Kulturhauptstadt Essen gewinnt gegen Görlitz

Essen ist die Europäische Kulturhauptstadt 2010. Das gab der Beauftragte für die neuen Bundesländer, Wolfgang Tiefensee (SPD), heute in Berlin bekannt. Damit setzte sich Essen in der letzten Runde gegen Mitbewerber Görlitz durch.

Berlin - Essen ist mit dem Motto "Kultur durch Wandel - Wandel durch Kultur" in den Wettbewerb gestartet. Da sich das Ruhrgebiet als Region nicht bewerben durfte, hat sich Essen stellvertretend beworben: für eine Region mit 5,3 Millionen Menschen in elf kreisfreien Städten und vier Kreisen. Das Leitmotiv der Ruhrgebiets-Bewerbung war: "Entdecken. Erleben. Bewegen."

Stillgelegte Zechen und Hochöfen sollen die Region präsentieren, die sich nach dem Ende der Bergbau- und Montan-Industrie immer mehr als Kulturmetropole begreift. Essen hat in Brüssel aber auch damit für sich geworben, eine Einwanderungsregion zu sein und seine zentrale Lage in Europa betont.

Besondere Aufmerksamkeit erhofft sich Essen von dem Projekt "Die Zweite Stadt" in 1000 Meter Tiefe in Schacht XII des Weltkulturerbes Zeche Zollverein und Lichtkunst entlang der zentralen Verkehrsader, der Autobahn 40. Zur Internationalen Bau-Ausstellung Emscherpark entstand aus einem alten Stahlwerk in Duisburg der "Landschaftspark Nord" - ein Freizeitpark für Kletterer und Taucher. Wenn es dunkel ist, wird die Anlage mit ihren Hochöfen mit Hilfe einer Lichtinstallation in Szene gesetzt.

Renommiert sind die Ruhrfestspiele Recklinghausen und das Schauspielhaus Bochum. 2002 begann das Theater-Festival Ruhrtriennale, das europäische Hochkultur in die alten Industriebauten bringt.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) sieht in dem Titel Europäische Kulturhauptstadt für Essen eine große Chance für die Menschen in der Region. "Ganz Europa wird 2010 auf Essen und das Ruhrgebiet schauen", sagte Rüttgers nach der Jury-Entscheidung. Mit seiner herausragenden Bewerbung und Begeisterung hätten Essen und das Ruhrgebiet gezeigt, was in ihnen stecke.

Nordrhein-Westfalens Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff glaubt, dass die Städte im Ruhrgebiet durch die Entscheidung enger zusammenrücken. Die oft konkurrierenden Kommunen hätten sich erstmals bei der Bewerbung in Brüssel gemeinsam angestrengt. Jetzt könnten auch die Menschen im Revier, von denen viele einen ausländischen Hintergrund hätten, "zeigen, dass sie an einem Strang ziehen". Es gebe schon jetzt "deutliche Zeichen aus der Wirtschaft", sich an den kulturellen Projekten finanziell beteiligen zu wollen, sagte er.

Insgesamt wurden 48 Millionen Euro veranschlagt, um das Jahr, in dem Essen Kulturhauptstadt ist, zu finanzieren. Davon zahlt der Regionalverband Ruhr (RVR) 12 Millionen Euro, die Stadt Essen 6 Millionen Euro, das Land NRW 12 Millionen Euro und der Bund 9 Millionen Euro. 8,5 Millionen Euro haben Sponsoren in Aussicht gestellt. Dagegen fällt der Beitrag der EU mit 500 000 Euro vergleichsweise niedrig aus. Die Finanzierung soll noch auf insgesamt 78 Millionen Euro erhöht werden.

Jedes Jahr bekommt mindestens eine europäische Stadt den Titel "Kulturhauptstadt Europas". Der Europäische Rat verleiht ihn auf Empfehlung der Europäischen Kommission.

Görlitz und Essen waren im vergangenen Jahr aus einem nationalen Wettbewerb, an dem insgesamt zehn Städte teilgenommen hatten, als Sieger hervorgegangen. Görlitz war zusammen mit der auf der anderen Seite der Neiße gelegenen polnischen Stadt Zgorzelec als Doppelstadt ins Rennen gegangen. Beide Städte hatten damit geworben, vor dem Hintergrund ihrer schwierigen Geschichte und unter dem gemeinsamen europäischen Dach zusammenwachsen zu wollen.

Damit auch die zehn neu hinzugekommenen EU-Länder eingebunden sind, bekommen von 2009 bis 2019 jährlich zwei Städte, jeweils eine aus einem alten und einem neuen Mitgliedstaat, den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" verliehen. Im Jahr 2010 werden dies turnusmäßig eine deutsche und eine ungarische Stadt sein.

Für Ungarn gewann die Stadt Pécs den Wettbewerb. Als dritte Stadt wählte die Jury gestern Istanbul aus. Die türkische Metropole hatte sich gegen Kiew durchgesetzt. Seit 2005 können auch "europäische Drittländer" an dem Werttbewerb teilnehmen.

Die endgültige Entscheidung, welche Stadt für das Jahr 2010 Kulturhauptstadt wird, wird der Rat der Kulturminister erst im November treffen. Es ist aber noch nie vorgekommen, dass die Entscheidung der Jury nicht bestätigt wurde.

anr/dpa/ddp/AP