Kunst-Outlaw Dash Snow Erst Überdosis, dann Überhöhung

Die Kunstszene und ihr toter King of Pop: Dash Snow, für Sperma-Collagen bekanntes Enfant terrible und schwarzes Schaf einer ehrwürdigen New Yorker Familie, starb mit nur 27 Jahren an einer Drogen-Überdosis. Er ist noch nicht beerdigt und wird bereits zur Ikone verklärt.

Von , New York


Es gibt ein Foto von Dash Snow, nicht ganz drei Jahre alt, das zeigt ihn auf der High Line. Die High Line ist eine frühere Hochbahntrasse, auf der bis 1980 Güterzüge über die West Side Manhattans rumpelten, zehn Meter über den Köpfen der Passanten. Danach verrostete der kilometerlange Stahlkoloss zum baufälligen, überwucherten Niemandsland, während die Straßen darunter als Rotlichtviertel florierten.

Die Aufnahme zeigt Snow von hinten, in schwarzem Zylinder. Er kniet auf den modernden Gleisschwellen, selbst eine Kamera in der Hand, und dreht sich pseudo-überrascht zur Szenefotografin Cass Bird um, die das Bild macht: Der Downtown-Künstler lässt dokumentieren, wie er eines der letzten Relikte der verschwindenden Downtown dokumentiert.

Seit Juni ist die High Line Manhattans neueste Bürgerattraktion - für 152 Millionen Dollar renoviert, begrünt, zum schicken Spazierweg ausgebaut zwischen der Midtown und dem Meatpacking District, der seinerseits zum VIP-Viertel mutiert ist. Das aufregende, letzte Überbleibsel einer untergegangenen Underground-Welt ist zur gelackt-familienfreundlichen Spielwiese geworden.

Die Parallelen sind verblüffend: Eine ähnliche Luxussanierung widerfährt jetzt auch Dash Snow selbst, dem schillerndsten Maskottchen der Downtown-Kunstszene, der in der Nacht zum Dienstag im Alter von nur 27 Jahren starb, dort, wo er gelebt hatte, auf der Lower East Side, und so, wie er gelebt hatte: im Drogenexzess.

Schwarzes Schaf der wohl etabliertesten US-Kunstdynastie

Im Nachhinein hätte er sich darüber sicher amüsiert. Snow - bekannt für seine Sperma-Collagen, seine Sex- und Drogenfotos, seine Vorstrafen - stilisierte sich selbst gern zum kontrovers-mysteriösen Anarcho-Outlaw, der den reichen Mainstream bekämpfte. Wobei offen blieb, was authentisch war und was Pose.

Snow war das Enfant terrible des engen Künstlerkosmos auf der Lower East Side, der in den vergangenen Jahren immer kommerzieller geworden ist. Er ist noch nicht einmal beerdigt, da wird er selbst schon zum lukrativen Idol verklärt - von den Wortführern jenes reichen Mainstreams, den er so hasste.

Das Geschäft mit der Legendenbildung hat bereits begonnen. Der Londoner "Guardian" erhebt Snow zur "Kunstikone" und "mythischen Galionsfigur", vergleicht ihn mit James Dean und Jimi Hendrix, zwei ebenfalls zu früh gestorbenen Misfits, die seither zu T-Shirt-Motiven verkommen sind. Der "Independent" sieht Snow als "Helden der künstlerischen Unterwelt", die "New York Times" bezeichnete ihn analog zu James Dean als Rebellen.

Sie nennen das den "Ghoul-Faktor", den Zombie-Faktor: Tote Künstler verkaufen sich besser. Ihr Preis wird zusätzlich in die Höhe getrieben von "posthumer Heiligsprechung", wie es "Vulture" schreibt, der Kunstblog des "New York Magazine". Man muss nur die Andy Warhol Foundation fragen, die in den 20 Jahren nach Warhols Tod 1987 ein Vermögen von 240 Millionen Dollar anhäufte.

Vom Kaliber Warhols ist Snow jedoch weit entfernt - auch, wenn er Sprössling und schwarzes Schaf der wohl etabliertesten Kunstdynastie Amerikas war, der de Ménils. Trotzdem beweinen sie nun auch ihn mit ähnlich mythologisierenden Worten als Märtyrer, allen voran sein Galerist, Kunstdealer und langjähriger Freund Javier Peres.

"Er hatte eine sorgenschwere Existenz", sagt Peres, dessen Galerie in ihrer Berliner Dependance gerade Videos und Collagen von Snow zeigt, im Rahmen einer Gruppenshow New Yorker Künstler. "Er war eine phantastische, sanfte, wundervolle Person, und er hinterlässt ein großartiges Erbe."

Hotelzimmer, voll mit Papierschnee aus Telefonbüchern

Zu diesem Erbe zählen Abertausende Schnappschüsse, Mixed-Media-Collagen, Videos, Graffitis - Mementos der alternativen Künstler- und Slackerszene des East Village, der Lower East Side und der Bowery. Diese Szene war mal Avantgarde, wurde spätestens mit dem Musical "Rent" von 1996 aber zum Klischee, kristallisiert im "Rent"-Hit "La Vie Boheme" - Persiflage und Nachruf auf diesen betonten Anti-Lifestyle: "Bohemia is dead."

