Kulturkampf-Debatte Gefährlicher Tanz mit der Toleranz

Toleranz bedeutet, auch extreme Ansichten hinzunehmen. Aber was darf eine liberale, tolerante Demokratie zulassen - und was muss sie verbieten? SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder warnt die europäischen Gesellschaften in seinem neuen Buch vor zu viel Multikulti-Seligkeit.

"Eure Toleranz bringt uns in Gefahr!" ruft die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek den Gutmenschen zu, die auch Ehen mit Minderjährigen und die Einfuhr von "Importbräuten" mit den kulturellen Besonderheiten der Migranten erklären. Erst wenn ein Paar auf einem deutschen Standesamt auftaucht, um eine Ehe bestätigen zu lassen, und die Beamten dabei feststellen, dass die Braut gerade elf Jahre alt ist, wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Und die prüft dann, ob die Ehe auch bei uns gültig ist, denn sie wurde in der Provinz Thrakien, das heute sowohl zu Griechenland wie zur EU gehört, geschlossen, wo für solche Fälle ein islamisches Gesetz aus dem Jahre 1914 gilt, als ganz Thrakien noch zum Osmanischen Reich gehörte.

Muslimisches Ritual des Schächtens: Toleranz gebietet es, auch extreme Ansichten hinzunehmen

Muslimisches Ritual des Schächtens: Toleranz gebietet es, auch extreme Ansichten hinzunehmen

Foto: DPA

Womit wir bei der Frage aller Fragen wären: Was darf eine liberale, tolerante Demokratie zulassen und was muss sie verbieten? In horizontal organisierten Gesellschaften, in denen Vegetarier und Kannibalen auf gleicher Augenhöhe miteinander über die Vor- und Nachteile ihrer jeweiligen Ernährung diskutieren, in denen es jeder Frau überlassen bleibt, ob sie eine Burka oder einen Bikini anziehen will, in Gesellschaften, in denen die Begriffe "gut" und "schlecht", "richtig" und "falsch" zugunsten von "anders", "multikulturell" und "relativ" abgeschafft wurden, kommt diese harmlos klingende Frage der Quadratur des Kreises gleich.

Toleranz gebietet es, auch extreme Ansichten hinzunehmen. Zum multikulturellen Repertoire gehören auch Monokulturen, die keine andere Kultur neben sich dulden würden, wenn sie das Sagen hätten.

"A hallmark of liberal, secular societies is supposed to be respect for different cultures, including traditional, religious cultures — even intolerant ones", schreibt Noah Feldman, Doktor der Islamwissenschaften und Rechtsgelehrter in Harvard.

Außerhalb der Ivy-League freilich gebietet es die Vernunft, solchen Kulturen das Recht auf Entfaltung zu verweigern. Man kann eine Gesellschaft aber auch zu Tode schützen, indem man die Grenzen des Zulässigen immer enger zieht. Andererseits würde eine totale Demokratie genauso kollabieren wie der Straßenverkehr, wenn alle, die ein Auto haben, es zur selben Zeit benutzen würden.

Wohin so etwas führt, sieht man in den Internet-Foren, wo jeder Idiot, der "anscheinend" nicht von "scheinbar" unterscheiden, aber einen Computer bedienen kann, nicht nur eine Meinung hat, sondern sie auch verbreitet. Die Aufhebung von Privilegien, wie dem Zugang zur Öffentlichkeit, führt nicht automatisch zu einer Demokratisierung des öffentlichen Diskurses, sondern zu dessen Analphabetisierung.

Kultur ist, wenn Sie Ihrem Nachbarn den Kopf abschlagen und daraus eine Blumenvase machen

Dieser Prozess wird durch die Egalisierung der Kulturen auf Kosten der Zivilisation beschleunigt. Kultur ist, wenn Sie Ihrem Nachbarn den Kopf abschlagen und daraus eine Blumenvase machen. Zivilisation ist, wenn Sie dafür ins Gefängnis müssen und nie wieder rauskommen. Während "Kultur" und "multikulturell" hoch im Kurs stehen, wird "Zivilisation" verachtet, weil sie kulturelle Unterschiede zugunsten zivilisatorischer Disziplin aufhebt. Wird der "kulturelle Hintergrund" oft als mildernder Umstand herangezogen, äußert sich der zivilisatorische Fortschritt darin, dass es verbindliche Regeln für alle gibt. Egal, ob Sie ein anatolischer Bauer oder ein rheinischer Philosoph sind, Sie bekommen keinen Bonus und keinen Malus, wenn Sie sich an Ihrer Tochter vergreifen. Deswegen kann es den Begriff "multizivilisatorisch" nicht geben. Es gibt nur "multikulturell".

