Kunst und Krise "Die Zeit der großen Deals ist vorbei"

Sammler kaufen nicht mehr, Sponsoren fördern nicht mehr - Max Hollein ist sich sicher: Eines der größten Opfer der Finanzkrise wird der Kunstmarkt sein. Dennoch zeigt sich der Frankfurter Museumsdirektor im SPIEGEL-Interview zuversichtlich.


SPIEGEL: Herr Hollein, Sie sind nicht nur Kunstexperte, sondern auch Wirtschaftswissenschaftler: Was treibt Sie gerade mehr um, Ihre nächsten Ausstellungsprojekte oder die Börsenkurse?

Hollein: In einer Stadt wie Frankfurt am Main ist die gesamte Tagesstimmung vom Wert des Dax abhängig. Dem kann sich hier keiner entziehen. Und in diesen Tagen verfolgt wahrscheinlich jeder die Entwicklung der Aktienmärkte.

Frankfurts Bankenviertel: "Die Bürger erwarten von der Wirtschaft mehr denn je, sich für die Gesellschaft zu engagieren"
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Frankfurts Bankenviertel: "Die Bürger erwarten von der Wirtschaft mehr denn je, sich für die Gesellschaft zu engagieren"

SPIEGEL: Kein anderer deutscher Museumschef hat so viele Bankhäuser als Sponsoren gewinnen können wie Sie für die Schirn-Kunsthalle und das Städel-Museum. Auch Lehman Brothers gehörte dazu, die US-Bank, die gerade spektakulär pleiteging. Macht Sie die Krise am Kapitalmarkt nervös?

Hollein: Mit dem Konkurs von Lehman geht uns eine jährliche Geldsumme im fünfstelligen Bereich verloren - aber wir haben noch viele andere Partner. Eines ist klar: Sponsoring ist ein Geschäft, und das wird noch härter werden als bisher. Die verbleibenden Unternehmen werden sich wählerischer zeigen und fordernder auftreten.

SPIEGEL: Vielleicht stellen die Firmen ihr Engagement für die Kultur auch ganz in Frage.

Hollein: Natürlich ist ein Rückgang der Drittmittel, ob Sponsorengelder oder Spenden, absehbar. In welcher Größenordnung sich das abspielen wird, weiß keiner. Noch sind viele Unternehmen dabei, ihre Budgets zu überprüfen, sich neu zu justieren. Aber sterben wird das Instrument Kultursponsoring auf keinen Fall.

SPIEGEL: Der Staat hat den Kulturinstitutionen mehr und mehr abverlangt, sich um private Drittmittel zu bemühen, statt auf Steuergelder zu zählen. Verblasst jetzt der Glanz der oft beschworenen Partnerschaft mit der Wirtschaft?

Hollein: Nein. Wir werden auch weiterhin zusätzliche Finanzierung benötigen, sogar noch mehr als bisher, denn der Staat wird ja auch nicht reicher. Es sind die Gelder durch das Sponsoring, die uns einen zusätzlichen Bewegungsspielraum verschaffen.

SPIEGEL: Die Deutsche Bank gab Anfang Oktober bekannt, dass sie Ihrem Städel-Museum 600 Kunstwerke überlässt. Ein paar Tage später wäre diese Großzügigkeit wohl nicht mehr vertretbar gewesen. Hatten Sie auf den schnellen Abschluss gedrängt?

Hollein: Auf keinen Fall, der Termin war lange geplant, wir hatten nicht das Gefühl, dass wir unter Druck geraten. Außerdem ist es doch so, dass die Bürger von der Wirtschaft mehr denn je erwarten, sich für die Gesellschaft zu engagieren.

SPIEGEL: Oder das Geld zusammenzuhalten. Die eine oder andere Unternehmenssammlung dürfte sogar auf dem Kunstmarkt landen.

Hollein: Das könnte passieren. Dass das klug wäre, bezweifle ich. Für das Image eines Unternehmens sind solche Sammlungen häufig von enormer Bedeutung. Eines ist sicher: Diese Krise wird vor allem den Kunstmarkt treffen.

SPIEGEL: Die Preise für Kunst sind zuletzt in schwindelerregende Höhen gestiegen, stürzen sie jetzt ab?

Hollein: Nicht sofort. Kunst gilt sogar, ähnlich wie Gold, als stabile Ersatz-Anlageform. Aber wenn die Rezession erst einmal tiefer greift, wird die Nachfrage nachlassen, und damit sinken dann auch die Preise. Vor allem wird fürs erste die Zeit der richtig großen Deals vorbei sein. Da ist viel über Kredite zwischenfinanziert worden.

SPIEGEL: Ende der achtziger Jahre ist der Kunstmarkt schon einmal eingebrochen.

Hollein: Auch damals geschah das in Zusammenhang mit einer Wirtschaftsflaute, der Kunstmarkt ist ja keine eigene autonome Welt. Und doch heißt das nicht, dass in schlechten Zeiten nichts mehr möglich ist. Das Museum of Modern Art in New York ist im Krisenjahr 1929 gegründet worden.

SPIEGEL: Trotzdem: Wird bei eventuellen künftigen Ausverkäufen das Image der Kunst mit verramscht - gerade das der zuletzt so sensationell teuren Gegenwartskunst?

Hollein: Die Grundstimmung im Land, in der Welt, ändert sich gerade, wir befinden uns noch in der Schockstarre. Wir alle wissen nicht, wie es weitergeht, wir alle werden auf Kosten achten müssen. Wenn aber unsere Reaktion darin bestünde, Bildung, Forschung und Kultur nicht mehr wertzuschätzen, dann wäre unsere Gesellschaft sehr arm. Kunst und Kultur sind gerade in einer globalisierten Gesellschaft von zunehmender Bedeutung. Und vielleicht können wir in Frankfurt am Main mit gutem Beispiel vorangehen: Wir planen gerade die Erweiterung des Städel-Museums. Das ist ein ambitioniertes, auch teures Vorhaben, und es ist wichtig für die Stadt. Wir haben bereits Namen von Mäzenen veröffentlicht, und wir werden noch in diesem Jahr weitere Namen bekanntgeben.

Das Interview führte Ulrike Knöfel



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