Kulturaustausch Mehr Pariser für Berliner!

Die Achse Berlin-Paris galt auch in der Kunst einmal als besonders fruchtbar. Jetzt will die französische Botschaft sie wieder beleben. Im Januar gibt es deswegen ein großes Künstler-wechsel-Dich.


Paris? Ist die Hauptstadt der Mode, die Stadt der Liebe, des Savoir-vivre. Die Stadt der Märkte, Brasserien und Bistros, des Triumphbogens, des Eiffelturms und der Bastille. Paris ist Notre-Dame und Sacre-Coeur und Père Lachaise. Und Paris hat grandiose Museen und Kunst. Den wunderbaren Louvre zum Beispiel. Da hängt die "Mona Lisa" und das "Floß der Medusa", und da steht die "Venus von Milo". Einmalig ist das Centre Pompidou, freier Eintritt, immer noch eine Architektur-Sensation. Was da drin ist? Moderne Kunst, eine große Sammlung, sicher mit Monet, Manet und Picasso. Punkt.

Und die zeitgenössische Kunst in der Stadt der Künste? Ja, gibt es. Daniel Buren, das ist der mit den Streifen. Und Niki de Saint-Phalle mit den Nanas und deren Ehemann Jean Tinguely mit den lustig klappernden Brunnen. Aber der ist Schweizer. Und schon gestorben.

Wenn es jünger und wirklich zeitgenössisch werden soll, dann scheint Paris ein Niemandsland zu sein, in dem sogar der nicht mehr ganz junge und schon gar nicht überraschende Jeff Koons für eine Beleidigung des guten Geschmacks gehalten wird. Dabei gab es in Paris schon Arbeiten von ihm zu sehen, in Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und in Pariser Galerien, die auf dem Kunstmarkt mitspielen und auf internationale Messen gehen. Dass die dem Paris-Fan und Reisenden aber noch nicht mal in Paris-Kultur-Info-Flyern vorgestellt werden und nur der Kunstgemeinde und Einheimischen bekannt sind, das soll sich ändern.

Das jedenfalls hat die französische Botschaft in Berlin beschlossen und zusammen mit 11 Berliner und 13 Pariser Galerien das Projekt "Berlin - Paris. Ein Austausch zwischen Galeristen der zwei europäischen Kunstszenen" initiiert. Eine einfache Idee: Pariser und Berliner Galerien tauschen für eine kurze, vielleicht zu kurze Zeit die Räume. Zuerst kommen vom 9. bis zum 18. Januar die Franzosen mit ihren Künstlern nach Berlin, dann gehen die beteiligten Berliner Galerien vom 6. bis 15. Februar nach Paris in die Ausstellungsräume der Kollegen.

Um eine Leistungsschau soll es nicht gehen, so die französische Botschaft zu ihrem Projekt, und natürlich nicht um eine PR-Maßnahme für den französischen Kunsthandel oder die Künstler. "Das Hauptziel des Austauschs besteht in der Vernetzung der deutschen und französischen Akteure und der von ihnen vertretenen Künstler im Kontext des sich ständig verändernden Kunstbetriebs" heißt es in der Pressemitteilung.

Allein zum "Vernetzen" wäre dieser Aufwand allerdings nicht nötig, denn der Kunstmarkt ist global, und die französischen Galerien kennen ihre Kollegen aus Berlin, genau wie die die Pariser. Denn man sieht sich auf internationalen Messen, stellt oft dieselben Künstler aus und betreut dieselben Sammler. "Brücken sollen geschlagen und Synergien entwickelt werden", so die Botschaft weiter, das könnte die Beziehungen und die Zusammenarbeit zwischen beiden Städten intensivieren, vielleicht so wie in den ersten dreißig Jahren des 20. Jahrhunderts.

Würde er noch leben, könnte sich der Pariser Literat, Übersetzer und Zeichner Pierre Klossowski (1905–2001) sicher noch an die damalige Achse "Berlin-Paris" erinnern, auch wenn er damals noch nicht gezeichnet hat. In Frankreich gehören seine Skulpturen und Grafiken heute zur Kunstgeschichte, in Deutschland hingegen ist Klossowski nahezu unbekannt. Umso besser, dass die Pariser Galerie Natalie Seroussi neun seiner großformatigen Zeichnungen aus allen Werkphasen jetzt in die Galerie carlier | gebauer bringt und sie neben den Arbeiten anderer Künstler aus den sechziger Jahren wie Martial Raysse, Antoni Tàpies oder Alexander Calder zeigt.

Bei Mehdi Chouakri, der in einer Pariser Galerie sein Handwerk gelernt hat, stellt die "Galerie 1900–2000" Klassiker mit Museumsniveau aus: Hans Bellmer, Marcel Duchamp, Max Ernst, den Düsseldorfer Konrad Klapheck, Man Ray und Francis Picabia.

