Künstlerzwillinge Tobias in Hamburg Monster aus dem Mittagsschlaf

Fische mit Krokodilsmaul, Masken mit triefenden Nasen: Im Hamburger Kunstverein präsentieren die deutsch-rumänischen Künstler Gert und Uwe Tobias auf einer ausufernden Ausstellungsfläche ihr eigentümliches Repertoire  - eine (über-)sinnliche Herausforderung.


Bitte keine Zwillingsfragen, heißt es vorab. Die meisten Journalisten wollen nämlich immer nur wissen, wie das denn so ist, wenn Zwillingsbrüder als Künstler zusammenarbeiten. Wer was macht. Und ob sie sich streiten. Und die Fragen nach den Vampiren können Gert und Uwe Tobias auch nicht mehr hören.

Mit ihrem Zwillingsdasein sind die beiden zwar nie hausieren gegangen. Nicht ganz unschuldig sind sie allerdings an dem Hype um die Künstler aus Transsylvanien, der angeblichen Heimat der Vampire. Ihren Durchbruch hatten sie nämlich 2004 mit einer Ausstellung in der Kölner Galerie Michael Janssen. Ihr hatten sie den süffigen Titel gegeben "Come and See Before the Tourists Will Do - The Mystery of Transylvania".

Sie hatten damals eine Serie großformatiger Holzschnitte gezeigt, in denen sie die Titel zweitklassiger Vampirfilme - "Let's Scare Jessica to Death" etwa oder "My Demon Lover" - mit abgewandelten Motiven aus der wirklichen Volkskunst ihrer ehemaligen Heimat kombinierten. Denn tatsächlich sind Gert und Uwe Tobias im rumänischen Siebenbürgen aufgewachsen, bevor sie im Alter von zwölf Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland übersiedelten.

Fische tragen hier Krokodilsgebiss

Blöderweise hat sich nach der Mystery-Schau ein Splatter-Klischee in vielen Köpfen festgesetzt, obwohl sie nie einen einzigen Vampir gemalt haben. Gleichzeitig aber haben sich auch etliche Sammler, Museumsleute und Kritiker in ihre eigenwillige, kraftvolle, fast draufgängerische Bildsprache verguckt. Schon 2007 konnten die Tobias-Brüder im New Yorker Museum of Modern Art ausstellen. Ein Jahr späten hatten sie eine Werkschau im Kunstmuseum Bonn. Und im Juni werden sie im altehrwürdigen Dresdner Kupferstichkabinett ihre Arbeiten in einen Dialog mit sehr alten Spielkarten aus Dresdner Beständen setzen .

Jetzt aber hat ihnen erst einmal der Hamburger Kunstverein eine Herausforderung zugemutet. Sie bespielen die ganzen 1300 Quadratmeter der Institution: die Ausstellungsräume oben und unten, das Foyer, das Treppenhaus und den Archivraum. Bis April wird die Installation komplett bleiben, danach sollen immer mehr Teile entfernt werden, um anderen Künstlerinnen Platz zu machen. Am Ende des Jahres soll schließlich nur noch die Gestaltung von Foyer und Treppenhaus übrig bleiben.

Wie schon bei früheren Ausstellungen haben sie deshalb hier den Mix ihrer Holzschnitte, Collagen und Keramiken nicht nur genau ausgetüftelt, sondern ihn auch in ein installationsartiges Setting hineinkomponiert. Als wäre ein imaginärer nachtblauer Raum zerpflückt worden, so ist jetzt eine Folge von schwarzblauen Wänden über den Kunstverein verteilt: dort eine halbe Decke, hier eine halbe Wand, dort eine ganze. Das kommt ziemlich gut.

Vor diesem Hintergrund wirken die mitunter gigantisch großen Holzschnitte und die zarten, kleinen Collagen, als hafte ihnen noch der nachtblaue Raum der Phantasie an, in dem die eigentümlichen Wesen auf ihnen entstanden sind. Die Fische, denen ein Krokodilsgebiss aus dem Maul schaut. Die Masken mit ihren triefenden Nasen. Der baumelnde Hahn im farbenprächtigen Federkleid. Oder die Figur im langem Rock: Ihr Hals ist langgezogen wie ein gedehnter Kaugummi, und ihr Gesicht ist klein und verrunzelt wie bei einer Schreckensgestalt des Malers George Condo.

Siebenbürgen taucht als Zitat immer wieder auf

Dabei sehen die Brüder Tobias ihre Arbeit nicht als Destillationen aus vorbewussten Phantasien oder Traumbildern. "Nein, wichtig ist uns vielmehr, dass etwas entsteht, das fremd wirkt und zeitlos", sagt Gert. Trotzdem erinnert vieles an die surrealen Bilder, die einem als Kind erschienen, wenn man zum Mittagsschlaf verdonnert war, auf die Muster von Tapeten oder Gardinen starrte und sich aus ihnen Schemen, Monster, seltsame Tiere ablösten.

Viele folkloristische Elemente, auf die ihre Arbeiten anspielen, kennen die Tobias-Brüder noch aus ihrer Kindheit in Siebenbürgen: von den bunten Stoffen der Trachten oder den farbenfroh bestickten Kissen. Anderes haben sie später wiederentdeckt, als sie sich während des Studiums für ihre Herkunft zu interessieren begannen. Die Stickmustermappe der Mutter etwa: ein Vorrat von Motiven, die sie beim Sticken in andere Größenverhältnisse übertrug, variierte und neu kombinierte.

Ähnlich verfahren die Zwillinge heute, wenn sie motivische Details in unterschiedlichen Medien und neuen Konstellationen wiederholen: bei den minutiös gefügten, kleinteiligen Papiercollagen, die mit ihrem Gewusel eigentümlicher Kreaturen vage an Max Ernst erinnern. Bei ihren Keramiken, die aussehen, als hätten sich einzelne Motive dreidimensional aufgebläht und sich dann kurz vorm Zerfall ins Amorphe auf Sockeln aus Gefäßen festgesetzt. Oder bei den oft mehrere Meter breiten Holzschnitten. Sie entstehen in einem kartoffeldruckartigen Verfahren, bei dem die Konturen der Details aus Pappelholz ausgesägt, mit Farbe bestrichen und aufs Papier oder neuerdings auch auf Leinwand gepresst werden.

Von den Holzschnitten entstehen immer nur zwei Exemplare. Und bei genauem Hinsehen sind diese beiden nicht ganz identisch. Zwei Gleiche also mit kleinen Unterschieden - vielleicht könnte man an dieser Stelle doch eine Zwillingsfrage wagen: Entlassen sie Werke in die Welt, denen sie einen zwillingsartigen Doppelgänger zur Seite stellen? "Nein", wehrt Gert Tobias amüsiert ab. "Netter Versuch. Aber das hat rein praktische Gründe. Wir wollten eine Auflage, und die sollte so niedrig sein wie möglich."


Gert & Uwe Tobias, Kunstverein Hamburg, 28. Januar bis 18. November, www.kunstverein.de



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
athene noctua 30.01.2012
1. :
Zitat von sysopFische mit Krokodilsmaul, Masken mit triefenden Nasen: Im Hamburger Kunstverein präsentieren die deutsch-rumänischen Künstler Gert und Uwe Tobias auf einer ausufernden Ausstellungsfläche ihr eigentümliches Repertoire* - eine (über-)sinnliche Herausforderung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,811835,00.html
...und versuchen "Kaiser's Neue Kleider" zu verkaufen.
hartholz365 31.01.2012
2. Und wer kauft das Zeug?
Collagen! Boah! Das gabs ja noch nie!
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