Das kommt Wanderpredigern zugute, die Unsinn reden und dafür verehrt werden. In einem Gespräch mit Franz Alt sagte der Dalai Lama: "Ohne uns Menschen ginge es der Erde zur Zeit besser als mit uns. Der Mensch ist der größte Schädling auf der Erde. Ohne Menschen gäbe es auch keine Kriege mehr und keine Massenvernichtungswaffen, die alles Leben bedrohen..." Dann lachte der Dalai Lama herzlich und lange über seinen Witz, den er sehr ernst gemeint hatte.

Anfang des Jahres 2003 reiste der Sänger Konstantin Wecker in den Irak, um dort gegen den bevorstehenden Einmarsch der Alliierten "ein Zeichen (zu) setzen", was damals viele taten, die während der 23 Jahre währenden Herrschaft von Saddam Hussein kein Interesse an jedweder Art von Zeichensetzung zeigten. Es gefiel ihm gut in der irakischen Hauptstadt: "In Bagdad herrscht Handyverbot... Und auf den Straßen wird man nicht von Werbung erschlagen." Zurück in Deutschland "sehnte" sich der Künstler "geradewegs zurück nach Bagdad", denn: "Wir hier im Westen sind doch hoffnungslos überladen mit Unwichtigem – in Bagdad dagegen sah ich Leben, konzentriert aufs Wichtigste..."

Mit der Toleranz gegenüber dem vermeintlichen Underdog geht oft auch eine Bewunderung für das Finale und das Totalitäre einher. Die Erde wäre besser dran ohne die Menschen, in den Straßen von Bagdad wurde man nicht von der Werbung, sondern allenfalls von Saddams Schergen erschlagen. Und hinter dem Horizont wartet das wahre Leben, konzentriert auf das Wichtigste.

Dieselben Menschen, die es in ihrem Bungalow auf den Malediven keinen Tag ohne Aircondition aushalten, die nur abgekochtes Wasser trinken und mit verbundenen Augen einen Crottin de Chavignol von einem Chaubichou du Poitu nur nach dem Geruch unterscheiden können, verfallen dem wilden Charme des Einfachen, Ursprünglichen. Diese Fundamentalisten, die haben noch Ideale, die schrecken vor nichts zurück, während unsereiner sich schon in die Hosen macht, wenn er bei Gelb geblitzt wird. Nur so lässt sich Fluch der reinen Toleranz erklären.

Im Oktober 2006 wurde der Fall einer Angestellten der British Airways bekannt, der von der Fluglinie verboten wurde, ein kleines Silberkreuz offen am Hals zu tragen. Die BA-Kleiderordnung schreibe vor, dass religiöse Symbole unter der Uniform getragen werden müssten, unsichtbar für die Kunden. Die Frau weigerte sich und wurde vom Dienst suspendiert. Es half ihr nichts, als sie darauf hinwies, dass moslemische BA-Mitarbeiterinnen im Dienst den Hijab tragen dürfen, sichtbar für alle; das sei etwas ganz anderes, wurde sie belehrt, "diese Symbole (lassen) sich schlecht unter der Uniform verbergen".

"Mohammed" statt "Jack"

Die vorbildliche britische Toleranz gegenüber fundamentalistischen Lebensweisen und ihren Symbolen hat auch mit dem demografischen Wandel zu tun, dessen sich die Briten wohl bewusst sind. Wenn "Mohammed" inzwischen "Jack" als beliebtesten Vornamen für Neugeborene abgelöst hat, dann ist es nur vernünftig, sich auf eine Zukunft im Zeichen der Mondsichel einzustellen und die Einführung der Scharia als optionale Alternative zu britischem Recht zu fordern, wie es das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, der Bischof von Canterbury, Rowan Williams, Anfang 2008 vorgeschlagen hat, um "soziale Spannungen zu vermeiden".

