Kunst Die Spleens der Schattenfrau

Die Französin Sophie Calle verletzt programmatisch die Privatsphäre. Mal verfolgt sie ahnungslose Fremde, mal setzt sie auf obsessive Selbstdarstellung.


Der Brief eines Fremden, der im vergangenen Juli bei der Künstlerin Sophie Calle in Paris eintraf, klang Mitleid erregend: Ein Mann aus San Francisco jammerte, weil seine Frau ihn verlassen hatte. Nun fühle er sich depressiv, eigentlich sogar sterbenskrank. Deshalb wolle er, teilte er der Künstlerin mit, nach Frankreich kommen und sich für einige Zeit in ihrem Bett niederlassen. Sonderbar an dieser Geschichte ist weniger der Wunsch des Briefschreibers als die Tatsache, dass sich Calle, 46, gegen die Schlafzimmer-Invasion entschied. Schließlich hatte die Künstlerin schon 1979 Freunde und Fremde eingeladen, in ihrem Bett zu nächtigen ­ es handelte sich um ein äußerst keusches Lay-in, bei dem die Gastgeberin still auf einem Stuhl saß und fotografierte; aus "Spaß am Beobachten", wie sie sagt. Diesmal schickte sie dem unbekannten Bittsteller immerhin ihr Bett nach Kalifornien. Vor zwei Wochen erhielt sie es zurück. Er habe sich wohl darin gefühlt, dankte der Lang-Schläfer, und er blicke wieder zuversichtlich in die Zukunft. Auf ihre erste, längst legendäre Bett-Aktion von 1979 kam die Dame aus Langeweile. Calle, damals 26 Jahre alt und berufslos, war gerade nach Frankreich zurückgekehrt. Zuvor war sie sieben Jahre lang durch die Weltgeschichte gereist, hatte unter anderem als Barfrau und Hundedompteurin im Zirkus gejobbt. Zurück in Paris, erinnert sie sich, "habe ich mich einsam gefühlt". Aus Frust legte sie sich auch das spleenige Hobby zu, wildfremde Passanten zu beschatten. Einen nichts ahnenden Mann verfolgte sie ­ ausgerüstet mit einem Fotoapparat und auffällig getarnt mit Trenchcoat, Sonnenbrille und Perücke ­ sogar bis nach Venedig. Spontan ließ sie sich dort als Zimmermädchen in einem Hotel anstellen: eine Gelegenheit, die sie auch nutzte, um in der Post der Gäste zu schnüffeln, ihr Gepäck zu durchwühlen und den Inhalt von der Socke bis zum Hemd zu fotografieren ­ auch das, wie sie beteuert, "nur als Beschäftigungstherapie". Dennoch wurde sie von der Kunstszene entdeckt, was zwar nicht ihre Absicht, aber auch kein Wunder war: Hinter jeder ihrer Arbeiten, ob es sich um verschwommene Fotos oder Tagebuchaufzeichnungen handelt, steckt ein kleiner Krimi. Heute ist die Privat-Detektivin Calle als Künstlerin weltberühmt; die Fachpresse hofiert sie gar als "Legende". Umso erstaunlicher ist, dass ihre erste größere Einzelschau in Deutschland so spät kommt: Am Wochenende wurde sie in Kassel eröffnet*. Ihr Künstlerstatus sei nützlich, schwärmt sie, "um meine exzessive Neugier auszuleben". Als Kind habe sie so penetrant gefragt, dass die Erwachsenen bald nicht mehr antworteten. Insofern sei es eine späte Genugtuung, wenn sie heute von Fremden die unmöglichsten Dinge verlange, "und die Leute machen sogar mit". Allerdings nicht immer freiwillig. 