Almine Rech, Chefin von Galerien in Paris und Brüssel mit internationalen Künstlern, zeigt bei Johann König zwei Amerikaner: Haim Steinbach mit Installationen und die junge Taryn Simon mit ihren großartigen Fotos der amerikanischen Gesellschaft, die in Berlin schon zweimal in Einzelausstellungen zu sehen waren. Simons ästhetische Bilder zeigen das Verborgene, das "für das Funktionieren des amerikanischen Alltags wesentlich ist", wie zum Beispiel eine Freizeitanlage im Gefängnis oder einen kranken Zirkus-Tiger im Käfig als Ergebnis selektiver Inzucht.

Esther Schipper hat zwei Galerien zu Gast: Air de Paris mit Lily van der Stokker und der in Berlin lebenden Dorothy Iannone. Und "kreo", eine Designgalerie, die Entwürfe ihrer Designer wie Marc Newson, Hella Jongerius, Martin Szekely oder Jasper Morrison in kleinen Auflagen produziert und wie eine Kunstgalerie arbeitet. Nach Berlin bringt "kreo" Objekte von Jerszy Seymour mit.

Neben den internationalen Positionen ist natürlich viel junge französische Kunst in Berlin zu sehen, die hier eher unbekannt ist. Das kann sich schnell ändern, nicht nur durch die Ausstellungen, sondern auch mit der gemeinsamen Party der Gäste und Gastgeber im "Scala" am Abend nach den Eröffnungen, auf der man die jungen Talente treffen wird. Denn gerade sie werden nach Berlin kommen, allein schon, um sich intensiv nach den angeblich sagenhaft billigen Ateliermieten zu erkundigen, die es in Berlin immer noch geben soll. Vielleicht kann ein Umzug aus dem teuren Paris oder auch ein möglicher Ateliertausch ein Schritt für die neue Achse Berlin-Paris werden.


Ausstellung: " Berlin – Paris. Ein Austausch zwischen Galeristen der zwei europäischen Kunstszenen". In Berlin: 9.–18.1.2009, Eröffnung: Freitag, 9.1., 17–21 Uhr, ab 22.30 Uhr Party; In Paris: 6.– 15.2.2009, Eröffnung: 6.2., 17–21 Uhr.



