vermengen, ausprobieren, sammeln. Am Theater geht man gerne mit solchen Projekten in die Öffentlichkeit, noch bevor aus ihnen eine fertige Arbeit geworden ist.

Wenn es die überhaupt je hätte werden sollen. Das hat dann einen rüden Werkstattcharakter, einen wirren Charme, etwas meist doch irgendwie kalkuliert Provozierendes, gerne auch Nervenquälendes.

Doch der willige Zuschauer findet allemal Momente, von denen er meint, man könnte oder sollte sie doch weiterentwickeln. Die Projekt-Macher aber wollen das gar nicht: Halbgares und Angedachtes gerät zum (End-)Gültigen.

Ein Projekt in diesem Sinn hat jetzt Ersan Mondtag, Regie-Shootingstar mit 2016er Theatertreffen-Lorbeeren ("Tyrannis", ausdrücklich eine Performance!), Nachwuchsregisseur des Jahres, zur Spielzeiteröffnung am Frankfurter Schauspiel abgeliefert. Arbeitstitel: "Iphigenie".

Autor: nicht Goethe oder Euripides, nicht Racine oder gar Gluck, sondern eben Ersan Mondtag. Da merkt man auf, denn diese antike Opfergeschichte hat ja durchaus Entwicklungen und Aspekte, die aus dem Altertum pfeilgerade ins Heute zielen.

Furcht vor Überfremdung

Unverständliche Sitten und Bräuche, die Angst vor Eindringlingen im eigenen Land, das Vertreiben (gar Liquidieren) von Schutzsuchenden, das Ignorieren von Schutzflehenden - überhaupt ist da so eine ungute fremdenfeindliche Stimmung in dem uralten Stoff auszumachen, und dass die an den Zynismus der aktuellen Debatte über Flüchtlinge erinnert, könnte eine Steilvorlage für jeden Regisseur sein, der sich auch nur einen Hauch links von Alvis Hermanis bewegt.

Der gefeierte Nachwuchsregisseur Ersan Mondtag macht aus der klassischen "Iphigenie" ein Projekt. Die Figuren führt er in einer Art schrecklicher Familienaufstellung vor.

Der gefeierte Nachwuchsregisseur Ersan Mondtag macht aus der klassischen "Iphigenie" ein Projekt. Die Figuren führt er in einer Art schrecklicher Familienaufstellung vor.

Foto: Birgit Hupfeld/ Schauspiel Frankfurt

Und schon ist man mittendrin in Mondtags Projekt: Was der lettische Künstler Hermanis seinerzeit über seine Furcht vor Überfremdung sagte (in Hamburg oder auch in Salzburg), gehört nämlich zu den wenigen Textbausteinen in dieser weitgehend sprachlosen, gleichwohl lautstarken "Iphigenie".

Chorisch führt Mondtag Hermanis vor und lässt die umstrittenen Sätze über potenzielle Gefährdung, unkontrollierte Zuwanderung und Terrorverdacht schmettern - da wird das Kollegen-Bashing zur inhaltlichen Stütze des wackeligen Gesamtkunstwerkes. Und mit dieser Wucht klingen diese Zitate dann tatsächlich auch höchst bedrohlich und ziemlich dumm. Das wäre ein politischer Ansatz gewesen.

Aber der verklingt wie eine Kapriole. Ansonsten vernimmt man in den handlichen 75 Minuten noch Altgriechisches, und gegen Schluss wird in Endlosschleife Iphigenie als Führerin ins Xenophobie-Paradies angefleht - es könnte aber auch Frauke Petry die Adressatin sein. Auf jeden Fall will das Volk von Angst befreit werden und wenn möglich von all den Fremden ("Auslöschen! Vernichten!").

Viel Text und also Inhalt gibt es in diesem Projekt nicht, wenn man Schreien, Stöhnen oder Jammern nicht dazuzählt.

Viel Text und also Inhalt gibt es in diesem Projekt nicht, wenn man Schreien, Stöhnen oder Jammern nicht dazuzählt.