Auch die britische Justiz eilt dem Zeitgeist entgegen. Mitte Juni 2008 wurde der Prediger Abu Qatada in London unter Auflagen aus der Abschiebehaft entlassen. Er muss eine elektronische Fußfessel tragen, darf sein Haus in einem vornehmen Londoner Stadtteil nur zwei Stunden pro Tag verlassen und weder ein Handy noch den Computer benutzen, um im Internet zu kommunizieren. Es wurde ihm vom Gericht auch untersagt, Kontakt zu Osama bin Laden aufzunehmen, als dessen "Botschafter" in Europa Abu Qatada gilt.

Der Jordanier kam 1993 mit einem gefälschten Pass der Vereinigten Arabischen Emirate in England an und wurde ein Jahr später als politischer Flüchtling anerkannt. Schnell machte er sich einen Namen als Prediger und Verkünder von Fatwas, die das Töten von Ungläubigen erlaubten. Als er 2001 unter dem Verdacht festgenommen wurde, in die Vorbereitungen für einen Bombenanschlag verwickelt zu sein, wurden bei ihm 170.000 Pfund in bar gefunden. Nach seiner Freilassung mangels an Beweisen tauchte er unter, wurde im Herbst 2002 erneut festgenommen, diesmal unter dem Verdacht, mit den Anschlägen von 9/11 zu tun haben, und Anfang 2005 wieder auf freien Fuß gesetzt.

Merkwürdiger Selbsthass des Westens

Nachdem er in Jordanien wegen Beteiligung an Terroranschlägen in Abwesenheit verurteilt wurde, kam er im August 2005 in Abschiebehaft, aus der ihn knapp drei Jahre später das Urteil eines Londoner Richters erlöste. Abu Qatada, so der Richter, könne keinen "fairen Prozess" in Jordanien erwarten, zudem sei es möglich, dass das jordanische Urteil gegen ihn auf Geständnissen fußte, die unter Folter zustande gekommen waren. Abu Qatada durfte wieder nach Hause, zu seiner Frau und seinen fünf Kindern, während elf weitere in britischer Abschiebehaft einsitzende Extremisten sich nun auf sein Beispiel berufen können.

Damit nicht genug. Abu Qatada, der nie gearbeitet und niemals Steuern gezahlt hat, bekommt aus der Staatskasse eine Invalidenrente von 8.000 Pfund jährlich, weil er ein Rückenproblem hat, das ihm jede Arbeit unmöglich macht. Es ist eine kleine Zuzahlung zu den 45.000 Pfund, die seine Frau als Arbeitslosengeld, Kindergeld und Wohngeld bereits bekommt, damit sich die Familie das Leben in einem 800.000 Pfund teuren Haus im Londoner Westend leisten kann. So viel Toleranz gegenüber mutmaßlichen Terroristen muss sein, alles andere würde den Rechtsstaat aushöhlen.

Zugleich mit dem Fall Abu Qatada, der nicht nach Jordanien ausgeliefert werden darf, weil er dort nach britischen Maßstäben nicht mit einem fairen Verfahren rechnen kann, wurde bekannt, dass eine islamische Gruppe namens "The Messenger of Allah United Us" bei einem Gericht in Amman Klage gegen Geert Wilders erhoben hatte, den niederländischen "Rechtspopulisten" und Produzenten des Film "Fitna". Mit Beschluss vom 10. Juni ließ das Gericht die Klage zu. Weil aber nicht anzunehmen ist, dass Wilders freiwillig der Ladung zu einer Verhandlung in Amman folgen wird, kann das jordanische Gericht ihn jederzeit zur Fahndung ausschreiben und Interpol um Hilfe bitten.

"The Messenger of Allah United Us" ruft auch zum Boykott holländischer Firmen auf. Zwei von ihnen, "Zwanenburg" (Fleischwaren) und "Frieslands Foods" (Käse), haben daraufhin in jordanischen Zeitungen Anzeigen veröffentlicht, in denen sie sich von Wilders und "Fitna" distanzieren. Worauf ein Sprecher von "The Messenger of Allah United us" nachlegte: das wäre nicht genug, es müssten auch Anzeigen in niederländischen Zeitungen geschaltet werden.