1983 stritt sich ganz Frankreich, wie weit eine Künstlerin wie Calle ins Privatleben anderer Menschen eindringen dürfe. Anlass der Debatte: Calle, die jede Intimsphäre sozusagen programmatisch ignoriert, hatte ein Adressbuch gefunden und die darin aufgezählten Personen unbekümmert abtelefoniert. Sie fragte Freunde und Kollegen des Adressbuchbesitzers nach dessen Charakter, dessen Lieblingsrestaurants und -filmen ­ und veröffentlichte die Ergebnisse regelmäßig in der renommierten Tageszeitung "Libération". Viele Leser hielten die Enthüllungsaktion fälschlicherweise für eine abwegig-geniale Erfindung; gerade deshalb wurde sie zu einer der beliebtesten Kolumnen. Bis der Besitzer des Adressbuchs, der zunächst im Ausland weilte, zurückkam ­ und sauer reagierte. Erst schickte er Calle einen Anwalt ins Haus, dann nahm er, der Rache halber, Kontakt zu ihren Freunden auf. Er trieb sogar ein Nacktfoto von ihr auf, das er samt seiner wutschnaubenden Antwort auf ihren Verfolgerwahn ebenfalls in der "Libération" abdrucken ließ. Sie sei enttäuscht gewesen, so berichtet die Künstlerin, "über den Hass dieses Mannes". Das Aktfoto, auf dem nicht einmal ihr Gesicht zu erkennen war, wurmte sie weniger. Auch sonst hat sie keine Hemmungen, sich selbst den Blicken anderer Voyeuristen auszuliefern. Sie genieße es sogar, sagt Calle, wenn sich mal jemand brennend für sie interessiert. Eben diesen Exhibitionismus inszeniert sie gern aufwendig: Sie tanzte in einer Striptease-Bar, und sie ließ einen Privatdetektiv engagieren, der sie einen Tag lang beobachten musste. 13 Jahre hob sie ihre Geburtstagsgeschenke auf ­ "als Beweis dafür, dass es Menschen gibt, die mich lieben". 1997 verarbeitete sie das Ego-Projekt zur Kunstinstallation: "Geburtstagszeremonie" heißen die Vitrinen, in denen sie für jedermann sichtbar ihre Präsente und ihre Gefühlslagen aufbewahrt. Ihr Haus im Pariser Vorort Malakoff hat sie mit unzähligen Marienbildern und -statuetten dekoriert. "Kitsch", gibt sie zu. Doch die Heiligenbildchen würden sie an katholische Prozessionen erinnern, und die faszinierten sie mindestens so sehr wie Stierkämpfe. Sie habe, sagt sie, nun einmal ein Faible für Rituale aller Art. Am liebsten schafft sie sich aber ihre eigenen: Als der US-Schriftsteller Paul Auster ihre irre Biografie 1992 in seinen Roman "Leviathan" einbaute und ihr darin noch einige fiktive Verrücktheiten andichtete, lebte sie diese konsequent nach: Für das Projekt "B,C,W" widmete sie ganze Tage einem Buchstaben: Am Tag B beispielsweise kostümierte sie sich als Brigitte Bardot. Zwar lehnte Auster Calles Bitte ab, ihr einen weiteren Lebensplan zu entwerfen. Aber er schickte ihr "Persönliche Instruktionen für Sophie Calle wie das Leben in New York City zu verbessern ist": An einer hübsch geschmückten Telefonzelle verteilte sie sieben Tage lang, wie von Auster vorgedacht, Sandwiches und plauderte mit den Passanten. Sie fand noch andere Wege, ihr kurioses Kunst-Dasein zu zelebrieren: So brachte sie den intim-privaten Film "Double-Blind / No Sex Last Night" heraus, den sie mit ihrem Freund, dem Regisseur Gregory Shephard, während einer Reise durch die USA gedreht hatte ­ bis hin zu ihrer Hochzeit in Las Vegas. Wie viele ihrer Werke war der Film ursprünglich nicht als Kunstprodukt geplant. Sie habe, sagt sie, unbedingt Shephard an sich binden wollen und "gewusst, solange eine Kamera im Spiel ist, bleibt er bei mir" ­ bald nachdem das Happy-End abgedreht war, wurde die Ehe geschieden. Calle spürt