Kunst-Event in Hamburg Wenn aus Wundern wieder Staunen wird

Was haben Relikte von Hitlers V2, ein WM-Pokal und Caravaggio miteinander zu tun? Die Hamburger Deichtorhallen präsentieren in der Ausstellung "Wunder" Erstaunliches aus Religion, Wissenschaft und Populärkultur - durchwirkt mit Werken von rund 50 zeitgenössischen Künstlern.


Katja Ebstein hatte schon recht: Wunder gibt es immer wieder. Im Museum aber gab es sie bislang nicht. Zumindest nicht so.

Die Hamburger Deichtorhallen bieten jetzt alles auf, was irgendwie nach Wunder klingt. Den Fußball-WM-Pokal des "Wunders von Bern" aus dem Jahr 1954 ebenso wie das Patent für die Wunderkerze von 1907. Aus der Ostsee gefischte Relikte von Hitlers "Wunderwaffe" V2 ebenso wie eine Werkstattkopie von Caravaggios "Ungläubigem Thomas". Kurz: Wunderliches aus Religion, Wissenschaft und Populärkultur - ergänzt von etwa 50 zeitgenössischen Kunstwerken.

Kein Wunder, dass unter dem Eindruck dieser Wunderlichkeiten auch der Ort wundersam verwandelt ist. Die Stahlglaskonstruktion der Deichtorhalle erscheint kathedralenartiger denn je. Vom Eingang her sieht man durch die sonst mit Stellwänden zerteilte Halle wie durch ein Kirchenschiff. In der Mitte zieht sich ein Gestühl aus kantigen Sitzelementen entlang. Und an den Rändern öffnen sich die einzelnen Themenbereiche wie Seitenkapellen.

Ein Raum der Besinnung entsteht so nicht. Schnell wird man eingesponnen in die unterschiedlichsten Bezüge. Der erste Bereich widmet sich dem technisch-naturwissenschaftlichen Wunder, das als sprunghafte Erfindung des Neuen ausgelegt wird. Hier wird man etwa mit dem "Mauvein" konfrontiert, dem zufällig gefundenen, ersten künstlichen Farbstoff. Oder mit dem Material Graphen, das zwei inzwischen mit dem Nobelpreis geehrte Physiker wie durch ein Wunder mit etwas Graphit und Klebestreifen erzeugten.

Geisterwesen bei Séancen

Gleich nebenan erinnern Exponate an die Absonderlichkeiten, die sich ergeben, wenn Wunder nicht mehr nur geglaubt, sondern bewiesen werden sollen: Handabdrücke in Gipseimern sollten die Präsenz von Geisterwesen bei Séancen belegen. Und in einem Film, den der Vatikan als Beweisstück aufbewahrt, sollen rinnende Tränen auf einem Madonnenbildnis Übernatürliches bezeugen.

Ein weiterer Bereich referiert auf die Wunderkammern, die seit der Spätrenaissance als ein Ort der Aneignung des wundersam Fremden dienten und Naturalien und Kunstwerke Seite an Seite präsentierten. Hier wird etwa Fiona Tans Videoinstallation "Disorient" gezeigt. Sie konfrontiert die scheinbar domestizierten Objekte einer Wunderkammer mit der noch immer kaum verstandenen Fremdheit ihrer ursprünglichen Fundorte.

Überhaupt zeigt die Schau eine Vielzahl packender künstlerischer Arbeiten. Zu ihnen gehört etwa das vielgezeigte "When Faith Moves Mountains" von Francis Alÿs, für das der Künstler mit 500 schaufelnden Freiwilligen eine Sanddüne im Norden Limas um einige Zentimeter verschieben ließ. Oder Sven Johnes Video "Tears of the Eyewitness": Es bindet das wundersame Ereignis des Mauerfalls in ein hochkomplexes Spiel um Authentizität und mediale Inszeniertheit ein.

Die leidige Frage nach dem "Warum"

Arbeiten wie diese schaffen aus sich heraus so starke Assoziationsräume, dass das gern gegen interdisziplinäre Ausstellungen vorgetragene Argument, sie würden Kunstwerke als Exempel kunstfremder Thesen missbrauchen, nicht zieht. Und doch hat es schon gelungenere derartige Themenausstellungen gegeben: etwa 2001 die Schau "CTRL (SPACE). Rhetorik der Überwachung" im ZKM Karlsruhe oder 2007 die "Schmerz"-Schau in Berlin. Letztere wurde, genau wie die Wunder-Schau, von der Berliner Kuratorengruppe Prauth konzipiert. Beide Unternehmungen hatten aber den Vorteil, dass sie sich klarer umrissenen Gegenständen widmeten. Die Wunder-Kompilation dagegen treibt ihr äußerst flockiges Thema - präzisiert nur als das, "was in unserer Welt aus dem Rahmen fällt" - eher vor sich her, als es zu fassen.

Ursprünglich war die Schau, bei der die Siemens Stiftung als Mitveranstalter auftritt, mal als wissenschafts- und kulturgeschichtlich orientierte Schau geplant, als ihr Ort das Deutsche Museum in München angedacht. Die Deichtorhallen und mit ihnen der Einbezug der zeitgenössischen Kunst kamen erst später dazu - vielleicht erklärt sich so, dass sich einige der künstlerischen Arbeiten nur recht angestrengt auf das Wunder-Thema beziehen lassen.

Am pointiertesten ist die Ausstellung noch da, wo sie nicht diffus - und wundersam passend zur Bundestagsrede des Papstes gegen "die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft" - für eine Neuverzauberung der Welt plädiert, sondern auf die Funktion von zum Wunder erklärten Phänomenen verweist: Sie dienen, ob es sich um die V2, den Gewinn des WM-Titels oder um eine Wunderheilung handelt, fast immer dazu, eine Gemeinschaft auf eine gemeinsame Idee einzuschwören.

Trotz ihrer Komplexität wirbt die Ausstellung am meisten um die kleinen Besucher. Am Eröffnungsabend wurden 1000 Hamburger Kinder in eine Performance eingebunden. Und in der Schau gibt es eigene Kinderräume, in die sich die Großen allenfalls gebückt hineinzwängen könnten.

Vermutlich kommt man auch als Erwachsener durch den wundertütenhaften Exponatenmix am besten hindurch, wenn man sich auf die kindliche Haltung besinnt, bei der das Wundern noch ein Staunen ist und noch nicht ständig kippt in die leidige Frage nach dem "Warum".


Wunder, Deichtorhallen Hamburg, 23. September bis 5. Februar 2012

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