Künstler Gonzalez-Torres Vom Museum in den Mund

Poster vom Stapel, Bonbons im Dutzend: Die Werke von Felix Gonzalez-Torres kann man nicht nur anschauen, sondern man darf sie auch mitnehmen oder in den Mund stecken. Der Hamburger Bahnhof in Berlin widmet dem 1996 an Aids gestorbenen Künstler jetzt eine umfangreiche Retrospektive.
Von Heiko Klaas und Heiko Klaas

Vergesst London, Paris und New York! Während der Berliner Kunstmesse Art Forum spielt die deutsche Hauptstadt jedes Jahr im Herbst Kunstkapitale. Sammler, Ausstellungsmacher und Künstler aus aller Welt reisen an und hetzen von einer Ausstellungseröffnung zur anderen. Die Krönung jedes Messetages sind - ähnlich wie bei den Filmfestspielen - die begehrten Partys und Dinners in möglichst schrägen Locations. Egal wohin man kommt, überall sieht man Leute mit dicken Posterrollen unter dem Arm. Der Insider erkennt sofort: Hier war offenbar mal wieder jemand in der Felix-Gonzalez-Torres-Ausstellung im Hamburger Bahnhof.

Dort ist dem Ausstellungsbesucher erlaubt, was sonst zu den größten Tabus im Museum gehört: Er darf bestimmte Kunstwerke anfassen und, wenn er will, sogar mit nach Hause nehmen. Laisser-faire statt "Nicht berühren!". Das sonst gestrenge Aufsichtspersonal wirkt angesichts der neuen Freiheiten zwar etwas irritiert, lässt die Besucher aber gewähren. Der 1996 an Aids gestorbene Felix Gonzalez-Torres ist bekannt für seine Giveaways, kleinteilige Kunstwerke also, die vom Besucher kostenlos mitgenommen werden können. Die demokratische Verbreitung von Kunst und damit das subversive Unterlaufen von Mechanismen des Marktes gehören zu einem der Markenzeichen des 1957 in Kuba geborenen und später in die USA ausgewanderten Künstlers.

So erwarten das Publikum gleich im ersten Raum etliche Arbeiten aus der Werkgruppe der "stacks", äußerst penibel aufgeschichtete Stapel von unterschiedlich großen Postern in unlimitierter Auflage. "Take me, I am yours", scheinen sie dem Besucher entgegenzurufen, und kaum einer widersteht dem Angebot, die schönen, im klassischen Offset-Druck hergestellten Blätter sorgfältig einzurollen und voller Besitzerstolz mit nach Hause zu nehmen. Zu den Favoriten gehören die ästhetisch ansprechenden Schwarz-Weiß-Drucke eines nächtlichen Ozeans mit sanft bewegten Wellen oder ein Blatt mit dramatisch aufgetürmten Wolken, hinter denen die Sonne hervorbricht. Melancholie trifft Hoffnung.

Doch daneben gibt es auch einen Stapel weißer Blätter mit dickem, schwarzem Trauerrand. "Untitled (The End)" von 1990 weckt Assoziationen an großformatige Todesanzeigen, wie sie heute noch in romanischen Ländern im öffentlichen Raum plakatiert werden. In seiner Massivität und Schwere wirkt der Stapel selbst fast wie ein Grabstein. Außerdem im Angebot: Komplett durchgefärbtes, hellblaues Papier oder weiße Blätter mit einem schmalen blauen Streifen in der Mitte. Das helle Blau fungiert bei Felix Gonzalez-Torres vor allem als poetische Metapher einer schönen Erinnerung. Zu den traumatischsten Ereignissen seines Lebens gehörte der Verlust seines Lebensgefährten Ross, der 1991 an Aids starb. Die Farbe Blau lässt sich daher immer auch autobiografisch deuten: "Ich liebe den blauen Himmel. Ich liebe das Blau des Ozeans", hat Gonzalez-Torres einmal gesagt, "Ross und ich konnten den ganzen Sommer am blauen Meer oder unter dem klaren Blau des kanadischen Himmels verbringen."

