Reaktionen auf Münchner Fund Museen fordern Auskunft über Raubkunst-Bilder

Der Sensationsfund von München hat weltweit Begehrlichkeiten geweckt. Von den USA bis Polen wird Einblick in die beschlagnahmte Kunstsammlung gefordert. Nur ein Österreicher versteht die Aufregung nicht - man hätte die Bilder längst finden müssen, sagt er.

Nur eine Auswahl der beschlagnahmten Bilder wurde am Dienstag von der Staatsanwaltschaft Augsburg präsentiert
Getty Images

Nur eine Auswahl der beschlagnahmten Bilder wurde am Dienstag von der Staatsanwaltschaft Augsburg präsentiert


Berlin/London/Hamburg - Für viele Museen und Familien von Kunstsammlern birgt der Münchner Kunstfund große Hoffnungen. Möglicherweise befinden sich unter den lange als verschollen geglaubten Werken welche, die rechtmäßig ihnen gehören. Entsprechend regt sich weltweit das Interesse an den gefundenen Bildern; Museen und Experten kritisieren die Geheimhaltungspolitik der Staatsanwaltschaft.

So fordern die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Auskunft zum spektakulären Münchner Kunstfund. Eine entsprechende Anfrage habe man bereits an die Staatsanwaltschaft und die Forschungsstelle Entartete Kunst in Berlin gestellt. Die Kunstsammlungen vermissen rund 50 Gemälde sowie 300 bis 400 grafische Blätter, die in der Nazi-Zeit als "entartete Kunst" klassifiziert wurden.

Die Stadt Mannheim prüft derweil, ob sie das in München gefundene Werk "Melancholisches Mädchen" von Ernst Ludwig Kirchner zurückfordern kann. Der Farbholzschnitt sei von den Nazis 1937 beschlagnahmt worden und galt als verschollen, sagte die Direktorin der Kunsthalle Mannheim, Ulrike Lorenz.

Auch beim Essener Museum Folkwang besteht die "begründete Vermutung", dass sich unter den gefundenen Bildern auch Werke aus seinem einstigen Bestand befinden. Die von den Nationalsozialisten als "entartete Kunst" in Essen beschlagnahmten Werke "wurden, wie man weiß, zu einem großen Teil über Hildebrand Gurlitt veräußert", sagte der Direktor des Museums, Tobia Bezzola. Hoffnung auf eine Rückgabe macht sich das Museum aufgrund der geltenden Rechtslage allerdings nicht.

"Wir schließen das nicht aus"

Und auch das Linzer Kunstmuseum Lentos blickt mit großem Interesse nach München. Seine Werke stammen zu einem großen Teil aus der Sammlung von Wolfgang Gurlitt, der wie sein Cousin Hildebrand in der Nazi-Zeit mit "entarteter Kunst" handelte. Sie wolle vor allem Einblick in den Bestand und die zugehörigen Unterlagen der aufgetauchten Sammlung, sagte Direktorin Stella Rollig SPIEGEL ONLINE. Einerseits, um womöglich mehr Informationen über die Provenienz der eigenen Werke aus Wolfgang Gurlitts Sammlung zu erhalten, andererseits, um in dem Konvolut eventuell auf vier Kunstwerke aus der ehemaligen Sammlung Wolfgang Gurlitts zu stoßen, die sich eigentlich im Besitz des Museums befinden sollten, jedoch seit Jahrzehnten verschollen sind.

Die Berliner Museen halten sich bei der Beurteilung des spektakulären Münchner Kunstfunds hingegen betont zurück. Dass es auch um Werke aus ihrem Bestand gehe, sei "theoretisch möglich, wir schließen das nicht aus", sagte eine Sprecherin der auch für die Museen verantwortlichen Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Über eine Kontaktaufnahme zur Staatsanwaltschaft Augsburg werde die Stiftung "zu gegebener Zeit" entscheiden, hieß es.

