Kritische Russen Wie gefährlich ist Moskau?

Eine Journalistin wird erschossen, ein Ex-Spion stirbt qualvoll, ein ehemaliger Regierungschef wird vergiftet: Was passiert da in Russland, wie leben Menschen, die nicht schweigen wollen? Kerstin Holm zeichnete für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" Stimmen aus einem immer dunkler werdenden Land auf.


Wie gefährlich ist es für Schriftsteller?

Alina Wituchnowskaja: Ich wurde zweimal zur Einschüchterung ins Gefängnis geworfen. Zweimal bedrohten und verprügelten mich Unbekannte. Einmal im Herbst 2001, nachdem ich auf einer Pressekonferenz in Moskau eine Gruppe jugendlicher Nationalbolschewiken verteidigt hatte, die in Riga Flugblätter vom Turm der Petrikirche herabgeworfen hatten, um auf die Verletzung der Menschenrechte ethnischer Russen in Lettland aufmerksam zu machen. Zwar teile ich die Ansichten der Nationalbolschewiken nicht. Doch die jungen Leute wurden ins Gefängnis geworfen und in einem Schnellgerichtsverfahren wegen angeblichem "Terrorismus" zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt.

Kreml in Moskau: "Herrschaft der Gemeinheiten"
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Kreml in Moskau: "Herrschaft der Gemeinheiten"

Am Tag nach der Pressekonferenz kamen zwei kaukasisch aussehende Männer auf der Straße auf mich zu und sagten mit finsterer Miene, ich solle mich nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angingen. Sie zogen mich in ein Auto, ohrfeigten mich und erklärten, meine Probleme würden so lange nicht aufhören, wie ich mich für die Nationalbolschewiken einsetze. Ich erwiderte, Drohungen würden nur meine Entschlossenheit bestärken. Da bekam ich einen schweren Schlag versetzt. Am Abend fanden mich Nachbarn bewußtlos auf dem Hof unseres Wohnhauses.

Das zweite Mal wurde ich im Mai 2005 überfallen. Damals war innerhalb der unlängst vom Kreml ins Leben gerufenen Patriotenpartei "Rodina" (Heimat) ein Machtkampf um die Führung der Jugendorganisation entbrannt. Gegen einen Kandidaten, den mir bekannten Schriftsteller Schargunow, war eine Schmierenkampagne in Gang, weshalb ich mich für ihn einsetzte. Wieder griffen mich auf offener Straße kriminell aussehende Männer an, diesmal waren es vier. Einer trug eine Pistole. Wieder hieß es: "Kümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen." Dann schlugen sie mich zusammen und liefen in verschiedene Richtungen davon. Ich glaube, ich werde angegriffen, weil ich nicht klein beigebe.

Viele haben mir nahegelegt, ich solle ins Exil ins Ausland gehen. Aber das Hierbleiben ist für mich eine Frage des Prinzips. Ich glaube, daß Präsident Putin, unter dessen Herrschaft diese Gemeinheiten passieren, ein besonderer Dank gebührt. Denn möglicherweise regeneriert sich die große russische Literatur, wenn sie sich wieder das Recht auf Heldentum, auf Gefängnisstrafe, auf den Tod erwirbt. Der normale Schriftsteller fühlt die Zukunft voraus. Der heroische Schriftsteller aber lebt sie.

Die Lyrikerin Alina Wituchnowskaja, 33, wurde zwischen 1994 und 1998 wegen angeblichen Drogenhandels mehrfach inhaftiert und verbrachte anderthalb Jahre im Moskauer Butyrka-Gefängnis. Dank der Unterstützung des russischen PEN-Clubs und der internationalen Presseresonanz wurde sie freigelassen.

Warum gehen Sie nicht ins Exil?

Oksana Robski: Rußland ist nun mal ein instabiler Ort und ist es immer gewesen. Angesichts der jüngsten Attentatswellen bekommen wir Russen keinen Herzschlag vor Schreck. Das tun vielleicht noch eher die Europäer, die von außen zuschauen. Aber in meinem Bekanntenkreis ist eigentlich niemand wirklich geschockt. Wir müssen eine Art genetisches Gedächtnis haben für die großen Verwerfungen, die Rußland regelmäßig heimsuchen. Schauen Sie doch, was nach der Verhaftung des damaligen Ölmilliardärs Chodorkowskij vor drei Jahren geschah. Damals hieß es, jetzt würde niemand mehr investieren. Dann brachen für drei Monate die Aktienkurse ein. Aber danach hat sich alles wieder schnell normalisiert. Jetzt erwarte ich nichts anderes. Wenn ich wollte, könnte ich jederzeit ausreisen. Ich besitze eine Aufenthaltsberechtigung für Deutschland. Mein dritter Mann war nämlich Deutscher. Aber ich habe noch nicht einmal einen deutschen Paß beantragt. Ich könnte nicht in Europa leben, schon gar nicht in Deutschland. Alles ist so klein und eng und eingezirkelt dort. In den Vereinigten Staaten könnte ich es schon eher aushalten; beispielsweise in Miami, wo ich längere Zeit zugebracht habe. Aber meine Lebensinteressen liegen in Rußland. Hier lebe ich mit meinen Kindern, hier mache ich meine Geschäfte – früher mit einer Galerie antiker Möbel. Jetzt mit meinem Verlag, wo ich auch die eigenen Bücher herausbringe.

