Künstler-Fotograf Wyss "Picasso hat mich umarmt"

Augenblicke ohne Pose: Der Schweizer Fotograf Kurt Wyss sucht stets nach der Wahrheit hinter dem Bild, auch wenn es sich bei den Porträtierten um Kunstgiganten wie Pablo Picasso oder Andy Warhol handelt. Im Interview mit Seen.by erzählt Wyss, wie er das Vertrauen scheuer Künstler gewinnen konnte.


Frage: Herr Wyss, ist Fotografie ein - Ihr - Traumberuf?

Wyss: Hätte ich selber wählen können, wäre ich Ethnologe geworden. Meine Eltern bestimmten, dass ich Fotograf zu werden habe. Ich sollte zu einem späteren Zeitpunkt das Fotogeschäft meiner Eltern übernehmen, das schon meine Großeltern führten. Ich habe mich gefügt.

Frage: Haben Sie diese Entscheidung jemals bereut?

Wyss: Nein, ich bin so etwas wie Fotograf und Ethnologe zugleich geworden. Ein Ethnologe lebt davon, dass er die Menschen kennenlernt, ihre Gebräuche, ihren Alltag. Er braucht deshalb die Begegnung. Ich glaube, ein guter Pressefotograf braucht diese Begegnung ebenfalls. Man sollte wissen, wen man fotografiert. Die Bilder sollten zuerst im Kopf entstehen, dann erst mit der Kamera realisiert werden.

Frage: Sie sind für Ihre intimen Porträts berühmter und oft scheuer Künstler bekannt geworden. Wie gelang es Ihnen, diese Nähe aufzubauen?

Wyss: Das war alles andere als einfach. Künstler sind oft sehr empfindlich, was ihre Arbeit betrifft. Ihre Ateliers sind meistens tabu. Sie dort fotografieren zu dürfen, ist ein riesiger Vertrauensbeweis und nichts Selbstverständliches. Der Schlüssel zu diesem Vertrauen ist echtes Interesse. Nur wenn sich jemand ernstgenommen fühlt und spürt, dass er mit Respekt und Fairness behandelt wird, kann er sich öffnen.

Frage: Jean Dubuffet war einer dieser Künstler, die Sie porträtiert haben...

Wyss: Mein erster Kontakt zu dem Maler Jean Dubuffet war im Juni 1970 für ein Presseinterview. Im Herbst darauf reiste ich nach Périgny-sur-Yerres, wo er gerade die Großskulptur Closerie Falbala in Arbeit hatte. Später besuchte ich ihn zwei- bis dreimal im Jahr in seinen Ateliers in Paris. Ich wurde so etwas wie sein Hausfotograf und dokumentierte sein Schaffen. Er erkannte schnell, dass durch die Bilder seine Bekanntheit größer wurde. Das gefiel ihm sehr.

Frage: Zu Ihren bekannteste Werken gehören die Porträts von Pablo Picasso. Wie kam es zu diesen Bildern?

Wyss: 1967 sollten zwei seiner Gemälde aus der Stiftung Rudolf Staechlin verkauft werden, die zum Depot des Basler Kunstmuseums gehörten. Eine Bewegung entstand, die ihr Verschwinden aus dem Museum verhindern wollte. Selbst Basels Jugend ging für Picasso auf die Straße. Schließlich gewann die Bewegung sogar eine Volksabstimmung zur Rettung der Gemälde. Ich war damals Leiter der Bildredaktion einer Basler Tageszeitung. Wir dachten, wenn wir schon die Unmöglichkeit der Volksabstimmung geschafft haben, können wir auch Picasso um ein Interview zu bitten. Er hatte seit zehn Jahren keine Journalisten mehr empfangen.



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tweet4fun 30.12.2011
1. Ein guter Artikel...
Zitat von sysopAugenblicke ohne Pose: Der Schweizer Fotograf Kurt Wyss sucht stets nach der Wahrheit hinter dem Bild, egal, ob es sich bei dem Porträtierten um Kunstgiganten wie Pablo Picasso, Jean Dubuffet oder Andy Warhol handelt. Im Interview erzählt Wyss, wie er das Vertrauen scheuer Künstler gewinnen konnte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,805405,00.html
... und ein gutes Interview. Danke. Ich möchte dennoch, ohne dem Herrn Wyss nahetreten oder sein Lebenswerk schmälern zu wollen, auf den Fotografen hinweisen, der Picasso wohl am nächsten stand: DAVID DOUGLAS DUNCAN. David Douglas Duncan (http://www.hrc.utexas.edu/exhibitions/web/ddd/gallery/picasso/) Er sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden.
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