"Die ganze Welt blickt auf Deutschland"

Herbe Kritik am Umgang der Behörden mit dem Münchner Fund übte das Zentralregister für Raub- und Beutekunst der Jahre 1933-1945 und forderte die Bundesregierung zum Eingreifen auf. "Wir wollen so schnell wie möglich eine Liste der Werke in der Sammlung veröffentlicht sehen", sagte Anne Webb von der Commission for Looted Art in Europe. Zudem müsse ein Verfahren eingerichtet werden, das es "rechtmäßigen Besitzern der Werke" ermögliche, sie schnell zurückzubekommen.

Seit Bekanntwerden des Funds werde das Register mit Anfragen nach Informationen überflutet. "Die ganze Welt blickt auf Deutschland und erwartet, dass eine vollständige Dokumentation der Werke und dazu, wem sie gehören könnten, vorgelegt wird", so Webb.

In der israelischen Zeitung "Haaretz" zeigte sich der Rechtsanwalt Joel Levy zuversichtlich, dass die in München gefundenen Bilder an jüdische Erben zurückgegeben werden. Zudem seien die in München gefundenen Werke "nur die Spitze des Eisbergs". Nach seinen Informationen gab es unter den deutschen Kunsthändlern damals etwa 40, die ähnlich wie Hildebrand Gurlitt vorgingen.

Aufgeblasene Aufregung

Ähnliches glaubt auch der britische "Guardian": "Gurlitts geheimes Lager zeigt, dass viele Annahmen über die Nazis und Kunst einfach falsch sind." Es sei gut möglich, dass in anderen Wohnungen in Deutschland ähnliche Schätze lagerten.

Wenig überrascht von dem Fund zeigte sich der österreichische Kunstexperte Alfred Weidinger. "Dass diese Sammlung existiert, das war kein Geheimnis. Im Grunde genommen hat jeder wichtige Kunsthändler im süddeutschen Raum gewusst, dass es das gibt - auch in der Dimension", sagte der Vizedirektor des Wiener Belvedere der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Die Aufregung darüber sei "aufgeblasen".

Genauere Nachforschungen hätten die zuständigen Experten schon viel früher zu der Sammlung führen müssen: "Wenn man im Jahr 2013 darauf kommt, dass es in München die Sammlung Gurlitt gibt, dann haben die ihren Job nicht richtig gemacht."

