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24. September 2002, 18:03 Uhr

Kulturstaatsminister Nida-Rümelin

Philosoph in Entscheidungsnot

Von Holger Kulick

Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin plagt sein Gewissen. Will er weiterhin im Kanzleramt residieren oder als Philosophieprofessor zurück an die Universität Göttingen? Dort möchte man ihn nicht länger freistellen. Aufgeben will er am liebsten keinen der beiden Posten.

Will weiterhin Schröders Denker bleiben: Julian Nida-Rümelin
DPA

Will weiterhin Schröders Denker bleiben: Julian Nida-Rümelin

Berlin - Zwei buhlen um einen Denker. Dem Vernehmen nach hat Bundeskanzler Schröder seinen Hausphilosophen Julian Nida-Rümelin bereits für eine weitere Amtszeit angefragt. Aber auch die Universität Göttingen legt Wert auf den Staatsminister für Kultur und Medien. Schließlich ist er dort im Wort, seine derzeit ruhende Professur für Philosophie wieder aufzunehmen.

Für die Universität wäre es "ein sehr großes Opfer", den Wissenschaftler für weitere vier Jahre vertreten lassen zu müssen, teilte am Dienstag eine Sprecherin der Universität mit. Vertretungen über einen derart langen Zeitraum seien für die Forschung, aber auch für die Lehre sehr problematisch, deshalb "würde es uns sehr freuen, wenn er seinen Lehrstuhl für Philosophie wieder einnähme", sagte die Sprecherin.

Nida-Rümelin bekräftigte heute am Rande der SPD-Fraktionssitzung gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass er gerne weiter im Kanzleramt tätig wäre, auch weil er dort "sehr gerne mehrere in Gang gesetzte Projekte zu Ende führen möchte". Andererseits würde er auch auf den Lehrstuhl "ungerne verzichten". Die Not der Universität könne er "gut verstehen".

Kompromiss: Eine Halbzeit?

Sein Dilemma hatte der Staatsminister bereits am Dienstag im Berliner "Tagesspiegel" ausführlich begründet. "Mein Engagement für die Res Publica, um es altmodisch zu formulieren, möchte ich gerne fortsetzen. Aber ich bin von Haus aus Wissenschaftler und nicht Berufspolitiker. Es war für mich von Anfang an conditio sine qua non, dass ich nach meiner politischen Tätigkeit in meinen Beruf als Philosophie-Professor zurückkehren kann. Wenn die Universität Göttingen es mir ermöglicht, möchte ich das Amt des Kulturstaatsministers weiter ausüben. Das werde ich mit dem Rektor der Universität in den nächsten Tagen klären."

Diese Gespräche könnten auf einen Kompromiss hinauslaufen. Denkbar wäre, dass Nida-Rümelin zumindest eine Halbzeit der Legislaturperiode als Staatsminister weiter amtiert, um dann an die Universität zurückzukehren. Das würde Bundeskanzler Schröder allerdings in das Dilemma versetzen, seinen Kulturstaatsminister erneut während einer Legislaturperiode austauschen zu müssen. Schon mit Nida-Rümelins Vorgänger Michael Naumann musste er so verfahren, als dieser überraschend in die Chefredaktion der "Zeit" gewechselt war.

Ein auf diese Weise vorangekündigter Personalwechsel wäre jedoch öffentlich durchaus nachvollziehbar. Auf Nachfrage bezeichnete Nida-Rümelin diesen Weg als eine "denkbare" Lösung.

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