S.P.O.N. - Oben und unten Schwimmt, Männer, schwimmt!

Haben twitternde Aktivistinnen wirklich die Macht, Karrieren zu beenden? Haben sie gar den Rechtsruck in Deutschland ausgelöst? Klingt interessant. Stimmt aber nicht.

Eine Kolumne von


Die Welt ist aus den Fugen, zumindest gefühlt. Und schuld sind die twitternden "Antidiskriminierungsaktivisten". Diese politisch korrekten, überempfindlichen und zugleich knallharten Terroristinnen und Terroristen hätten erstens quasi Rainer Brüderle getötet und zweitens quasi die AfD geboren, so stand das hier am Dienstag zu lesen, so hat sich das Jan Fleischhauer überlegt.

Was für ein Bild. Die Netzfeministin mit iPhone in der Hand als Schicksalsgöttin: Betrunken vom Blut ihrer Feinde gibt und nimmt sie Leben, ganz wie es ihr beliebt, mit Hashtags. Ein falscher Spruch und zack, den Freund aller Weinköniginnen versenkt. Der Widerstand dagegen marschiert jetzt auf, in Form von Frauke Petry und Lutz Bachmann, gewissermaßen als natürliches Korrektiv.

Interessante Vorstellung. Aber angenommen, besagte Aktivistinnen und Aktivisten hätten so eine Macht, hätten sie dann nicht im Fall von Jan Fleischhauer längst "den Alarmknopf" gedrückt und jemanden wie ihn lässig weggesnackt?

Das sind keine Aufstände

Es mag tatsächlich in gewissen Kreisen die Vorstellung geben, dass wir alle jetzt plötzlich von twitternden LGBTIQ-Aktivist*innen beherrscht werden, aber: Es stimmt halt nicht. Das sind vermutlich dieselben Leute, die denken, ihre Kinder würden an der Schule "schwul gemacht", und auch davon kennt man keine belegten Fälle. Man bestärkt diese Leute in ihrem Denken, wenn man so tut, als würde es tagtäglich Volksaufstände wegen mangelnder politischer Korrektheit geben. Es sind keine Aufstände. Es sind meistens schlicht Meinungen von Leuten, und an den allermeisten Tagen im Jahr wird dadurch von niemandem die Karriere zerstört.

Die Welt wird im Großen und Ganzen immer noch von mittelalten weißen Männern regiert, egal wie man es dreht und wendet. Aber: ""The Times They Are a-Changin", und zwar die ganze Zeit. "You better start swimming or you'll sink like a stone." Ich liebe Bob Dylan. Das mag jetzt verwundern, weil Dylan ja ein alter, weißer Mann ist, und solchen wie mir gerne nachgesagt wird, dass wir solche wie die furchtbar finden. Ist aber gar nicht so. Nur, wenn sie sich schlecht benehmen. Jedenfalls, "The Times They Are a-Changin'" handelt von Veränderung oder, wie Dylan mal gesagt hat, vom Unterschied zwischen Lebendigsein und Totsein. Wer nicht untergehen will, muss sich bewegen. Also schwimmt, weiße, mittelalte Männer, schwimmt! Was hindert euch? Ihr habt es hingekriegt, am Smartphone die Tipptöne abzuschalten, da schafft ihr es auch noch, damit zurechtzukommen, dass andere Leute jetzt auch ihre Meinungen äußern.

Aber Meinungen äußern ist nicht dasselbe wie Menschen abschießen, kann man jetzt sagen. Stimmt. Aber es gibt ja auch gar nicht ständig solche Brüderle-Geschichten. Es gibt auch Männer, die auch nach Missbrauchsvorwürfen - eine völlig andere Liga als Brüderle - ihre Karriere unbehelligt fortsetzen, siehe Woody Allen.

Die Fünf-Sekunden-Regel für Menschen

Die These, Antidiskriminierungsaktivismus sei gleichermaßen schuld an der "Vernichtung" Brüderles ("der arme Mann") wie am Aufstieg der AfD und überhaupt dem gesamten Rechtsruck, geht bei Fleischhauer einher mit der Idee, es gäbe bei diesen Aktivistinnen und Aktivisten erstens eine geradezu manische Lust an der Skandalisierung von Minimalverfehlungen und zweitens ein starkes Bedürfnis nach "Selbstabkapselung gegen fremdes Gedankengut".

Aber: Beides sind überhaupt keine, wie man an der Uni sagen würde, intrinsischen Eigenschaften von Antidiskriminierungsaktivismus. Oder, wie man außerhalb der Uni sagen würde: Gibt solche und solche. Und die lautesten hört man am einfachsten. Gerade als alter Mann.

