Kunst-Tipp Kreationen statt Klamotten

Kleidung ist Kulturgeschichte, und der Modeschöpfer Uli Richter war jahrzehntelang der erste Botschafter des Berliner Chics. In einer wunderbaren Ausstellung zeigt das Kunstgewerbemuseum, was der Couturier für die Damen der Gesellschaft schneiderte.

Von KulturSPIEGEL-Autorin


Nichts ändert sich so schnell wie die Mode, warum also der Tipp des Tages, sich im Museum Mode der fünfziger bis achtziger Jahre anzusehen? Weil Kleidung Kulturgeschichte ist, sagt die ehemalige Kultursenatorin Christina Weiss. Auch wenn man am geflickten Nachthemdärmel Kaiser Wilhelms II. nicht gleich die ganze Staatsräson festmachen kann.

Richter-Kreation (1965): Berliner Chic
Klaus Puhlmann

Richter-Kreation (1965): Berliner Chic

Aber angesichts der Tristesse der biederen grauen Business-Kostüme rund ums Regierungsviertel, der hilflosen Label-Gläubigkeit an Gucci und Prada, der prolligen Individualitäts-Klamotte in Kreuzberg oder der angeblich immer passenden, engen Jeans mit pubertärem Oberteil-Hängerchen, ist die Uli-Richter-Ausstellung die Gelegenheit, sich zu erinnern, dass Berlin eine Modestadt war. Bis in die sechziger Jahre gab es rund 60.000 Beschäftigte in der Modebrache, Näherinnen, Knopfmacher, Gürtelschnallenhersteller oder Stickerinnen, meist im Osten der Stadt; Mode- und Stoffhändler, Modeschöpfer und Verkäufer im Westen. Man sprach vom "Berliner Chic", es gab eine wichtige Messe namens "Durchreise", Besucher wie Christian Dior und deutsche Couturiers wie Heinz Oestergaard, Gerd Staebe und Hans Segner, Detlev Albers und Uli Richter, den jüngsten.

Richter, Spross einer Pharmazie-Fabrikantenfamile, hatte während seiner Lehre zum Textilkaufmann 1948 ganz nebenbei ein Kleid entworfen, das sich glänzend verkaufte. Von da an war klar, dass er Entwerfer sein wollte. 1959, mit gerade 33 Jahren, eröffnete der gebürtige Potsdamer seine erste Firma. Er holte sich Anregungen auf Pariser Balenciaga-Modenschauen, zeigte seine Kleider in Amerika, beschäftigte internationale Mannequins und gute Fotografen wie F.C. Gundlach oder Rico Puhlmann. Und seine Mode hatte Erfolg bei prominenten Frauen, die seine Kleider elegant und trotzdem bequem fanden, unkompliziert und gleichzeitig repräsentativ.

Als der Ministerrat 1961 die 166 Kilometer lange Mauer bauen lässt, spricht allerdings niemand mehr über Berlin als Modestadt. Zuerst steht die Stadt unter Schock, danach versinkt sie langsam in Bedeutungslosigkeit. Denn Banken, Industrie und das Großbürgertum wandern ab nach Westdeutschland. Neuberliner kommen aus der Provinz, Politiker haben Schrebergärten, und auf Empfängen gibt es Buletten mit Mostrich und Soleier.

Trotzdem wird bis in die späten sechziger Jahre noch Mode gemacht in den Berliner Couturier-Salons, dann schließt ein Berliner Modehaus nach dem anderen.