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edv3000 06.01.2009
1. Es klingt eklig
Die französische zeitgenössische Kunst hat in den letzten 20 Jahren in Berlin keine Bedeutung gehabt. Und keiner hat sie vermisst. Die handvoll jungen Franzosen, die sich in der Berliner Kunstszene seit dem Mauerfall integrieren und etablieren konnten, produzieren und fühlen sich wohl. Dank auch den günstigeren Lebensumständen. Wenn Paris was ändern möchte, dann müssen sie vor Ort anfangen. Ateliers zum Selbstkostenpreis, mehr Stipendien, alternative Ausstellungsmöglichkeiten. Gastfreundlichkeit anbieten. Junge Künstler und kleine Alternativszenen haben sie durchaus. Nach dem Artikel zu urteilen, geht es selbstverständlich um einen Politik-Aktionismus und eine Wirtschafts-PR-Aktion. Ein Diktat von oben nach unten. Und das klingt einfach nur eklig.
Ernst Robert, 06.01.2009
2. Gewusst wie
Zitat von edv3000Die französische zeitgenössische Kunst hat in den letzten 20 Jahren in Berlin keine Bedeutung gehabt. Und keiner hat sie vermisst. Die handvoll jungen Franzosen, die sich in der Berliner Kunstszene seit dem Mauerfall integrieren und etablieren konnten, produzieren und fühlen sich wohl. Dank auch den günstigeren Lebensumständen. Wenn Paris was ändern möchte, dann müssen sie vor Ort anfangen. Ateliers zum Selbstkostenpreis, mehr Stipendien, alternative Ausstellungsmöglichkeiten. Gastfreundlichkeit anbieten. Junge Künstler und kleine Alternativszenen haben sie durchaus. Nach dem Artikel zu urteilen, geht es selbstverständlich um einen Politik-Aktionismus und eine Wirtschafts-PR-Aktion. Ein Diktat von oben nach unten. Und das klingt einfach nur eklig.
Die Pariser wissen halt wie's geht - im Gegensatz zu unseren Provinzkulturbürokraten. Dass sich die Welt kulturell eher um Paris dreht als um Berlin, ist ein Gefühl, dass den Parisern (und vielen anderen auf der Welt)nun mal nicht zu nehmen ist. Berlin in seiner Weitläufigkeit bietet vielleicht günstigere Mieten, aber ob attraktive Arbeitsbedingungen ausreichen, um auch Publikum anzuziehen, darf bezweifelt werden. Damit Berlin von Paris nicht nur als ein weiterer Vorort betrachtet wird, dessen Potential - wo interessant - man natürlich in das 'Zentrum' holen darf, muss es selber viel stärker als bisher zentrale Qualitäten entwickeln. Aber dem steht u.a. unser heiliger Föderalismus wohl noch einige Zeit im Wege.
het, 06.01.2009
3. Paris Berlin
Zitat von Ernst RobertDie Pariser wissen halt wie's geht - im Gegensatz zu unseren Provinzkulturbürokraten. Dass sich die Welt kulturell eher um Paris dreht als um Berlin, ist ein Gefühl, dass den Parisern (und vielen anderen auf der Welt)nun mal nicht zu nehmen ist. Berlin in seiner Weitläufigkeit bietet vielleicht günstigere Mieten, aber ob attraktive Arbeitsbedingungen ausreichen, um auch Publikum anzuziehen, darf bezweifelt werden. Damit Berlin von Paris nicht nur als ein weiterer Vorort betrachtet wird, dessen Potential - wo interessant - man natürlich in das 'Zentrum' holen darf, muss es selber viel stärker als bisher zentrale Qualitäten entwickeln. Aber dem steht u.a. unser heiliger Föderalismus wohl noch einige Zeit im Wege.
Hier hat jemand entweder die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst in den letzten Jahren verschlafen, oder, was wahrscheinlicher ist, nicht viel Interesse daran (auf gut deutsch: keine Ahnung),..dafür mehr am mittlerweile altmodisch gewordenen, weil über hundert Jahre alten Berlin-Bashing. Aber wer lesen kann, kann begreifen, daß der Wunsch nach einem, aus französischer Sicht, längst fälligen Austausch von französischer Seite kommt. Paris hat seine tollen Seiten..kommt aber mit der Zeit nicht mehr mit. Präziser gesagt, was aus Paris kommt ist nur noch verschnarcht..und nicht nur in Sachen Bildender Kunst. Aus den vorangegangenen Sätzen werden Sie entnehmen können, daß Sie noch etwas an sich arbeiten müßten, um diesem Forum gerecht zu werden.
edv3000 08.01.2009
4. Franzosen ins Museum
Zitat von Ernst RobertDie Pariser wissen halt wie's geht - im Gegensatz zu unseren Provinzkulturbürokraten. Dass sich die Welt kulturell eher um Paris dreht als um Berlin, ist ein Gefühl, dass den Parisern (und vielen anderen auf der Welt)nun mal nicht zu nehmen ist. Berlin in seiner Weitläufigkeit bietet vielleicht günstigere Mieten, aber ob attraktive Arbeitsbedingungen ausreichen, um auch Publikum anzuziehen, darf bezweifelt werden. Damit Berlin von Paris nicht nur als ein weiterer Vorort betrachtet wird, dessen Potential - wo interessant - man natürlich in das 'Zentrum' holen darf, muss es selber viel stärker als bisher zentrale Qualitäten entwickeln. Aber dem steht u.a. unser heiliger Föderalismus wohl noch einige Zeit im Wege.
Überschätzen Sie da mal nicht das heutige Paris, aber ich denke zu verstehen was sie meinen. Dennoch muss für Künstler nicht soviel getan werden, wie viele glauben. Um das Publikum müssen Sie sich keine Gedanken machen, das Publikum ist - welches die Massen dann ruft - immer schon da. Das einzige was ich mir bei dieser französischen PR-Aktion wünsche ist, dass sämtliche Berliner Galerien ihre Sachen ordentlich verkaufen. @het selbstverständlich ist Frankreich/Paris verschnarcht, aber die Lebensqualität (Essen/Trinken) fantastisch. Die sollten den Sommer über in Berlin 10.000 Bistrotische aufstellen, mit Landesspezialitäten auffüllen und verteilen. Meinetwegen auch gegrillte Wildschweine im Tiergarten anbieten. Das wäre Kulturaustausch enough.
edv3000 08.01.2009
5. Franzosen ins Museum
Zitat von Ernst RobertDie Pariser wissen halt wie's geht - im Gegensatz zu unseren Provinzkulturbürokraten. Dass sich die Welt kulturell eher um Paris dreht als um Berlin, ist ein Gefühl, dass den Parisern (und vielen anderen auf der Welt)nun mal nicht zu nehmen ist. Berlin in seiner Weitläufigkeit bietet vielleicht günstigere Mieten, aber ob attraktive Arbeitsbedingungen ausreichen, um auch Publikum anzuziehen, darf bezweifelt werden. Damit Berlin von Paris nicht nur als ein weiterer Vorort betrachtet wird, dessen Potential - wo interessant - man natürlich in das 'Zentrum' holen darf, muss es selber viel stärker als bisher zentrale Qualitäten entwickeln. Aber dem steht u.a. unser heiliger Föderalismus wohl noch einige Zeit im Wege.
Überschätzen Sie da mal nicht das heutige Paris, aber ich denke zu verstehen was sie meinen. Dennoch muss für Künstler nicht soviel getan werden, wie viele glauben. Um das Publikum müssen Sie sich keine Gedanken machen, das Publikum ist - welches die Massen dann ruft - immer schon da. Das einzige was ich mir bei dieser französischen PR-Aktion wünsche ist, dass sämtliche Berliner Galerien ihre Sachen ordentlich verkaufen. @het selbstverständlich ist Frankreich/Paris verschnarcht, aber die Lebensqualität (Essen/Trinken) fantastisch. Die sollten den Sommer über in Berlin 10.000 Bistrotische aufstellen, mit Landesspezialitäten auffüllen und verteilen. Meinetwegen auch gegrillte Wildschweine im Tiergarten anbieten. Das wäre Kulturaustausch enough.
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