Foto: Birgit Hupfeld/ Schauspiel Frankfurt

Recht viel mehr Text und also Inhalt gibt es in diesem Projekt nicht, wenn man Schreien, Stöhnen oder Jammern nicht dazuzählt. Die Figuren, die Mondtag in einer Art schrecklicher Familienaufstellung vorführt, haben Artikulationsschwierigkeiten.

Wenn sie reden und sich nicht nur dauernd an die knappen Trikothöschen gehen würden, hätten sie vielleicht die Chance, aus ihrem klassischen Dilemma auszubrechen. Aber dazu müssten sie selber erst einmal bei ihrer eigenen Geschichte durchsteigen. Das sieht ein Projekt, wenn es ein richtiges sein will, nicht vor.

Wer ist da Klytämnestra und wer Orest? Planschen da die Erinnyen so nett im Wasser (die ganze Bühne ist ein weites Meer) oder sind's unbekannte Götter? Geopfert wird mit viel Krakeel (doch wer?), und symbolwütig stürzen sich die Figuren in die Fluten.

Der Horror ist laut, und das Leiden gluckst

Einmal formieren sich die halbnackten Spieler zu einem Knäuel angeschwemmter Leiber, dann aber räkeln sie sich schon wieder wohlig, bespritzen sich übermütig, rutschen auf dem Bauch umher, um im übernächsten Moment wie beim Babyschwimmen zu strampeln und am Nährbusen einer geplagten Mutter (Iphigenie?) zu nuckeln. Der Horror ist laut, und das Leiden gluckst.

Mondtags Bilder haben sicherlich Verstörungspotenzial, aber sie bringen einen eigentlich keinen Schritt weiter. Der Regisseur reiht sie aneinander und gibt das Stückwerk frei zur Interpretation.

Der Regisseur reiht seine Bilder aneinander und gibt das Stückwerk frei zur Interpretation. Manchmal versinkt die ganze Szene in rotem Kitsch.

Der Regisseur reiht seine Bilder aneinander und gibt das Stückwerk frei zur Interpretation. Manchmal versinkt die ganze Szene in rotem Kitsch.

Foto: Birgit Hupfeld/ Schauspiel Frankfurt

Und er macht es einem nicht unbedingt leicht, ihn ernst zu nehmen: Manchmal versinkt die ganze Szene in rotem Kitsch, dann zappeln die Figuren minutenlang im Gänsemarsch ein albernes Tänzchen, wie man es einst im Freizeitbereich der Raumpatrouille Orion wagte, dann wieder stehen sie starr wie Ankläger frontal vor uns, stumm und fordernd. Nur was?

Ästhetisch pendelt der ganze Abend ziemlich fahrlässig zwischen akrobatischer Schönheit und archaischem Grusel. Zu dem visuellen Brimborium, zu dem immerhin der Soundbrei prima passt, könnte man sich jede Story denken - dass es die Iphigenie geworden ist, wirkt eher wie ein Zufall.

Ein Projekt, das ist ihm immanent, kann auch mal scheitern. Dass Ersan Mondtag mit klassischem Material umgehen kann, ohne es bis zur Unkenntlichkeit zu deformieren, hatte er vor zwei Jahren in Frankfurt mit einem ebenso einfachen wie schräg und stimmig illustrierten "Orpheus" gezeigt.

Seine "Iphigenie" aber wabert nur in verkrampfter sakraler Ernsthaftigkeit und ertrinkt in angestrengter, alberner Bedeutungshuberei.

Was ist los mit Ersan Mondtag, dem viel bejubelten jungen Talent des deutschen Theaters? Zu früh und zu heftig gefreut? Ach was. Mehr Performance, weniger Projekte! Bei Goethe sagt "Iphi" mal: "Auch hab ich stets auf dich gehofft und hoffe noch..."


Iphigenie. Schauspiel Frankfurt/Main, Kammerspiele . Nächste Vorstellungen am 10., 11., 21. und 22.9., Tel. 069/21 24 94 94.

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