Snows Werke zehrten von inszeniertem Schockwert: Polaroids von Penissen und Pennern, Busen und Sex-Orgien, Heroinspritzen, Vandalen - und Snow selbst, immer wieder nackt. Er wichste auf die Seiten des Boulevardblatts "New York Post" und auf Bilder von Terroristen, mokierte sich über Cops ("Fuck the Police", hieß eine seiner Sperma-Collagen) und füllte Hotelzimmer mit dem Papierschnee zerschnetzelter Telefonbücher.

Mit Snows Tod wird diese Hinterlassenschaft zur Dokumentation eines gepeinigten Lebens. Das begann als Akt der Revolte gegen die Bürgerlichkeit, drohte am Ende jedoch zur Masche zu geraten. Mit seinen besten Künstlerfreunden Ryan McGinley und Dan Colen ließ sich Snow "die Bowery School" nennen - doch schon 2006 machte er Jeanswerbung für den Modeschöpfer Adriano Goldschmied.

Das Aufbäumen galt dem eigenen, illustren Stammbaum. Snows Urgroßmutter war die Ölerbin und Kunstsammlerin Dominique de Ménil, seine Großmutter ist die Mäzenin Christophe de Ménil, seine Mutter Taya Thurman die Stiefschwester der Schauspielerin Uma Thurman. Snows Schwester Philipa de Ménil gründete mit ihrem deutschen Mann Heiner Friedrich die Dia Art Foundation, eine der renommiertesten Galeriengruppe der Welt.

Damit wollte Snow nichts zu tun haben. Mit 13 Jahren steckten ihn die Eltern für zwei Jahre in eine Erziehungsanstalt in Georgia, danach, sagte er einmal, "war ich auf mich allein gestellt". Mit 16 Jahren sprühte er gemeinsam mit Freunden Graffiti. Seine Crew nannte sich Irak - nicht nach dem Land, sondern nach "rak", dem Graffiti-Slang für klauen - und ist bis heute weltberühmt.

Mix aus Hakenkreuzen, Pornografie und Osama Bin Laden

Snow gefiel sich als Dieb, zelebrierte Sex und Drogen, ließ sich die Haare wachsen - und fotografierte, malte, "schuf" wie ein Irrer. 2005 verschaffte ihm Dan Colen seine erste Solo-Show. 2006, bei seiner zweiten, standen die Leute Schlange, und die "New York Times" nannte den wilden Mix aus Hakenkreuzen, Pornografie und Osama Bin Laden "scharf und undurchschaubar zugleich" - mäkelte aber, dass der Dadaismus das schon abgegrast habe.

Im selben Jahr hatte Snow mehrere Stücke in der Whitney-Biennale. Der Kunstmarkt, hungrig nach immer neuen cash cows, schloss ihn in die Arme, und die Hagiografie begann.

"Er sah aus wie der Sohn von Jim Morrison und Jesus Christus", schrieb die Autorin Ariel Levy damals. Es war Levys Artikel, im Januar 2007 im "New York Magazine", der Snows Legende begründete. "Ich bin völlig schamlos", verkündete er drei Monate später kokett im SPIEGEL-Interview. Snow wurde zum Darling der Chelsea-Galerien, der Drogenszene, der Kunstmessen in Miami, der alternativen Presse. Er lebte wie ein Hausbesetzer, ohne Telefon, ohne E-Mail, fleißig an seiner eigenen Mythologie bastelnd.

Dazu gehörte auch, dass er weiter in Hotels randalierte. Selbst in einem Luxushotel, das ihm sein neuer Förderer gebucht hatte, der Werbemagnat Charles Saatchi. In Los Angeles musste Snow Sozialdienst verrichten und Straßen kehren, nachdem er sich mit der Polizei dort ein Rennen auf dem Highway 101 geliefert hatte - zu Fuß. In der selben Woche empfahl ihn in New York das "Wall Street Journal" als gute Investition für Kunstsammler.

Am Schluss versuchte Snow wohl, dem wüsten Leben ein Ende zu setzen, auch seiner zweijährigen Tochter Secret zuliebe. Im März war er auf Entziehungskur. Er plante neue Shows.

"Musstest du Heroin spritzen? Ich hasse dich!"

Die erste Meldung von seinem Tod kam, Zeichen der Zeit, über Twitter. "Mein bester Freund ist gestorben", schrieb sein Graffiti-Kumpan Ace Boon Kunle. Die Klatsch-Website "Gawker" griff das auf, die "New York Times" bestätigte es dann via Christophe de Ménil - perfektes Beispiel für den neuen Medienzyklus. Snow starb allein, im Lafayette-Hotel an der East 4th Street. "Musstest du Heroin spritzen?", twitterte sein Freund Kunle in verzweifelter Wut. "Ich hasse dich! Fuck you!"

"Jetzt hat die Kunstwelt ihre schöne Leiche, ihren ganz eigenen King of Pop", sagte der Berliner Kunstkritiker David Selden dem Blog "Vulture". Snows Biografie sei "der Stoff, aus dem die Träume von Dealern gemacht sind".

Besagtes Foto, dass Cass Bird von Snow auf der High Line gemacht hat, ist über Nacht zu ihrem begehrtesten Bild geworden. Wer es nachdrucken will, muss 2500 Dollar zahlen.


" Story without a Name", Peres Projects Berlin, Schlesische Str. 26, 10997 Berlin, noch bis 15. August 2009



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