Künstlerin Cindy Sherman "Schon als Kind wollte ich hässlich aussehen"

2. Teil: Warum Cindy Sherman beim Anblick von ekelhaften Dingen kichern muss


Frage: Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Welche Rolle sollte sie im besten Sinne spielen?

Sherman: Ich glaube, dass die Kunst auf irgendeine Weise die Gesellschaft zusammenhält. Ich weiß nicht, wie ich am besten formulieren kann, wie sie das tut, aber ich denke, dass sie die Kreativität der Menschen anregt. Sie ist schlicht extrem wichtig, damit die Leute mit ihrem Leben zu Rande kommen. Mich darf man nicht fragen, inwiefern oder weshalb das wichtig ist. Fragen Sie einen Philosophen. Ich mache einfach. Wir sollten nicht immer alles so ernst nehmen. Wir können doch über uns selbst lachen und über die Dinge um uns herum, ohne sie lächerlich zu machen, sondern immer noch mit Zuneigung.

Frage: Damit spielen Sie auf die Clowns an?

Sherman: Es ging mir darum, den tieferen Wesenszug unter der Clownsmaske zu zeigen, und ich wollte, dass dieser Zug bei jeder Clownsfigur anders war. Denn das fasziniert mich an der Recherche, die ich im Internet betrieb. Ich blickte in ihre Gesichter und stellte mir vor, was für Menschen sie ohne Make-up waren. Was hat diese Person dazu gebracht, ein Clown sein zu wollen? Die Art des Aussehens, die sie für ihren Clownsauftritt auswählt, sagt auch einiges über sie als Person aus. Ich merkte, wie ich zu phantasieren begann: "Ist dieser Mensch ein Kinderschänder, ist er so einsam, dass er glaubt, nur Kinder können ihn lieben, ist er ein Alkoholiker?" Man fängt einfach an, sich Gedanken zu machen und in ihre Augen zu schauen und tiefer hinein in ihre Charaktere, hinter dem Make-up. Ich habe in jener Kategorie so viele Schichten gefunden, dass es mich wirklich in den Bann geschlagen hat.

Frage: Dürfen wir auf weitere Clowns hoffen?

Sherman: Vielleicht. Aber was ich auf jeden Fall weiter verfolgen möchte, ist die Sache, zu der mir die Clowns verholfen haben, nämlich digital mehr als eine Figur in einem Bild zu kombinieren, in der Lage zu sein, mit diesen künstlichen Hintergründen zwei und mehr Figuren auf einem Foto zu platzieren.

Frage: Stellen Sie mit den Puppen und Prothesen das Monströse gegen gesellschaftliche Ideale?

Sherman: Ich wollte einfach nicht mehr mit mir selbst arbeiten. Also habe ich mich selbst aus dem Foto entfernt. Einige Leute vermuten mich immer noch irgendwo. Aber ob ich Puppen verwendet habe oder mich selbst, seit Mitte der achtziger Jahre fasziniert mich diese Bildersprache. Sie zeigt Widerliches und macht das Betrachten schwer, was zum Teil mit der Frage der Hässlichkeit zusammenhängt. Es gibt genügend Leute, die versuchen, schöne Bilder herzustellen oder das Schöne einzufangen, so dass ich seit je angezogen war von dem, was nicht als schön erachtet wird, von Dingen, die als heikel gelten. Ich interessiere mich für Horrorfilme und unheimliche Dinge. Das hängt mit den Märchen zusammen. Die Schreckgeschichten bereiten einen psychisch auf das Schlimmste vor, das einem zustoßen könnte. Und es gibt dennoch die eigene Sicherheit: Man sieht einen Horrorfilm, etwas Ekelhaftes und kichert trotzdem. Horror ist ebenso witzig wie schrecklich. Einige Leute mögen denken, dass ich völlig besessen bin von Ekelerregendem oder Schrecklichem, und dann sage ich auch noch etwas Fürchterliches über Frauen in der Gesellschaft, während ich selbst einfach Spaß habe. Es ist derb und eklig, aber das ist irgendwie lustig.

Frage: Hat das noch mit Ihrer alten Lust an der Provokation zu tun?

Sherman: Ja, Mitte der achtziger Jahre tat ich es, weil ich die Sammler provozieren wollte, die meine Arbeiten kauften. Mit war etwa folgendermaßen zumute: "Wenn Sie meine Arbeit kaufen wollen, dann fordere ich Sie heraus, dieses Bild mit Erbrochenem zu kaufen und das an Ihre Wand zu hängen." In gewisser Hinsicht ging es darum, wie weit wir die Grenzen dessen dehnen können, was Kunst ausmacht, was Edelkunst ist und was Billigkunst.

Frage: Ist Voyeurismus im Spiel?

Sherman: Nein, denn ich enthülle nichts über mich. Möglicherweise denken einige, dass da ja viel Narzissmus im Spiel ist und von dort der Voyeurismus herrührt, weil ich selbst in der Arbeit vorkomme. Aber ich trete nicht selbst auf, weil ich verkleidet bin und in meinen Augen nichts preisgebe. Ich habe Akte gemacht, aber es war nicht mein Körper, sondern es waren Körper aus Plastik. Aus diesem Grund betrachte ich meine Arbeiten auch nicht als Selbstporträts.

Frage: Wie möchten Sie Ihre Bilder betrachtet wissen?

Sherman: Mit offenen Augen und offenem Geist.


Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist bis zum 17. September 2007 eine große Cindy-Sherman-Werkschau zu sehen. Sie umfasst Arbeiten der Künstlerin aus den Jahren 1975 bis 2005.



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