Kunstfest Weimar Was die Freifrau von Stein auf Goethes Briefe antwortete

Die Idee ist grandios: Beim Kunstfest Weimar antworten Autorinnen von heute auf die Briefe, die Goethe vor über zweihundert Jahren an Charlotte von Stein schrieb. Auf der Bühne wird daraus leider ein einförmiges Beziehungspotpourri.

Thomas Müller

Von Christine Wahl


Unter heutigen Schriftsteller-Kolleginnen hat Johann Wolfgang von Goethe offenbar ein ziemliches Imageproblem. "Lebte ich in einer anderen Zeit, würde ich sagen: Fack ju Göhte", winkt zum Beispiel die Autorin und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnistin Sibylle Berg in dem originellen Theaterprojekt "Your Lover Forever" lässig ab. Und Justine del Corte, Verfasserin diverser Theaterstücke und Drehbücher, attestiert dem Klassiker an gleicher Stelle eine satte Persönlichkeitsstörung: "Sie sind Schriftsteller und wie alle Künstler ein Narzisst."

Die Gelegenheit, dem epochalen Dichter und Denker eloquent ihre Meinung zu geigen, verdanken die Autorinnen Christian Holtzhauer, dem neuen Leiter des Kunstfestes Weimar, und Michael Billenkamp, der als Dramaturg am Schauspiel Frankfurt arbeitet. Die Theatermänner der beiden Goethe-Städte haben sich in den Briefwechsel Goethes mit Charlotte von Stein vertieft: Fast 1800 Textnachrichten des Klassikers an die Hofdame der Weimarer Herzogin Anna Amalia sind erhalten. Goethe feiert darin nicht nur wortreich seine eigenen Voltaire-Lektüren ab oder säuselt die sieben Jahre ältere, verheiratete Frau und siebenfache Mutter Charlotte von Stein als "einziges Weibliches" an, "was ich in der Gegend noch liebe". Sondern die Zeilen handeln gern auch mal von gegenständlichen Ernährungsempfehlungen.

An Stelle der Antworten klafft allerdings eine riesige Projektionslücke. Denn Charlotte von Stein forderte die Briefe, die sie selbst an Goethe schrieb, zurück und vernichtete sie. Fachleute streiten nicht nur darüber, ob die Beziehung der beiden übers Platonische hinausging, sondern haben auch schon mal in Zweifel gezogen, dass die Briefe überhaupt Charlotte von Stein galten.

Kurzum: Wir haben es hier mit einem höchst kreativen klassischen Vakuum zu tun; und Holtzhauer und Billenkamp haben nun vierzehn namhafte Gegenwartsschriftstellerinnen gebeten, an Charlotte von Steins Stelle auf Goethes Briefe zu antworten. Eine tolle Idee, die das Zeug hat, das üblicherweise museale Klassikergedenken in eine wirklich lebendige Gegenwartsdiskussion mit angemessenem IQ zu überführen.

Potpourri bewährter Beziehungsweisheiten

Die Texte, die Autorinnen wie eben Berg und del Corte, aber auch Julia Franck, Kathrin Röggla, Gesine Danckwart oder Katharina Hacker daraufhin schrieben, bilden die Grundlage des Theaterprojekts "Your Lover Forever", das jetzt beim Kunstfest Weimar seine Uraufführung erlebte und Mitte September in Frankfurt/Main gezeigt wird.

Leider geht die junge Regisseurin Lily Sykes in ihrer Inszenierung weniger facettenreich zu Werke als die Autorinnen in ihren Texten. Neun Frauen aus Weimar und Frankfurt - keine professionellen Schauspielerinnen, aber wie wir alle natürlich notgedrungen Alltagsexpertinnen in punkto Beziehungsführung - sitzen wie bestellte und nicht abgeholte Bräute in weißen Klamotten und mit Blumenkränzen im Haar bei einer Art Kaffeekränzchen auf der Bühne des Weimarer Schlosses Ettersburg und schmachten im Wesentlichen dem Herrn von Goethe entgegen. Der lässt sich dann - in Gestalt des jungen Schauspielers Anton Rubtsov - prompt als wuschelköpfiger Singer-Songwriter blicken, mit der Gitarre im Anschlag und hippen Turnschuhen an den Füßen.

So charmant die lebenserfahrenen Damen sich hier auch ins Zeug zu legen versuchen: Dieses unnötige Späte-Mädchen-Setting versenkt den Abend in einer Kaffeeklatschatmosphäre, die weder der Vielfalt der Texte noch den Darstellerinnen gerecht wird. Denn die Autorinnen wählen denkbar unterschiedliche Zugänge: Einige versetzen sich in die historische Charlotte hinein. Andere beschreiben das Verhältnis der Briefpartner als eine beiderseitig selbstbewusste Zweckbeziehung, die komplett von heute sein könnte. Manche pflegen den SMS-Stakkato-Sound, andere reanimieren den klassischen Briefroman.

Dass das auf der Bühne alles zu einem Potpourri bewährter Beziehungsweisheiten zusammenschnurrt, liegt auch daran, dass Regisseurin Sykes ihrer Inszenierung unbedingt noch eine weitere Ebene einzieht, für die in knappen zwei Inszenierungsstunden aber schlichtweg zu wenig Raum bleibt. Neben den Antwortbriefen der Autorinnen flechten die Darstellerinnen eigene Erfahrungen mit den mehr oder weniger Goethe-affinen Liebhabern ein, die die Weimarer und Frankfurter Realität so zu bieten hat. Unterm Strich wird da viel zu viel angerissen und zu wenig vertieft.

Trotzdem: Mit seiner Idee der originellen Klassiker-Entstaubung bleibt das Kunstfest Weimar konzeptionell grundsätzlich inspirierend und auf der richtigen Spur.


Weitere Vorstellung beim Kunstfest Weimar: 1.9. im Gewehrsaal des Schlosses Ettersburg; Premiere in Frankfurt/Main am 21.9. in der Freimaurerloge zur Einigkeit.



insgesamt 3 Beiträge
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quark@mailinator.com 01.09.2014
1. Anmaßung
Ziemlich anmaßend von den Damen. Man darf davon ausgehen, daß Goethe nur mit jemandem derart umfangreich korrespondiert hat, der ihm auch geistig ebenbürtig war. Da wird die Luft ziemlich dünn. Kann mir schon vorstellen, wie man nun so eine Art verspätete feministische Abrechnung mit Goethe inszeniert ... laßt es lieber, das ist lächerlich.
Hornblower, 01.09.2014
2. Deutschland mach Dich auf nach Weimar
Das hat es verdient. Zur Zeit gibt es auch eine Ausstellung mit Handschriften aus dem Nachlass von Friedrich Nietzsche. Wiewohl ich diesen Nachlass lieber in Naumburg sähe, ist es technisch vielleicht besser, Nietzsche ruht bei den deutschen Klassikern. Sehenswert ist das Alles in Weimar.
123456789abc 05.09.2014
3. jaja, grandiose Idee
vor allem so originell. Ich denke da nur an http://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Gespräch_im_Hause_Stein_über_den_abwesenden_Herrn_von_Goethe von 1976, wo dieses Thema doch auch schon angesprochen wurde.
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