Künstler-Dissident Budajew "Ich will dem Kreml die Aura der Göttlichkeit nehmen"
SPIEGEL ONLINE: Herr Budajew, woran arbeiten Sie gerade?
Budajew: Der neue Prozess gegen den ehemaligen Magnaten Michail Chodorkowski lässt mich nicht los. Ich habe die ganze Nacht durchgearbeitet. Schon in der Vergangenheit habe ich mehrere Werke geschaffen, die sich mit seinem Schicksal befassen.
SPIEGEL ONLINE: Worin liegt für Sie die politische Bedeutung des neuen Verfahrens gegen den ehemals reichsten Mann Russlands?
Budajew: Viele Menschen verknüpfen mit dem neuen Präsidenten Dmitrij Medwedew Hoffnungen auf ein demokratischeres Russland. Wenn Chodorkowski noch einmal verurteilt wird, kann man das vergessen.
SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie Ihre Themen und wie würden Sie Ihre Technik beschreiben?
Budajew: Ich könnte jeden Tag drei Bilder schaffen. So ist Russland. Hier passiert ständig etwas. Und so ist die Welt. Ich verfolge die Nachrichten im Internet oder über das Radio. Dann stöbere ich in Dateien mit alten Meistern, Sowjetmalern, Fotografen oder Filmszenen nach einem passenden Motive für das, was ich ausdrücken will und montiere dann Köpfe von Politikern oder Wirtschaftsführern hinein. Ich nenne das Politplakate.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Politiker persiflieren Sie besonders gerne?
Budajew: Natürlich Putin. Gerade war er bei den Bergarbeitern und hat sie beruhigt. In den neunziger Jahren haben sie noch demonstriert. Putin hat die sogenannte Machtvertikale geschaffen. Bei uns in Russland sind alle Entscheidungen an eine Person gebunden, an Putin. Also muss Putin auch in fast allen meiner Werke vorkommen. Aber auch Gerhard Schröder, den ehemaligen deutschen Bundeskanzler, verwende ich gerne. Er arbeitet jetzt für Gazprom und ist beinahe schon ein russischer Politiker.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Putin?
Budajew: Er war kein Präsident für das Volk, sondern einer für die hundert reichsten Oligarchen und Milliardäre unseres Landes.
SPIEGEL ONLINE: In Russland werden kritische Journalisten in trauriger Regelmäßigkeit ermordet. Haben Sie Angst?
Budajew: Ich bin kein Journalist. Und ich habe keine Angst, da muss ich Sie und Ihre Leser enttäuschen. Und im Gefängnis sitze ich auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie schon einmal unter Druck gesetzt worden, von Politikern, von Oligarchen, die Sie mit Ihren Kreationen verhöhnen?
Budajew: Nein. Wenn unsere Oligarchen im französischen Alpenskiort Courchevel auf den Putz hauen, dann zeige ich sie eben so wie sie sind. Einige können über sich selbst lachen. Ich bin nur ein Künstler, ich kämpfe nicht um die Macht.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie kritisieren die Macht und geben sie der Lächerlichkeit preis.
Budajew: Genau das ist das Ziel, das ich mir selbst stelle. Ich befreie Putin und Medwedew von der Feierlichkeit des Kreml. Ich will ihnen die Aura der Göttlichkeit wegnehmen, sie entgöttlichen.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Lieblingswerk?
Budajew: Ein einzelnes Werk kann ich nicht nennen. "Begleitung zur Hinrichtung" gefällt mir gut. Ich habe es 2005 gemalt, aber in den letzten Tagen noch einmal verfeinert. Putin geleitet Chodorkowski zur Hinrichtung. Der Oligarch Roman Abramowitsch ist der Henker.
SPIEGEL ONLINE: Warum malen Sie gerne den Präsidenten Venezuelas, Hugo Chavez, zum Beispiel wie er als Torero den amerikanischen Stier zum Fall bringt?
Budajew: Soziale Gerechtigkeit ist mir wichtig und Chavez gefällt mir, weil er die Mehrheit des Volkes im Auge hat. Er ist der neue Castro Südamerikas.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein Kommunist?
Budajew: Nein. Allerdings ist mein Platz beim einfachen Volk. Sicherlich bin ein sehr politischer Mensch. Einer Partei gehöre ich nicht an, zumal es bei uns nur eine Partei gibt, die Partei der Macht.
SPIEGEL ONLINE: In der Duma, dem russischen Parlament, sitzen vier Parteien. Der Kommunistenführer Gennadi Sjuganow wird sich über Ihre Einschätzung nicht freuen.
Budajew: Sjuganow oder auch der Nationalist Wladimir Schirinowski mit seiner Liberaldemokratischen Partei sind nur dazu da, die Illusion zu kreieren, dass es bei uns eine politische Opposition gibt.
SPIEGEL ONLINE: Wen wählen Sie?
Budajew: Bei den letzten Parlaments- und Präsidentenwahlen bin ich zu Hause geblieben. Das ist doch Wahnsinn. Alles war vorher abgekartet. Das Volk sollte nur als Stimmvieh herhalten. In einigen Wahlkreisen lag die Beteiligung bei mehr als hundert Prozent. Die Fälschungen waren für jeden offensichtlich.
SPIEGEL ONLINE: Wo steht Russland im Moment?
Budajew: Da möchte ich unseren heutigen Premierminister und Ex-Präsidenten Putin zitieren, der beklagt hat, dass Russland ein Land der Exporteure ist. Wir beuten unsere nationalen Ressourcen aus, verkaufen diese und gehen schlecht mit dem Geld um. Wir haben keine nationale Idee, die uns eint.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht das ideale Russland aus?
Budajew: Ein Land, in dem die Politiker nicht stehlen, in dem die Alten ihre Pensionen bekommen und die Menschen sich frei entfalten können.
SPIEGEL ONLINE: Wie wird die Wirtschaftskrise Ihr Heimatland verändern?
Budajew: Ich hoffe, dass die Menschen aus ihrer Apathie aufwachen und sich wieder mehr für Politik interessieren. Ich fürchte, dass weder Putin und Medwedew mit den Folgen und Risiken der Krise fertig werden. Vielen Menschen wird es schlechter gehen.
SPIEGEL ONLINE: Leiden Sie unter Zensur?
Budajew: Ich hatte große Ausstellungen noch vor einigen Jahren. Jetzt allerdings habe ich Probleme, einen Saal zu finden. Die großen Zeitungen meiden mich, die ein oder andere kleine Zeitschrift druckt hin und wieder meine Arbeiten. Aber es gibt viele Menschen, die kaum abwarten können, bis ein neuer Kalender oder ein neuer Sammelband von mir erscheint.
SPIEGEL ONLINE: Und dann hängen sie Ihre provokativen Politplakate im Büro auf.
Budajew: Einige sicherlich, andere fürchten den Chef. Sie denken, dass Kritik in Russland schon nicht mehr erlaubt ist. Kritik ist aber notwendig. Die Menschen aber brauchen etwas zum Nachdenken.