Künstlerin Ingrid Wiener Alles nur geträumt

Mit Webbildern und Aquarellen gestaltet Ingrid Wiener ein Panorama des Träumens. Es sind kleine Monumente der Innerlichkeit - und reflektierte Erholung in einem Kunstbetrieb, der mehr denn je von maßloser Geschäftigkeit lebt.

Von Elke Schmitter


Anmut und Flucht: Wenn Ingrid Wiener ihre Träume malt und diese Bilder beschreibt, hat sie den Rest der Nacht, der noch zu retten war, schon in die passende, flüchtige Form gebracht. Ihre filigranen Zeichnungen auf Papier, mit Aquarellfarben bemalt, halten das Verrinnen der Bilder fest, mit jener heiteren Unerbittlichkeit, die diesem Material eigen ist. So dass auch aus schweren Träumen leichte Bilder werden: "WÄLZSCHLAF: SEHE IMMER WIEDER GELBE WADEN UND EINE AHNUNG VON WANDERSCHUHEN", erzählt die Schrift unter einer losen Anordnung von Unterschenkeln, die das Weite suchen, aber nicht finden.

Subtil bedrohlich in ihrer muskulären Festigkeit stehen die zitronengelben Stampfer auf dem Papier, ungerahmt und ohne Ordnung, aber zäh, wie eine Schlafstörung eben ist. Eine Gruppe von vier Aquarellen berichtet von einem Freundinnentreffen, bei dem die Atmosphäre der späten Sechziger nachgestellt werden soll, doch schon das Schminken geht schief: auch mit allen Errungenschaften der Kosmetikindustrie lässt sich das Gesicht einer Mittsechzigerin nicht mehr zum jugendlichen Aufbruch modellieren. Teil der Traumperformance ist ein Fritattenauflauf, zu dem Wiener den Fritattentanz tanzen will – "ABER ES GEHT NICHT GUT – DIE FRITATTEN SIND SEHR BLASS. GEBE ZU VERSTEHEN, DASS MAN ZU SO BLASSEN FRITATTEN KEINEN ANSTÄNDIGEN TANZ TANZEN KANN".

Der Gleichmut dem Scheitern gegenüber, mit dem wir uns im Schlaf vom Ärger des Tages erholen, durchzieht nicht wenige ihrer Geschichten. Ein besonderer Reiz der Traumbilder Wieners liegt auch in der Anordnung zur Sequenz: während für die meisten Träume der Fluss des Unwirklichen bezeichnend ist, bei dem sich Unwahrscheinlichkeiten fugenlos ineinander schmiegen, drückt das unwillkürliche Stottern der Geschichte in einzelnen Bildern die Schwierigkeit des Verstandes aus, in diesem Fluss zu bleiben.

In all diesen Träumen, wie könnte es anders sein, taucht die biographische Wirklichkeit Ingrid Wieners in eben der rudimentären Unmittelbarkeit auf, die eigene und fremde Träume so anziehend und rätselhaft macht: Geboren 1942 in Wien, mit der "Wiener Gruppe" (Achleitner, Bayer, Rühm) und den dortigen "Aktionisten" (Brus, Mühl, Nitsch) vielfältig verbunden, wirkte Wiener dort bei Aktionen und Aufführungen mit und ging 1970 nach Berlin, wo sie die Künstlerlokale "Matala", "Exil" und "Ax Bax" mit begründete und bespielte.

Als "Monsti" Wiener gehörte sie in den frühen achtziger Jahren zum Westberliner Musikuntergrund mit Auftritten im "SO 36" Martin Kippenbergers. Mahlzeiten, Kollegen, Landschaften tauchen auf – Treffen mit Hundertwasser, Dieter Roth und Max Frisch; Ehemann Oswald Wiener ist ein häufiger Gefährte in den surrealen Szenen. Auch jene Webarbeiten werden zitiert, die Ingrid Wiener jetzt, zusammen mit den Traumbildern, bis 31. März 2007 in der Berliner Galerie Hohenthal und Bergen (Mommsenstraße 35, Charlottenburg) vorstellt.

Webbilder und Aquarelle, das sind zwei künstlerische Manöver, denen man das Medium ihrer Entstehung fortwährend ansieht: die gewebten Bilder sind in Materie umgewandelte Zeit, das Ergebnis unendlich vieler, kleiner Bewegungen, die, anders als beim Ölbild, einzeln den Auge sichtbar bleiben in jedem Blick – künstlerische "Arbeit" im buchstäblich Sinn, und natürlich eine genuin weibliche Kunst. Ihre "Wiener Gobelins" haben Wandteppich-Formate und enthalten neues Material: Garnreste, Quittungen, Plastikhüllen, Ordner, Verpackungsmaterial und andere Arbeitsreste geben Auskunft über den Prozess des Entstehens und sind auch darin Zeit-Zeugnisse, Ergebnisse des Sammelns und Gedächtnisspeicher. Allerdings nicht im pathetischen Sinne, sondern eher in der Tradition der arte povera und mit jenem Schuss Unordnung, der die Wiener Avantgarde als lebendige, unprätentiöse Bewegung auszeichnete.

Die Aquarelle halten das dagegen das Verrinnen fest, in seinem letzten Augenblick – ein Griff in die Zeit, der handwerklich und künstlerisch um so gekonnter sein muss, als man im Aquarell nicht korrigieren kann. Es ist, in diesem Fall, die Momentaufnahme eines Moments.

Wieners Traumbilder – "denn jeder Traum ist Wunscherfüllung", sagte der Wiener Freud – erinnern daran, dass es Erfüllung von Wünschen gibt, die nicht an Materie gebunden ist, nicht an Konsum, nicht einmal an einen anderen. Es sind kleine Monumente der Innerlichkeit und reflektierte Erholung in einem Kunstbetrieb, der mehr denn je von Gesten vermeintlicher Potenz und maßloser Geschäftigkeit lebt.



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