Weihnachts-Geschenkbücher Eine Klebebandlinie auf einer Höhe von 130 Zentimetern

Eine "Kulturgeschichte des Gaumens", die Geschichte der Biennale-Pavillons in Venedig, ein Bildband über Künstlerwohnungen - drei Weihnachtsempfehlungen für Architektur- und Kunstfans.

Christa Näher/ Charlotte Birnbaum/ Verlag der Buchhandlung Walther König

Für alle Menschen, die eine Woche vor Weihnachten hilflos im Buchladen nach guter Lektüre und schönen Bücher für den fotografierenden Freund, die museumsbesuchende Mutter oder den architekturbegeisterten Nachbarn suchen, sind die drei folgenden Buchtipps gedacht, die überraschend, interessant oder ein bisschen abseitig sind und aus kleinen Verlagen kommen.

Colettes Milchsuppenrezept und das Menü für ein Hundedinner

"Paulas Juwelen" heißt das erste Buch, das hier empfohlen sei. Es handelt sich um "Kulinarische Streifzüge durch das Jahr". Die in Stockholm geborene Kunsthistorikerin Charlotte Birnbaum hat es geschrieben, und die wunderbare Frankfurter Künstlerin Christa Näher hat es mit kleinen Zeichnungen und ganzseitigen farbigen Aquarellen illustriert.

Das Buch ist eine Art immerwährender Jahreskalender, jeder Tag hat einen kleinen überraschenden Text, der stets mit "Gastronomie und der Kulturgeschichte des Gaumens", so die Autorin, zu tun hat. So erfand Birnbaums Schwägerin in Nizza an einem heißen 16. August ihr Sommergericht "Paulas Juwelen", dessen Rezept hier nachzulesen ist. Vier Tage später liest man ein Zitat von Georges Braque: "Legt man eine Zitrone neben eine Orange, hören sie auf, Zitrone und Orange zu sein. Sie werden Früchte."

Der Leser lernt, dass Tagliatelle am 10.6.1487 anlässlich der Hochzeit von Lucrezia Borgia erfunden wurden, "um an die schönen langen blonden Haare der Braut zu erinnern". Am nächsten Tag gibt es gleich ein Rezept dazu von einer "Blondine" namens Astrid.

Das Stichwort "Kater" erscheint am 1. Januar, und wie man ihn früher bekämpfte: "Sechs rohe Euleneier schnell hintereinander zu verschlingen". Das ist heute mit dem Naturschutz nicht vereinbar, also muss das Prairie-Oyster-Rezept helfen. Das Menü des ersten Hundedinners (1929) im Hotel Vanderbilt ist nachzulesen, genau wie Colettes Milchsuppenrezept oder das zu Henri de Toulouse-Lautrecs in Speck gebratenem Eichhörnchen. In diesem Fall macht das Lesen mehr Spaß als das Kochen, besonders weil Birnbaum Kochbücher und Rezepte als "großartige Literatur" begreift.

Ein Architekturspaziergang durch die venezianischen Giardini

Nächstes Jahr findet in Venedig vom 7. Juni bis zum 23. November die 14. Architektur-Biennale statt, die dieses Mal von Rem Koolhaas kuratiert wird. Was im Deutschen Pavillon gezeigt werden wird, wissen bisher nur die beiden Schweizer Architekten Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis, die dafür zuständig sind. Interessant ist aber immer wieder die Architektur der 28 nationalen Pavillons in den Giardini, über die es allerdings bisher keine zusammenfassende Literatur gab.

Jetzt aber haben Diener & Diener Architekten das Buch "Common Pavilions. The National Pavilions in the Giardini of the Venice Biennale in Essays and Photographs" mit wunderbaren Aufnahmen des Fotografen Gabriele Basilico herausgegeben. Und so kann man sich schon mal zu Hause auf einen Rundgang durch die Giardini machen, zum Beispiel zum Venezuela-Pavillon, einem architektonischen Höhepunkt auf dem Biennale-Gelände, den der grandiose Architekt Carlo Scarpa 1954/56 gebaut hat.

Andere Highlights sind der österreichische Pavillon vom Wiener Architekten Josef Hoffmann, der gemeinsam bespielte, offene Bau der nordischen Länder Norwegen, Finnland und Schweden vom norwegischen Architekten Sverre Fehn, oder der Schweizer Pavillon, 1951 von Bruno Giacometti errichtet. Und natürlich darf über den deutschen Pavillon diskutiert werden, der 1909 nach Entwürfen des Venezianers Daniele Donghi gebaut und 1938 von den Nationalsozialisten verändert wurde.

Mehr als Wohnen: Künstler und ihr Zuhause

Dass es in dem wunderbaren Buch "The Artist's House" der britischen Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin Kirsty Bell um mehr als Wohnen oder Architektur geht, verrät schon der Untertitel "From Workplace to Artwork". Die Wahlberlinerin Bell hat zeitgenössische Künstler wie Jorge Pardo, Pawel Althamer und Katharina Grosse besucht und spricht mit ihnen und anderen Künstlern über die Bedeutung ihrer Häuser, stellt Beziehungen vom Wohnen zur Kunst her und hinterfragt und beschreibt ihren Wohnraum als Behausung, Arbeits- und Ausstellungsort, als Bedeutungsträger, als Modell, Bühne, als Skulptur und künstlerische Arbeit oder auch als entrückten Traum-und Phantasieort.

Dass Künstler schon im vergangenen Jahrhundert ihre eigenen Vorstellungen vom Wohnen verwirklichten, zeigt Bell an Beispielen wie Kurt Schwitters und seinen Merzbauten, dem Haus von Louise Bourgeois im New Yorker Stadtteil Chelsea oder dem Appartement von Edward Krasinski im elften Stock eines Wohnblocks in Warschau, in dem der polnische Künstler mehr als dreißig Jahre lang lebte. Mit einer blauen Klebeband-Linie auf einer konstanten Höhe von 130 Zentimetern, die sich konsequent über Wände, Vorhänge, Bilder und was es sonst noch auf dieser Höhe gibt, hinzog, hatte er sich die Wohnung zu eigen gemacht und führte sein tägliches Leben in seinem eigenen konzeptuellen System.

"The Artist's House" ist auf Englisch im ambitionierten Berliner Verlag Sternberg Press erschienen und mit vielen Fotos gut und ausführlich bebildert.


Bücher

Charlotte Birnbaum und Christa Näher: Paulas Juwelen. Kulinarische Streifzüge durch das Jahr. Buchhandlung Walther König, Berlin; 274 Seiten; 29,80 Euro.

Diener & Diener Architekten (Hrsg.): Common Pavilions. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich; 288 Seiten, 65 Schwarz-Weiß-Abbildungen; 58 Euro.

Kirsty Bell: The Artist's House. From Workplace to Artwork. In englischer Sprache. Verlag Sternberg Press, Berlin; 328 Seiten mit 224 Abbildungen; 29 Euro.



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