Kulturdebatte Wir sind auf Moll gestimmt

Jammern die Deutschen zu viel? Ist es berechtigt, unser Unbehagen an der eigenen Kultur? Antworten auf diese Fragen suchten gestern Wirtschaftsexpertin Gertrud Höhler, Autor Matthias Politycki und Publizist Roger Willemsen bei einem Diskussionsforum der "Zeit" - leider vergebens.
Von Daniel Haas

Natürlich hatte Gertrud Höhler, 65, ihre berüchtigte Schlangenledertasche dabei. Was mag wohl drin gewesen sein? Ein Bändchen von Ernst Jünger vielleicht? Oder irgendwas von Nietzsche? Irgendwo her muss sie ihren Begriff der Entschlossenheit ja gehabt haben, den sie gegen die Klagestimmung in Deutschland in Stellung brachte: "Wir Deutschen haben schon Angst vor der entschlossenen Miene", sagte die Wirtschaftsexpertin und schwärmte von amerikanischen Großstadtkids, deren Gesichter "Metropolentüchtigkeit" ausdrückten.

Die City ist ein Dschungel, die globalisierte Welt sowieso, und mittendrin ist Deutschland, depressionsgeschwächt und Nachwende-ermattet. Entschlossen sind die Teutonen nur, wenn es ums Jammern geht, und weil dies nicht die ultima ratio des deutschen Selbstverständnisses sein kann, kam gestern auf Einladung des Hamburger Goethe-Instituts und der "Zeit" eine illustre Runde zusammen, um eben jene Misere wenn nicht zu beheben, so doch zu erhellen.

Neben der habilitierten Literaturwissenschaftlerin und Unternehmensberaterin Höhler diskutierten TV-Moderator und Publizist Roger Willemsen, 50, und Schriftsteller Matthias Politycki, 50. Moderiert wurde das Gespräch von Theo Sommer, 75, editor at large der "Zeit". Der bugsierte, ganz hanseatischer Grandseigneur, seine Gäste elegant zu den neuralgischen Stellen jener Debatte, die sowohl Feuilletons wie Wirtschaftsteile der Nation nach wie vor bewegen: Wie wird Deutschland vom larmoyanten Selbstzerfleischer zum global tauglichen, kulturell potenten Wettbewerber?

Höhlers Lob der dezidierten Physiognomie als Chiffre eines zupackenden Realismus jedenfalls ließ Sommer nicht durchgehen. "So ein Gesicht der Entschlossenheit à la Bush möchte ich bei uns nicht sehen", kommentierte er und brachte damit jene politischen Implikationen des Themas zur Sprache, die Willemsen mit dem unbedingten Willen zur intellektualistischen Gefühligkeit gleich wieder ignorieren konnte.

Multitalent Willemsen ortete, eloquent bis zur Druckreife, das Unbehagen des Deutschen an seiner Nation im Mangel an grundlegender Lebensfreude. "Uns fehlt die Genussfähigkeit", deklamierte er applausumbrandet, "wir sind auf Moll gestimmt." Politycki, neben seiner Tätigkeit als Autor auch als Diagnostizierer abendländischer Untergänge in Pamphletform bekannt (siehe sein Aufsatz "Weißer Mann, was nun?" in der "Zeit", 1. September 2005), sekundierte: "Wir klagen auf höchstem Niveau. Und wenn die deutsche Nationalelf ins WM-Finale kommt, dann sind wir vor Scham für Brasilien."

"Wir müssen liefern"

Die Fronten hatten sich also schnell formiert: Sommer, besonnener Einlenker und von seismographischer Empfindlichkeit gegen chauvinistische Untertöne auf der einen, die Deluxe-Kulturträger Willemsen und Politycki auf der anderen Seite; im Zentrum die eiserne Lady Höhler, die sich im Lauf der Debatte als Streitbarste unter den Deutschlandexperten erwies.

"Ein internationales Bewusstsein funktioniert nur auf Basis eines nationalen", wischte sie Poltyckis Schwärmerei für ein gesamteuropäisches Kulturverständnis vom Tisch. "Wir haben keine Ziele mehr, ganz im Gegensatz zu den jungen aggressiven Nationen. Wir haben ein Dekadenzproblem."

Die Frage, ob sie westliche Dekadenz nicht vielleicht mit jener Zivilisationsstufe verwechsle, auf die die anderen erst hinarbeiten müssten, parierte Höhler mit einem schnoddrig eingedeutschten Anglizismus: "Dann müssen wir liefern." Leider hatte sie recht: Die Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosenzahlen sind alarmierend. China, Osteuropa und Indien legen kräftig zu. "Wo sind unsere Ziele?", fragte Höhler.

Hier hätte sich eine Diskussion über die Vermittlung von Wirtschaft und Ethik, Wachstum und kultureller Identität anschließen können, aber dann hätten Willemsen und Politycki nicht gierig nach dem Dekadenz-Wort schnappen dürfen. "Dekadenz entsteht dort, wo das Ausruhen beginnt", erklärte der Autor, der sich unlängst in der kubanischen Wildnis eine Frischzellenkur gegen die Laxheit der "instinktgeschwächten Weißen" genehmigte. Willemsen schwenkte ins Philologische und machte Ironie zur Wurzel allen Übels.

Die Untergeher

Polityckis Abgesang aufs Abendland, Willemsens Ironie-Schelte mit dem Verweis auf Harald Schmidt als Gallionsfigur des postmodernen Augenzwinkerns: Das alles wurde selbst dem Gentleman Sommer zu viel. Er nannte Politycki einen "Spengler für Arme" und verdarb lausbübisch grinsend allen für eine Schrecksekunde lang die Laune. Auch Höhler war genervt: "Ironie ist doch ein Oberklassending", beschied sie Willemsen knapp. "Was sie sagen, würde ja heißen, dass unser Bildungsniveau viel höher liegt, als es tatsächlich ist."

Umso überraschender, dass die Konzernberaterin letztlich den Schulterschluss mit den Abendlands-Beweinern riskierte. Da sich die Wirtschaft vom Wohl der Menschen abkopple, müsse die Politik verstärkt eingreifen. "Warum zwingen uns die Führenden nicht dazu, mit dem Lamento aufzuhören?" Dies sind auch Polityckis Erwartungen an die Politik: "ein robustes Mandat für Freiheit, Toleranz und Höflichkeit".

Dass Politik nicht Sinnbotschaften vermitteln, sondern Probleme lösen soll, war angesichts des kulturpessimistischen Furors am Ende nur noch Sommer klar. Er verwies auf Kant, der schon im 18. Jahrhundert vor Philosophenkönigen gewarnt habe. Und überhaupt: "Wo sind eigentlich unsere Philosophen?". Ja genau: Auf welches Denken kann sich eine globalisierte Wirtschafts- und Kulturwelt eigentlich noch beziehen, jetzt, da die Kritische Theorie als miefiges Ideologie-Bashing ausgespielt hat und die postmoderne Spekulation als bloßer Ästhetizismus abserviert ist? (Dass sich vom Marxismus niemand mehr ein zukunftweisendes Handlungsmodell erwartet, versteht sich von selbst.)

Die Antwort, vielleicht schlummerte sie in den Tiefen von Frau Höhlers Tasche. Jünger? Nietzsche? Wir werden es nie erfahren.

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