Eine schöne Geschichte, werden Sie nun sagen, anschaulich und gruselig zugleich. Wir erleben, wie eine liberale Gesellschaft mit ihren eigenen Waffen geschlagen wird, an ihrer eigenen Toleranz zugrunde geht. Aber warum ist es so? Was treibt die Briten - und in einem etwas geringeren Maße auch die Deutschen, die Franzosen, die Holländer - dazu, die Bude abzubrennen, in der sie es sich so gemütlich eingerichtet haben?

Über eine Antwort auf diese Frage kann in der Tat nur spekuliert werden. Weil aber sowohl die Volkswirtschaft wie die Psychoanalyse ebenfalls spekulative Disziplinen sind, deren Vertreter retrospektiv immer die richtigen Voraussagen treffen, will auch ich mir eine begründete Spekulation erlauben.

Toleranz ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft, ein Angebot an den Sieger von morgen: Ich verschone dich heute, bitte merke es dir gut und verschone mich, sobald du an der Macht bist.

Der Utopie des totalen Friedens wird alles untergeordnet

Das ist nicht neu, die Parole "lieber rot als tot" war Ausdruck derselben Haltung. Die Forderung, der Westen sollte einseitig abrüsten, basierte auf derselben Überlegung. Der Utopie des totalen Friedens wurde alles untergeordnet. Wer sich die Freiheit nahm, die tägliche Unterdrückung zu kritisieren, war nicht nur ein Klassenfeind, er war auch eine Gefahr für den Weltfrieden und musste neutralisiert werden. Deswegen war in den Ländern des real existierenden Sozialismus der "Frieden" das wichtigste aller Ziele, nicht die "Freiheit". Frieden ist relativ einfach herzustellen, am einfachsten durch Unterwerfung. Auch im Dritten Reich und in der SU konnte man friedlich leben. Freiheit dagegen muss erkämpft werden, notfalls auch mit Gewalt. Und heute: Angesichts der Unmöglichkeit, den Iran von seinem Atomkurs abzubringen, wird Israel aufgefordert, nukleare Abstinenz zu üben, um mit gutem Beispiel voranzugehen. Man könnte auch mal darüber nachdenken, ob man die Polizei nicht abschaffen sollte, um die Kriminalität effektiver zu bekämpfen.

Es gibt noch eine zweite Quelle, aus der sich die Toleranz gegenüber dem Totalitären speist. Das Unbehagen – nicht an der Kultur, sondern an der Zivilisation, die uns Fesseln anlegt, uns daran hindert, den Barbaren in uns von der Leine zu lassen. Toleranz widerspricht der menschlichen Natur so, wie es ihr widerspricht, die Beute zu teilen.

Man macht es nur, wenn man sich davon einen Vorteil verspricht. Für die einen ist Toleranz eine Investition, die sich irgendwann lohnen wird, für die anderen ein Mittel zum Zweck: Wenn Marx, Lenin, Stalin, Mao und Ulrike Meinhof es nicht geschafft haben, die Gesellschaft umzukrempeln, dann wird das hoffentlich Osama bin Laden und Mahmoud Ahmadinedschad gelingen. Ahmadinedschads Drohungen werden deswegen nicht als bedrohlich empfunden, weil er die Hoffnungen der Frustrierten und Gescheiterten artikuliert, die sich nach einem modernen Robin Hood sehnen, der stellvertretend ihre Rachephantasien verwirklichen soll. Nicht jeder hat das Zeug zu einem Che Guevera oder wenigstens einem Oskar Lafontaine. Die meisten brauchen jemand, der für sie in die Schlacht zieht und es der Gesellschaft heimzahlt.

"Es scheint hier ein merkwürdiger Selbsthass des Westens auf, der fast nur als etwas Pathologisches begriffen werden kann. Der Westen versucht sich in lobenswerter Weise ganz und gar dem Verständnis fremder Werte zu öffnen, aber er liebt sich selbst nicht mehr."

Schrieb Papst Benedikt XVI., als er noch Joseph Kardinal Ratzinger hieß.

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