Oksana Robski ist eine Art It-Girl des modernen, neureichen Rußland: Sie ist jung, Millionärin, Fernsehmoderatorin und Bestseller-Autorin. Ihr Debüt "Babuschkas Töchter", die russische Antwort auf "Sex and the City", erschien im Mai im Heyne-Verlag. Ihr zweiter Mann, ein Moskauer Oligarch, wurde vor zwei Jahren ermordet.

Wie frei können ausländische Korrespondenten arbeiten?

Kerstin Holm: Ein westlicher Korrespondent kann normal arbeiten, vor allem wenn er mächtigen Wirtschafts- und Politakteuren nicht auf die Füße tritt. Rußland hat ein extremes Reizklima und zieht deshalb, wie zu den Zeiten von Peter dem Großen, viele Risikobereite an. Die jüngsten Attentate – vom Giftmord am ehemaligen KGB-Offizier Litwinenko bis zum Mord an der Journalistin Politkowskaja und der Vergiftung des liberalen Ökonomen Jegor Gajdar – sind für den westlichen Rußland-Residenten ein schwerkalibriges Stück russischer Logozentrismus-Kritik.

Rußland ist der erste faktisch vom Geheimdienst gelenkte Staat der Welt. Die Geheimdiensttechniken der Desinformation, Provokation und der geheimnisvollen Feindbeseitigung sind Russen bestens vertraut. Für den Westeuropäer ist beeindruckend, mit welcher Kühle Russen, die vorgestern das demokratische Experiment und gestern seinen Abbruch erlebt haben, heute ihre Geheimdienstspurenlesekünste aktivieren. Da Geheimdienste prinzipiell im dunkeln operieren, wird die Unerkennbarkeit des politischen Spielverlaufs zum Grundlebensgefühl. Von Russen kann man oft hören, ihre Nation sei zivilisatorisch unentwickelt, ein bißchen "wie Kinder". Diesen Eindruck kann der Deutsche vor allem in der Sphäre von Medien und Kultur bekommen, die das infantile Amüsement der Information und Analyse entschieden vorziehen. Doch was die Einsicht in die menschlich-moralischen Gemeinheiten der Staatskunst betrifft, nehmen sich eher die Europäer aus wie verwöhnte Kinder, während in der "unentwickelten" russischen Schale der zynische Kern einer uralten Kultur steckt. Ob Oligarch an der Rubljowka-Millionärsmeile oder Automechaniker im dreihundert Kilometer östlich gelegenen Dorf, russische Patrioten haben zu viele Radikalumwertungen der Werte mitgemacht, als daß sie die nächste Katastrophe wirklich überraschen könnte.

Kerstin Holm berichtet seit 1991 für die "FAZ" aus Moskau.

Sehen die Deutschen die Sache zu kritisch?

Wladimir Kaminer: Ich werde nach wie vor irrtümlich als ein Botschafter Rußlands wahrgenommen, obwohl ich seit siebzehn Jahren in Deutschland lebe und die deutsche Kultur mir längst viel näher ist als die russische. Und als dieser Botschafter merke ich natürlich immer, daß die Deutschen Angst vor den Russen haben. Ich glaube, daß diese Angst ein grundlegender Bestandteil der deutschen Identität ist. Wenn Amerikaner in Deutschland ein Unternehmen kaufen, dann ist das ganz normal, und sie werden höchstens als Heuschrecken beschimpft. Wenn ein russisches Unternehmen auch nur einen Teil einer Kosmetikfirma kauft, dann heißt es in jeder Zeitung: "Die Russen kommen!" Und alle haben Angst, daß ihre Kosmetik bald radioaktiv strahlt. Als der Kapitalismus nach Rußland kam, kam er ohne seine protestantische Ethik. Ohne überhaupt eine Ethik, als pure Arithmetik. Deshalb verkaufen sie alles, was Gewinn bringen kann, auch wenn sie selbst dabei draufgehen. Ich bin mir sicher, daß der verstorbene Agent etwas verkaufen wollte. Wahrscheinlich mußte er seine Ware ausprobieren, um zu beweisen, daß sie auch wirklich funktionieren wird. Das kennt man ja aus Filmen. Er hat wahrscheinlich einfach eine viel zu große Menge genommen.