seh/bor/dpa

insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
raber 06.11.2013
1. Jeder wusste, keiner sagte. Wo sind die anderen Schätze?
Nicht nur Museen sondern auch Privatleute haben ein Anrecht zu erfahren was da gefunden wurde um zu überprüfen ob es ihnen entwendet wurde. Wenn der Kunstexperte Herr Alfred Weidinger nun behauptet, dass dies in dieser Dimension "jeder wichtige Kunsthändler im süddeutschen Raum gewusst" hat, dann müsste er und seine Kollegen wegen Unterlassung der Meldung an die entsprechenden Behörden angezeigt werden. Oder ist es nicht strafbar um Nazis und Nachfahren zu beschützen? Mit dem letzten Satz des Artikels und von Herrn Weideinger bin ich voll einverstanden. Für mich steht auch fest, dass in vielen Kellern deutscher Museen weiterhin Raub- und Beutekunst versteckt wird; abgesehen von dem in Privatbesitz sei es in Deutschland, Bariloche oder anderswo.
Regulisssima 06.11.2013
2. Rechtmässigkeit
Sofern es zutrifft, dass der bisherige Besitzer die Bilder von den US-Besatzungsbehörden zurückerhalten hat, kann eigentlich kein Zweifel an der Rechtmässigkeit seines Eigentums bestehen. Zumindest US-Behörden und -Gerichte können dies schwerlich bezweifeln. Und wenn es doch zum Streit kommen sollte, wird der deutsche Staat sie in Sicherheit verwahren. Für lange Zeit.
z_beeblebrox 06.11.2013
3.
Genau deshalb hat die Bundesregierung erst mal die Klappe gehalten: http://forum.spiegel.de/f22/werke-milliardenwert-bundesregierung-wusste-von-raubkunst-fund-105063-3.html#post14151999 Ich habe mal kurz den Text auf Wiki zu Alfred Flechtheim (http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Flechtheim) gelesen. Demnach hatte er keine Kinder, lediglich Neffen. Wobei beide auch schon tot sind. Nun, die hatten ev. Kinder oder auch Neffen o.ä.. Da würde es mich mal interessieren, auf wieviele Generationen hin man sein Erbe beanspruchen kann. Gibt es überhaupt eine zeitliche Beschränkung? Müsste doch, oder? Sonst könnten viele noch etwas vom Erbe Kaiser Barbarossas oder so beanspruchen. Danke für en Info. Im letzten Text von SON stand drin, dass die Museen nix bekommen, da die Nazis zu ihrer Zeit mit den Bildern machen konnten, was sie wollten. "So moralisch unhaltbar die Verfolgung 'entarteter Kunst' auch gewesen ist, aus juristischer Sicht kann keine Restitution verlangt werden", schreibt der Rechtsexperte Carl-Heinz Heuer. Beschlagnahmungen aus Museen und der Verkauf der Werke waren demnach trotz aller Verwerflichkeit Rechtsakte. Denn der NS-Regime war Eigentümer der Kunstschätze deutscher Museen und konnte laut Heuer frei darüber entscheiden, was damit geschehen sollte Kunstfund in München: Was wird mit den Bildern? Wem gehören sie? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kunstfund-in-muenchen-was-wird-mit-den-bildern-wem-gehoeren-sie-a-931894.html)
ennalyse 06.11.2013
4. Seltsame und krude Verarbeitung der Geschichte
1. Der Augsburger Staatsanwalt ist überfordert. Aus seiner Beamten-Perspektive erkennt er nicht die weitreichenden Dimensionen seiner gewiss lege artis durchgeführten sogenannten Ermittlungen. 2. Die Provenienzforscherin ist überfordert, da sie offenbar zu viel Material vor sich hat und ihre Kenntnisse hinsichtlich Echtheot usw. begrenzt sind oder sie die ganze Verantwortung eingrenzt (ihr Recht). 3. Der Kunstmarkt heizt sich gerade auf. Demnächst: Gier und diskrete Handlungen auf allen Seiten. 4. Was soll das Geschwätz von harten Devisen für die Nazis seinerzeit (ich nehme an, die Propaganda stand im Vordergrund), also zBsp 500 000 Schweizer Franken auf ein Londoner Konto. Setzen sie das in den Kontext zum seinerzeitigen Staatshaushalt. 5. Zum Thema Kunsthändler: Erinnert sei an die dubiose Hinhaltetaktik eines in der Schweiz lebenden Kunsthändlers zur Bereitstellung der finanziellen Mittel, um die Liebermann-Witwe aus Nazi-Deutschland herauszuholen: eine tragische Geschichte. 6. Hier sehen wir, es geht allein ums Geld, egal wie es aufgepeppt wird. Ob Bilderverbrennung oder die Veronal-Tabletten, die Frau Liebermann letzten Endes einnehmen MUSSTE.
maifreuden 06.11.2013
5. Allseitige Gier
Wie können denn Museen Auskunft über Raubkunst-Bilder fordern, darauf hätten die keinerlei Anspruch. "Raubkunst" steht doch in diesem Kontext für ab Mitte der 1930er Jahr aus nichtöffentlichen Sammlungen bzw. Privatbesitz entwendete Kunstwerke oder solche, bei denen die Verkäufer bzgl. des Preises durch Nazi-Schergen erpresst oder unter Druck gesetzt wurden. Aus Museen entfernte "entartete Kunst" ist nach dem Krieg von den Alliierten legalisiert worden. Und die Kunsthalle Mannheim bekommt überhaupt nichts. In Mannheim freuen die sich nämlich einerseits über die "bisher nicht gekannte Farbigkeit" und andererseits behaupten sie, dass das in Augsburg gezeigte Blatt das ihre sei. Entweder/oder, beides zusammen geht ja wohl nicht. Die allseitige Gier nach Enteignung des Herrn G. ist unerträglich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.