Kultserie "Tatort" 700 mörderische Abende

Mord auf Mallorca, verliebte Kommissare, tote Mathelehrer: Der "Tatort" feiert bald die Ausstrahlung des 700. Krimis. SPIEGEL ONLINE hat zehn Autoren der legendären Serie in die Karten geschaut. Sie verrieten, wo sie ihre Ideen klauen - und wen sie gern umbringen würden.


Thorsten Wettcke

1. Sonntagabend, 20.15 Uhr: Beschreiben Sie Ihr "Tatort"-Ritual.

Ehrlich gesagt bin ich ziemlich "Tatort"-frei durch meine ersten 30 Lebensjahre gekommen. Erst seit ich selber für das Format schreibe, schaue ich regelmäßig. Wobei mein Ritual vor allem darin besteht, den Festplattenrekorder zu programmieren.

2. Hier haben Sie fünf Zeilen Platz für einen Dialog, den Sie von Ihrem Ermittlerteam gerne einmal hören würden.

Aus "Cenk Batu und das Rätsel der toten Drehbuchautoren"

Cenk: "Scheiße, wer löst denn den Fall jetzt?"

Uwe: "Und wer schreibt unsere Dialoge?"

Langes Schweigen. Uwe räuspert sich. Schweigen.

Cenk: "Ich hol mir mal einen Kaffee."

Uwe: "Ich geh' mal Hartz 4 beantragen."

3. Wo klauen Sie gerne Ihre Ideen?

Die besten Quellen sind Bücher und persönliche Informationen von investigativen Journalisten. Die ganz realen Verstrickungen von Politik, Wirtschaft und Justiz mit Organisierter Kriminalität sind schon so spannend, das reicht an Inspiration zumeist vollkommen aus.

4. Wie überbringt ein Kommissar der Ehefrau/dem Ehemann am elegantesten die Todesnachricht?

"Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie: Die schlechte: Ihr Partner ist tot! Die gute: In spätestens 85 Minuten haben wir den Täter!"

5. Welches US-Format könnte dem "Tatort" am Sonntag Konkurrenz machen?

An jedem anderen Tag. Zu jeder anderen Uhrzeit. Aber am Sonntagabend werden sie sich die Zähne ausbeißen. Der gehört uns - und zur Hälfte natürlich Frau Pilcher und dem Traumschiff.

6. Welche Person aus Ihrer persönlichen Vergangenheit würden Sie in einem "Tatort" gern als Leiche einsetzen?

Den Unbekannten, der Anfang der Achtziger meine beiden über alles geliebten Stofftiere gestohlen hat. Arbeitstitel: "Die späte Rache von Hase und Rudi".

7. Sind Sie persönlich eher der Typ "Mörder" oder der Typ "Ermittler" - warum?

Eher der "Mörder". Schließlich ist seine Tat der Grund, warum es den Fall und damit den "Tatort" überhaupt gibt. Diese Tat muss gut durchdacht und ausgeführt sein. Möglichst nah dran am perfekten Verbrechen. Das beste Zeichen beim Schreiben ist, wenn man an den Punkt kommt, an dem man sich fragt "Wie soll der Ermittler denn das jetzt bitte lösen?"

Dann übernimmt mein Co-Autor Christoph Silber und gibt den Ermittler, der mich letzten Endes dann zur Strecke bringt. Oder auch nicht, wie im letztjährigen Hamburg-"Tatort" "Investigativ", in dem ja auch mal ausnahmsweise das Böse gewinnen durfte.

8. Wenn Sie in einer "Tatort"-Episode auftreten würden, was wäre Ihre Rolle?

Am liebsten gemeinsam mit meinem Co-Autor Christoph Silber als Walldorf und Statler vom "Tatort". In einer plüschigen Loge würden wir über dem Kommissariat sitzen und sarkastische Kommentare über die laufenden Ermittlungen machen.

9. An welchem bis jetzt unbesetzten Ort müsste es Ihrer Meinung nach ein Ermittlerteam geben, und in welchem Milieu würde es arbeiten?

Mallorca. Eine deutsche Soko, die auf Einladung der spanischen Polizei zwischen Ballermann und Millionärsvilla ermittelt.

10. Warum setzt sich der "Tatort" mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinander?

Ganz einfach: Weil es eines der letzten Formate im deutschen Fernsehen ist, in dem man das noch kann.

11. Vervollständigen Sie den folgenden Satz. "Der "Tatort" funktioniert auch nach 700 Folgen noch so gut, weil …

… er mittlerweile zum Kulturgut geworden ist."



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