Bonbons en masse

Nach dem Tod seines Lebensgefährten verschickte Gonzalez-Torres 100 kleine Briefumschläge mit der Asche des Toten an die engsten Freunde. Und um genau dieses Moment der Verarbeitung von Verlust und Trauer durch Auflösung massiver Körper in unendlich viele einzelne Teile geht es immer wieder im Werk des Künstlers. Neben den "stacks" sind in Berlin auch die verführerisch-ästhetischen "candy spills" (Bonbonschüttungen) von Gonzalez-Torres zu sehen. Auch hier kommt wieder ein melancholisches Moment ins Spiel. Das Gewicht der entweder teppichartig auf dem Fußboden verteilten oder in Raumecken aufgeschütteten Bonbons in metallisch glänzendem Zellophanpapier entspricht exakt dem Körpergewicht einer geliebten Person. Die Arbeit "Untitled (Ross)" von 1991 etwa entsprach dem Gewicht seines Freundes. Wer will, darf sich auch hier bedienen und so langsam zum Verschwinden der Arbeit beitragen. Gonzalez-Torres stößt damit ein ambivalentes Bedeutungsfeld auf, dessen Koordinaten irgendwo zwischen katholischer Liturgie und sexueller Lusterfüllung liegen: "Ich gebe euch dieses süße Zeug. Ihr steckt es euch in den Mund und damit saugt ihr am Körper eines anderen. Auf diese Weise verschmilzt meine Arbeit mit den Körpern vieler anderer Menschen."

Die Wurzeln von Gonzalez-Torres' Kunst sind vielfältig. Einerseits reibt er sich immer wieder an der konzeptuellen Strenge der Minimal Art der sechziger Jahre und lädt sie emotional auf. Andererseits nimmt er als politisch aktiver Künstler Stellung zu gesellschaftlichen Problemen wie Aids, Zensur, Schwulendiskriminierung und Homophobie. In formal strengen Schriftarbeiten auf Museumswänden oder Plakatflächen im Stadtraum mischt er private und öffentlich-politische Ereignisse und Daten zu vieldeutigen Textcollagen. Doch platte Agitprop-Kunst oder politisch-ideologische Aggressivität sind ihm fremd. Gonzalez-Torres zeigt Momente der Poesie, der formalen Eleganz, der pathetischen Trauer, aber auch der festlich-glamourösen Unbeschwertheit und theatralischen Inszenierung.

Brutalität und Idylle

Im Obergeschoss des Hamburger Bahnhofs versprühen hell leuchtende, wie zufällig drapierte Lichterketten mit weißen Glühbirnen ein Flair von Partystimmung und extrovertiertem Budenzauber. Hier oben ist noch einmal die ganze Bandbreite seines nie auf ein Medium festgelegten Werkes zu sehen: Aus der Tagespresse entnommene Familienfotos des berüchtigten "Schlächters von Lyon", Klaus Barbie, verarbeitet Gonzalez-Torres ebenso wie private Fotos aus seinem eigenen Familienalbum zu zunächst harmlos wirkenden Puzzlebildern. Ein verwirrendes und subtiles Spiel mit privater und kollektiver Erinnerung, scheinbarer Idylle und unterschwelliger Brutalität.

Im hinteren Teil, dem "Archiv Felix Gonzalez-Torres", laden Hörstationen dazu ein, sich intensiver ins intellektuelle Koordinatensystem des Künstlers, aber auch der neunziger Jahre und ihrer gesellschaftlich-politischen Widersprüche einzuloggen. Walter Benjamin trifft hier auf Ronald Reagan, Dirty Harry auf Queer Culture. Dennoch ist Gonzalez-Torres' Werk auch jenseits des Insider-Diskurses für jeden lesbar.

In den letzten Jahren seines Lebens wandte sich Felix Gonzalez-Torres wieder vermehrt der Fotografie zu, die er auch ursprünglich studiert hatte. So sind die kurz vor seinem Tod entstandenen, wunderbar beiläufigen Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Serie "Untitled" (Vultures) von 1995 sicherlich mit die eindrucksvollsten Metaphern auf die eigene Vergänglichkeit, die die Kunst der jüngeren Vergangenheit hervorgebracht hat. Sie zeigen fast schon in Auflösung begriffene Silhouetten von kreisenden Geiern vor der unendlichen Weite des Himmels. Schwerelos und absichtsvoll, poetisch und bitterernst zugleich.


Felix Gonzalez-Torres, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin. 1. 10. 06 bis 9. 1. 07. Katalog: 224 S., 24 Euro (Ausstellung), 30 Euro (Buchhandel).