Künstlerinnen-Schau im Centre Pompidou Frauen, aber nicht nackt

Extremer, radikaler, aber genauso repräsentativ: In der grandiosen Ausstellung "Elles@centrepompidou" zeigt das Nationalmuseum alles an Kunst, Design und Architektur aus der eigenen Sammlung, was von Frauen geschaffen wurde. Das sollte unbedingt Schule machen.

Warum, fragt man sich, machen nicht auch andere Ausstellungshäuser so etwas? Das Französische Nationalmuseum für Moderne Kunst im Pariser Centre Pompidou zeigt als erstes großes und wichtiges Museum ausschließlich die Arbeiten von Künstlerinnen, Architektinnen und Designerinnen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, die für die Sammlung angekauft wurden. Damit präsentiert das Museum auch seine Sammlungspolitik. Die Ausstellung "Elles@centrepompidou" ist ein solcher Erfolg, dass sie jetzt bis Februar 2011 verlängert wurde, und wer noch nicht da war, sollte die kuratorische Revolution vor Ort oder zumindest im Katalog ansehen.

Es wäre ja weder schwierig noch teuer, Arbeiten von Frauen aus eigenem Besitz zu zeigen. Aber wie würde das wohl in der Nationalgalerie Berlin aussehen? Klar, es ist nicht fair zu spekulieren, aber zu vermuten ist, dass das Ergebnis ziemlich mickrig ausfallen würde.

Ganz ohne Spekulation kann man das über das Metropolitan Museum of Art in New York behaupten. 1989 hatte die Künstlerinnen-Gruppe "Guerrilla Girls" deshalb auf einem Plakat eine ihrer Recherchen öffentlich gemacht: "Do woman have to be naked to get into the Met.Museum? Less than 5 % of the artists in the Modern Art Sections are women, but 85 % of the nudes are female". Weniger als 5 Prozent der ausgestellten Künstler in der Abteilung für moderne Kunst sind weiblich, aber 85 Prozent der Akte sind es. Die "Guerrilla Girls" trugen Affenmasken, verteilten Handzettel, klebten die Plakate an Hauswände - und kamen nach Deutschland. 1993 war das. Als in Berlin die Großausstellung "Amerikanische Kunst im 20. Jahrhundert" von Christos Joachimides und Norman Rosenthal eröffnet wurde - denn die war fast komplett frauenfrei. Die Kuratoren hatten in einem Interview mit dem SPIEGEL behauptet, es gäbe keine "guten" Künstlerinnen in den USA, die in die Ausstellung gepasst hätten.

Mehr als 15 Jahre später beweist nun die Centre-Pompidou-Ausstellung ein für allemal, was für ein Quatsch diese Aussage war. Und das, obwohl auch in seiner eigenen Sammlung nur 17 Prozent der Werke von Künstlerinnen stammen. Das entspreche "der Quote im französischen Parlament" und spiegele "unsere heutige Gesellschaft" wieder, die noch weit von der Parität entfernt sei, sagte die Ausstellungskuratorin Camille Morineau in einem Interview mit der Kunstzeitschrift "Art".

Extremer, radikaler und in der Performance auch gewalttätiger

Diese 17 Prozent aber zeigen zusammen lückenlos die gesamte Geschichte der Moderne und der Gegenwartskunst. Und der Blick auf das 20. Jahrhundert falle sogar "extremer, radikaler und in der Performance auch gewalttätiger" aus als in der Gesamtsammlung, sagt die Kuratorin. Und wie zum Beweis lässt die Israelin Sigalit Landau in ihrem radikalen Video "Barbed Hula" nackt einen Stacheldraht-Reifen wie beim Hula Hoop um ihren Körper kreisen.

Niki de Saint Phalle

Shirin Neshat

Landaus Werk ist in einem der sieben Kapitel zu sehen, in das die Ausstellung gegliedert ist. "Fire at Will" heißt es, und neben Landau finden sich dort auch Arbeiten von Andrea Fraser, , den Guerrilla Girls, Valie Export oder .

Frida Kahlo

Mit historischen Positionen - "Pioneering Woman" - beginnt die Schau, zu sehen sind , Sonia Delaunay, Hannah Höch oder Gisèle Freund. In "Eccentric Abstraction" verbinden Frauen wie Eva Hesse, Yayoi Kusama, Ana Mendieta oder Agnes Martin die Abstraktion mit Figuration und Systematik und Konzept mit Sinnlichkeit; in "Immaterials" geht es um Entkörperlichung oder Abwesendes.

Zaha Hadid

Dazu gibt es zwei Kapitel aus der angewandten Kunst: "Elles@Design" mit Janette Laverrière, Sheila Hicks, Louise Campbell oder Nicola L. sowie "Architecture and Feminism?" mit Itsuko Hasegawa, Charlotte Perriand, Eileen Gray, Manuelle Gautrand und .

An den Wänden der Ausstellungsräume sind in farbiger Schrift Zitate von Künstlerinnen, Autorinnen, Historikerinnen oder Schriftstellerinnen zu lesen - oft Kommentare zur Arbeit, zum Kontext oder auch zur politischen Situation. Und dann gibt es auch noch einen wunderbaren Katalog, eine Chronologie auf 31 Seiten. Von 1900 bis 2009. Denn es begann 1900 mit dem ersten Studio für Frauen in der Pariser Kunsthochschule. Und es hört noch lange nicht auf.


Ausstellung: "elles@centrepompidou". Paris. Centre Pompidou . Bis 21.2.2011; Video ;

Katalog: "elles@centrepompidou. Women Artists in the Collection of the National Modern Art Museum, Centre de création industrielle". 384 Seiten mit ca. 500 meist farbigen Abbildungen, in engl. Sprache. 39,90 Euro in der Ausstellung, 44,80 Euro im Buchhandel.