Wladimir Kaminer, 39, ist der berühmteste in Deutschland lebende russische Schriftsteller, wenn nicht der berühmteste Russe in Deutschland.

Ist alles nur eine Verschwörung von Putins Gegnern?

Julia Latynina: Mit dem Mord am früheren KGB-Offizier Litwinenko haben wir, seit den Tagen, da in Mexiko Rámon Mercader den Polit-Flüchtling Trotzki mit einem Eispickel erschlug, einen gewaltigen technischen Qualitätssprung erlebt. Das radioaktive Polonium 210, mit dem Litwinenko vergiftet wurde, ist wie die Visitenkarte, die ein Agent am Tatort hinterläßt. Der Stoff wird nur in geschlossenen staatlichen Speziallabors hergestellt. Wenn er jetzt zur Abrechnung mit einem Abtrünnigen eingesetzt wurde, so soll das demonstrieren, daß die Geheimdienste Rußlands Klima bestimmen. Gerichtet ist die Botschaft jedoch weniger an die Außenwelt als nach innen, an Präsident Putin. Das Verbrechen trägt die Handschrift einer aggressiven Fraktion innerhalb der Staatssicherheit, deren Ziel es ist, Putins Integrationsbemühungen gen Westen Einhalt zu bieten. In der Folge von Litwinenkos Tod könnte sich Rußland zum Schurkenstaat wandeln. Ab sofort lassen sich politische Regime nicht mehr scheiden in präsidial und parlamentarisch verfaßte. Statt dessen zerfallen sie in solche, die fähig sind, ihre Feinde mit Polonium 210 zu vergiften, und solche, die das nicht können. Putin hat sich mit Freunden umgeben, die nicht dazu ausgebildet sind, Unternehmen zu führen oder ein politisches System. Sie sind vielmehr Experten für Sondereinsätze. Ihre Spezialität ist die Eliminierung von Feinden. Aber je mehr Feinde erledigt werden, desto mehr scheinen nachzuwachsen. Nur seine Freunde können Präsident Putin vor ihnen retten. Der Mord an Alexander Litwinenko war sicher nicht der letzte. Leider bin ich felsenfest überzeugt, daß er auch nicht der spektakulärste war.

Julia Latynina, 40, ist eine der wichtigsten Wirtschaftsjournalistinnen Rußlands und hat nebenher Karriere als Verfasserin sehr erfolgreicher Wirtschaftskrimis gemacht, in denen sie Dinge, über die sie in der Zeitung nicht schreiben dürfte, ins Reich der Fiktion hebt.

Wird alles immer schlimmer?

Wladimir Sorokin: Rußland ist ein Land, in dem die Geschichte sich nicht bloß als Farce wiederholen kann, sondern ganz real. In meinem jüngsten Roman "Der Tag des Opritschniks" schildere ich die Wiederkehr der Epoche Iwans des Schrecklichen aus der Sicht eines seiner grausamen Sicherheitsbeamten mit Sondervollmachten. Ein Kommentator schrieb, das Buch sei wie eine Beschwörung, damit das Beschriebene nicht eintrete. Ich würde vieles dafür geben, um diese Beschwörung wirksam zu machen. Unterdessen brauen sich über Rußland weiter die Gewitterwolken zusammen. Unruhe erfaßt Geschäftsleute und Intellektuelle – all diejenigen, die etwas zu verlieren haben. Die restlichen neunzig Prozent des einfachen Volkes, die schon froh sind, wenn es vor den Läden keine Schlangen gibt, sind ausgelastet mit dem bloßen Überlebenskampf. Unser Staat kann jederzeit jedem Probleme bereiten. Viele meiner Bekannten haben Angst vor der Zukunft. Seit einem Jahr denken zum ersten Mal viele an Emigration. Die Situation in Rußland kommt mir vor wie ein wahrgewordener Traum von Jurij Andropow, der Anfang der achtziger Jahre die verfaulte KPdSU durch den unerbittlichen KGB ersetzen wollte. Die Welt der Geheimdienste ist grausam, monströs, unmenschlich. Sich in sie zu vertiefen, wirkt demoralisierend und zerstörerisch. Geheimdienste haben keine konstruktive Strategie. Ihre Arbeit ist die Destruktion. Aus einer Kalaschnikow-Maschinenpistole wird niemals ein Küchenmixer.

Wladimir Sorokin, 51, wird von staatlichen Organisationen immer wieder der "Pornographie" und "Gewaltverherrlichung" in seinen Büchern bezichtigt. Sein neuester, noch nicht auf deutsch erschienener Roman spielt im Jahr 2027. Rußland hat sich hinter hohen Mauern vor dem Westen verschanzt, dreht Europa immer wieder den Gashahn zu und beherrscht, in strategischer Allianz mit China, die Welt.

Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung aus der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen.



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