UR - das erste deutsche Label

Nur Uli Richter gibt nicht auf. Er entwirft als erster in Deutschland eine eigene preisgünstige Pret-à-porter-Kollektion, lässt in Pullover seine Initialen UR als Muster einstricken und entwirft UR-Reisegepäck – das erste deutsche sichtbare Label. Richter kann weitermachen, weil er neue Kundinnen gefunden hatte. Frauen wie Lilli Palmer, Hildegard Knef, Rut Brandt oder Senta Berger sorgten für Image und Presse, Industriellen-, Verleger- und Bankdirektoren-Gattinnen für zuverlässigen Umsatz. Und Marie Cecilie von Preußen adelte seine Mode, als sie 1965 den Herzog von Oldenburg in einem Richter-Hochzeitskleid ehelicht. Getoppt wurde dieses Ereignis 1975, als Richter nach seiner Modenschau in Monaco zum Schneider der Fürstin Gracia avanciert.

Aber 1982 muss auch Richter seinen Salon am Kurfürstendamm schließen. Mit der Mode schließt er nicht ab, sondern lehrt bis 1994 "experimentelle Gestaltfindung" an der Berliner Hochschule der Künste. Danach beginnt er seine Arbeiten zu archivieren – Kleider, Zeichnungen, Fotos, Ablaufpläne von Modeschauen, Pressearchiv, Modezeitungen. "Seine akribische Vorarbeit hat uns die Ausstellung leicht gemacht", sagt Museumsdirektorin Angela Schönberger, "fast jedes Kleidungsstück ist mit Fotos belegt, manchmal können wir sogar zeigen, zu welcher Gelegenheit prominenten Kundinnen seine Mode anzogen." Frau Ponto zum Beispiel trug in Berlin zur 100-Jahr-Feier der Dresdner Bank ein schwarzes langes Abendkleid mit sparsamer Rosen-Stickerei und einen langen pelzbesetzten Abendmantel. Beides steht auf einer Puppe im Untergeschoss der Ausstellung.

Gattinnen mit Geschmack

Hier sind die "Damen der bundesrepublikanischen Gesellschaft" zu sehen, für die Richter gearbeitet hat. Auf einem der vier laufstegartigen Sockel sind die Kleider von Rut Brandt aufgebaut. "Dass ausgerechnet die Frau eines SPD-Außenministers und Bundeskanzlers die Bundesrepublik in Kleidern eines deutschen Designers repräsentiert, hat es in dieser Form leider nicht noch einmal gegeben", sagt Schönberger, "da zieht Deutschland gleich mit den USA im Auftritt und im Selbstbewusstsein." Und wirklich sieht Rut Brandt auf Fotos großartig aus neben Claude Pompidou im einfachen türkisfarbenen langen Mantel und gleichfarbenen Kleid. Ein langes rotgemustertes Brokat-Chiffon-Kleid ist zu sehen, hochgeschlossen und mit langen Ärmeln. "Das war für einen Staatsbesuch in Teheran vorgesehen", sagt Schönburger "aber wir wissen nicht, ob sie es getragen hat." Aber wir wissen, dass sie es mochte, denn noch mindestens zweimal zog sie es an: zum Presseball und zu einem Staatsempfang.

Eine Ecke ist Gracia Patricia gewidmet, und natürlich fehlt auch das Hochzeitskleid der Preußen-Prinzessin nicht.

Auch Verlegergattinnen bewiesen Geschmack: Aenne Burdas Garderobe ist zu sehen und die von Frau Bucerius, "einer frühen und langjährigen Kundin, die sich seit den fünfziger Jahren bei Richter einkleiden ließ und ihm bis zum Ende treu blieb". "Solche Frauen haben sich in seinen Kleidern wohlgefühlt", sagt Schönberger, "weil sie modern und sportiv waren und trotzdem von enormer Eleganz."

Ein bisschen museal verstaubt wirkt die Ausstellung, Mode und Museum gehen noch nicht ganz entspannt miteinander um. Trotzdem eine wunderbare Berliner Ausstellung, zu der hoffentlich die Kanzlerin im grauen Hosenanzug vorbeikommt.


"Uli Richter. Eine Berliner Modegeschichte". Kunstgewerbemuseum / im Kulturforum. 13.9.2007–6.1.2008. Katalog im DuMont Verlag.



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