gebannt Stimmungen nach, eigenen wie fremden. Und das so präzise wie ungeniert. Als sie es wagte, Blinde zu fragen, was das Schönste sei, das sie je im Leben gesehen hätten, löste sie mit dieser vermeintlichen Taktlosigkeit einen kleinen Skandal aus. Antworten bekam sie trotzdem. Einer beschrieb das Meer, ein anderer seinen Sohn. Ihre kluge Strategie lautet im Übrigen: Je emotionsgeladener die Inhalte, desto kühler fallen ihre Werke aus. Mitte der neunziger Jahre fotografierte sie Plätze in Ost-Berlin, an denen früher sozialistische Denkmäler standen, und befragte Anwohner, wie ihnen die Kolosse im Gedächtnis geblieben sind. Fotos und Statements verknüpfte sie zu einem kleinen Buch. So kreisen ihre Werke mal um konkrete, mal um diffuse Wahrnehmungen und Erinnerungen. Auf diese Weise rekonstruiert sie Identitäten ­ oder zumindest Schatten davon. Den Rest, und das lädt ihre Objekte, ihre Fotos und Texte mit Hochspannung auf, muss ihr Publikum schon selbst hinzuphantasieren. Sie ist allerdings nicht die erste und einzige Künstlerin, die sich mit der Unfassbarkeit des Seins beschäftigt. Die Kunst-Ikone Annette Messager, seit Jahren Calles Nachbarin in Malakoff, modelte ihre eigene Biografie einst mit fremden Fotos und Dokumenten um. Dagegen erfand die Amerikanerin Lynn Hershman 1972 die Kunstfigur Roberta Breitmore, der sie ein Konto einrichtete und der man schließlich höhere Kredite als ihr selbst bewilligte. Die deutsche Künstlerin Regina Möller schlüpfte in weibliche Klischee-Rollen, gab eine Frauenzeitschrift heraus oder malochte als Putzfrau. Und im Ausstellungsbetrieb schwappt das Mode-Thema Identität ohnehin immer wieder hoch: In Düsseldorf läuft gerade ­ auch mit Werken Calles ­ die Schau "Ich ist etwas Anderes", in München "Ich und die anderen". Calle, die ihr Big-Sister-Spiel seit über 20 Jahren lebt, ist vor allem an realen Charakteren interessiert ­ gern mischt sie sich auch in fremde Lebensläufe ein. Ihre Launen aber sind längst wohl durchdacht, ihre Schlüssellochneugier ist so obsessiv wie erkenntnisfördernd. Auf keinen Fall will sie, einst eine militante Feministin, Gesellschaftskritik üben. Sie sei vielmehr von der Unmöglichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen irritiert ­ und diese Verwirrung gibt sie mit ihren Arbeiten geschickt weiter. Ihr Vorgehen erscheint vermeintlich naiv, auf jeden Fall ist es unverfroren. Was sie von ihren Kolleginnen unterscheidet: Die meisten Dreistigkeiten, darauf besteht sie, würde sie auch begehen, wenn sie keine Künstlerin wäre. So sorgt die Profi-Exzentrikerin vor allem dafür, dass ihr eigener Alltag in Bewegung bleibt. Der Reiz steckt für sie dabei nicht im utopisch-exotischen Abenteuer, sondern im skurrilen Detail. Im September will sie ihren Lebensgefährten heiraten, der dann für drei Jahre nach China zieht. Das Jawort wird sie ihm, so malt sie es sich jedenfalls aus, in der Stunde seines Abflugs, möglichst auf dem Rollfeld geben. Sollten die Behörden nicht zustimmen, müsse er eben ohne Ehegelübde in die Ferne ziehen. Falls doch, dann dürfte daraus ein typisches Calle-Kunstwerk werden. ULRIKE KNÖFEL * Museum Fridericianum, bis 21. Mai. Katalog 80 Seiten; 28 Mark.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.