Kunst Frank Thiel

Erst der Knast, dann die Karriere: Der Berliner Fotograf macht mit riesigen Aufnahmen von Soldaten und Baustellen Furore.


Sein Leben, sagt er, war ein einziger Glücksfall. Damals zum Beispiel, er saß in der Haftanstalt Cottbus, und zwar schon seit 13 trüben Monaten ­ weil die Stasi den rebellischen Punksänger auf ihre Schwarze Liste gesetzt hatte. Aber dann wurde er von Bonn freigekauft. "Da wusste ich", sagt Frank Thiel, "ich bin ein Glückspilz." Und tatsächlich. Die Glückssträhne hielt an. Frank Thiel, 34, machte im Westen Berlins sein Abitur und bewarb sich beim Lette-Verein, der Berufsfachschule für Fotografie; das geringfügige Manko, dass er gar keine Fotos für die Bewerbung hatte, glich er aus, indem er sich Bilder von Freunden borgte. Thiel wurde angenommen. Nur ein kleines Problem gab es: "Ich wusste nicht mal, wie man einen Film entwickelt." Er lernte es. Und als 1989 die Mauer fiel, brannte Thiel darauf, Bilder zu machen. Er fotografierte die strammstehenden Soldaten an der Neuen Wache, er machte Bilder von Denkmälern, "denn ich dachte, die kommen als Erstes weg, sobald ein System wechselt". Ein paar seiner Fotos packte er ein, um sie für den Kodak-Fotopreis einzureichen. "Eigentlich wollte ich nur mal was dazu hören", sagt er, "und dann hatte ich schon wieder Glück." Eine Berliner Galeristin sah seine Bilder. Und kaufte sie. Alle. Wenig später verkaufte sie die Fotos auf der Kunstmesse in Basel. Alle. Und plötzlich war er ein Künstler, plötzlich hagelte es Erfolge: Er gewann den Kodak-Fotopreis, bekam auf der renommierten Kölner Kunstmesse eine Förderkoje. Heute stellt Thiel beinahe in der ganzen Welt aus, und Museen und Privatsammler kaufen seine Bilder. Hierfür hat Thiel hart gearbeitet. Er brütete über Konzepte, las und lernte, suchte nach seinem eigenen Stil. Er fotografierte eine Serie mit mehr als 100 Gefängnistoren. Eine andere mit Überwachungskameras ­ und Baustellen. Thiel schleppte seine Plattenkamera über Sandhaufen und Absperrungen, wartete stundenlang, bis die gelben und roten Kräne im richtigen Winkel zueinander standen und das Lastenseil still hing. Tagelang mühte sich Thiel manchmal um ein einziges Foto. Und erkannte: "Glück allein reicht auf die Dauer nicht, man braucht vor allem Geduld." Noch mehr Geduld kostete ihn sein Soldatenfoto-Projekt. Am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie stehen die riesenhaften Porträts von zwei jungen Soldaten: Der Amerikaner schaut in den früheren Osten, der sowjetische Soldat blickt Richtung Westen. 200 Soldaten fotografierte Thiel, vier Jahre bettelte und drängelte er sich durch die militärische Bürokratie. Kurz vor dem Abzug der Besatzungsmächte klappte es endlich. "Ich habe", sagt Thiel, "wieder mal riesiges Glück gehabt." Ingeborg Wiensowski


AFTER THE WALL ­ KUNST UND KULTUR IM POSTKOMMUNISTISCHEN EUROPA: 140 Künstler aus 22 Ländern ­ von Albanien bis zur Ukraine ­ beschäftigen sich mit Perestroika und Mauerfall, Demokratie und Chaos. Sieben Künstler aus der ehemaligen DDR, Carsten und Olaf Nicolai, Via Lewandowsky, Ulf Puder, Neo Rauch, Tilo Schulz und Frank Thiel, zeigen die deutsche Sicht auf die veränderte Welt. Hamburger Bahnhof und Max Liebermann Haus. Bis 4.2.2001, Tel. 030/39 78 34 11.



© kulturSPIEGEL 11/2000
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