Es gibt, was die Abkapselung betrifft, nicht nur Feministinnen, die keinen Bock auf Bundesrichter Thomas Fischer haben, sondern es gibt genauso Leute, die ganze Texte nicht mehr lesen, weil darin Binnen-Is oder Unterstriche vorkommen. Wer ist jetzt sturer?

Und auch dass Leute durch einzelne Fehler und Skandale ihre Jobs oder ihre Macht verlieren, liegt nicht am Feminismus oder Antirassismus oder irgendeiner politischen Haltung als solchen. Es liegt erstens daran, dass sehr viele Leute Häme für einen Wert an sich halten, und zwar Leute in allen politischen Lagern. Menschen sind leider anatomisch so gebaut, dass sie leichter nach unten treten können als nach oben. Und was sich einmal festgetreten hat, da latscht man gerne nochmal drüber. Zweitens sind Menschen leider auch noch oft so, dass sie anderen nicht so gern Veränderungen zugestehen. Bei Essen hat sich irgendwer mal die Fünf-Sekunden-Regel ausgedacht: Wenn was runterfällt und kürzer als fünf Sekunden auf dem Boden lag, kann man es noch bedenkenlos essen. (Stimmt leider nicht ganz.) Mit Menschen machen viele es genauso: Wer eine Weile unten lag, der wird nicht mehr angefasst.

Leute müssen sich entwickeln dürfen

Erinnern sich noch alle an Monica Lewinsky? Sie traute sich in den fast 20 Jahren seit der nach ihr benannten Affäre kaum an die Öffentlichkeit. "Die Schande klebt an dir wie Teer", sagt sie heute. Und das bestimmt nicht wegen zu viel politischer Korrektheit. Sondern weil es überall Menschen gibt, die anderen keine zweite Chance geben wollen.

Und das ist falsch. Egal, von welcher Seite es kommt. Ich halte das Konzept der "Persona non grata" für größtenteils abschaffbar, außer es geht zum Beispiel darum, ob ein Nazi mit Pitbull in ein von und für Lesben betriebenes Katzencafé darf.

Von mir aus kann Brüderle wiederkommen und wahlweise Weinköniginnen groß rausbringen oder an der FDP rumschrauben, mir egal, Hauptsache nicht andersrum. Es ist gut, wenn man Leuten eine Entwicklung zugesteht. Weil sie daran wachsen. Und man selbst erlaubt sich das dann vielleicht auch. "Everything and everyone must grow in opposition / To resistance and contradiction", singt Tina Dico in "No time to sleep". Ich kenne kein wahreres Lied.



insgesamt 266 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 12.05.2016
1. Toll...
Brüderle als Weinkönigin, wen würde das nicht freuen, auch wenn Stokowski das nicht meinte. Dafür dann Fleischhauer als Vize-Weinkönigin und die Freude wäre fast vollkommen...
muffpotter 12.05.2016
2.
Ich liebe die Kolumnen von Margarete Stokowski so wie seinerzeit die Pressekonferenzen von Muhammad as-Sahhaf! Weiter so!!!
Olaf 12.05.2016
3.
Wenn man in der Politik mitmischen und politische Entscheidungen beeinflussen will, dann wird man auch als Politikerin wahrgenommen. Damit steht man aber auch im Kreuzfeuer der Kritik, so ist das eben in der Politik
KV491 12.05.2016
4.
Geht doch. Wenn wir dann alle mal die Phase des kindischen "Du hast zuerst gehauen" hinter uns haben, dann fangen wir irgendwann mal an, richtig zu argumentieren. So mit Widersprüchen, Ebenen, Paradoxien und so. Denn mehr als dieser ganz nette Meta-TwitterSocialDingsbums-Text würde mich interessieren, was Frau Stokowski vom "doofen" Bundesrichter Fischer....nein, stimmt nicht: Was sie von seinen Argumenten hält.
gnarze 12.05.2016
5. Das Problem nicht erkannt
Mal abgesehen vom offensichtlichen Zickenkrieg bei Spon, denke ich doch, dass Twitter und Co. mittlerweile durch irgendwelche dahingerotzten Anti-Kampagnen das Teeren und Federn ersetzt hat, egal ob Feministin, Antifa oder Nazis sich dessen bedienen. Und Brüderle geht's vermutlich ähnlich wie Lewinski. Insofern bin ich näher bei Fleischi als bei Stoki.
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