Kunsthistorische Datenbank Wie Hitler das "Dritte Reich" dekorieren wollte

Heroisch, bieder, lüstern - bei den "Großen Deutschen Kunstausstellungen" zeigte der NS-Staat, wie er sich zeitgenössische Kunst vorstellte. Ein öffentlich zugängliches Online-Archiv präsentiert nun Ansichten dieser Verkaufsschauen und dokumentiert die Käufer: Adolf Hitler selbst war der beste Kunde.

Zentralinstitut für Kunstgeschichte/ Jaeger und Goergen

Im Grunde, so sagen die Wissenschaftler aus München, sei es wohl nur ein Zufall, dass diese Fotoalben nicht irgendwann nach Kriegsende weggeworfen worden seien. Zu gern sei in der Kunstgeschichte ausgerechnet die jüngere Vergangenheit verdrängt worden, und so sei auch die Existenz all dieser Alben lange ignoriert worden.

Die Alben: Sechs wuchtige Bände, die Hüllen braunrot, alle bergen Sensationelles. Sie enthalten Aufnahmen, die veranschaulichen, wie Hitler sich die zeitgenössische Kunst wirklich wünschte. Denn es handelt sich um Ansichten aus den sogenannten Großen Deutschen Kunstausstellungen in München.

Man könnte nach einem Blick auf die Fotos sagen: Die Kunst dieser Schauen war noch trivialer, oft auch ordinärer als gedacht. Niemand kaufte davon so viel ein wie Hitler selbst, Millionen gab er aus. Und auch das Volk kam, meist zu Hunderttausenden. Es machte sich schick, trug Hut, drängte in die Schauen, und gelegentlich leistete es sich Kunst. Später verschwieg man gern die Herkunft seiner Sofagemälde.

Balletttänzerinnen, Blumenbouquets, Mondscheinhirsch

Jahrzehntelang standen auch die Alben weitgehend unbeachtet im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte, wer unter den Forschern wollte sich schon der unschönen Verbindung von Kunst und Nazizeit annehmen? Vor einigen Jahren dann haben sich Wissenschaftler des Institutes mit Kollegen aus dem Haus der Kunst in München und dem Deutschen Historischen Museum in Berlin zusammengeschlossen. Sie wollten diese und weitere Aufnahmen zu den "Großen Deutschen Kunstausstellungen" - kurz GDK - endlich ins Bewusstsein der Forschung rücken, nun machen sie sie sogar öffentlich zugänglich.

Das Ergebnis ist ein eindrucksvolles Online-Bildarchiv. Am Montag wurde es in München vorgestellt, am Donnerstagabend um 21 Uhr wird die Internetadresse freigeschaltet (www.gdk-research.de). Von 1937 an fanden diese Ausstellungen in jedem Sommer statt, zum letzten Mal 1944. Sie waren Verkaufsveranstaltungen, mit ihrer Kunst sollte das "Dritte Reich" dekoriert werden, und sie waren auch Nachweis für die angeblich kreativen Höhenflüge unter Hitler. Für solche Selbstfeiern des "Dritten Reiches" war das Haus der Deutschen Kunst (heute: Haus der Kunst) am Englischen Garten überhaupt gebaut worden.

Nur wenige der präsentierten Kunstwerke waren bisher in Abbildungen bekannt, wohl nicht mehr als ein Zehntel der insgesamt 12.550 Werke. Es waren immer dieselben Bilder, derentwegen man sich die NS-Kunst insgesamt monumentaler, auftrumpfender, handfester vorgestellt hatte. Natürlich kommt Hitler auf diesen Fotos selbst vor, vielfach, und dazu all die plumpen Heroen etwa eines Arno Breker, und es gibt auch eine Bronze, die einen Handgranatenwerfer zeigt. Dann sind da noch die Soldaten- und Kapitänszeichnungen eines Lothar-Günther Buchheim. Nur war da eben noch viel mehr.

Erstaunlich viel weibliche Erotik wurde produziert und diese anschaulich dargestellt, in großer Zahl lieferten die Künstler auch biedere oder heroische Landschaften, dazu Balletttänzerinnen, Blumenbouquets oder einen Hirsch im Mondschein. Hitler begeisterte sich etwa für das Bild eines Schützenkönigs. Albert Speer, der Reichsarchitekt, erwarb unter anderem ein Landschaftsgemälde mit dem Titel "Rübezahls Reich", Außenminister Joachim von Ribbentrop leistete sich neben anderen Stücken ein sehr nacktes "Erwachen". Joseph Goebbels entschied sich für eine "Bäuerliche Venus": Nach Hitler war der Propagandaminister der beste Kunde.

Einige Künstler versuchten, an die bürgerliche Motivik des 19. Jahrhunderts anzuknüpfen, doch was machten sie daraus? Landschaften, Blumensträuße, alles sehr oberflächlich, und immer wieder weibliche Akte: Frauen, die nichts anhaben, aber Vasen tragen, die Kugeln stoßen, die tanzen, baden, sich strecken, auf Laken liegen oder sich diese von den Schenkeln streifen. Sie wurden in Öl gemalt, sie wurden in Bronze gegossen oder als Porzellanfigürchen geformt, so manches diente als Vorlage für Postkarten, die an der Front verbreitet wurden.

15.000 Reichsmark für die Bauernvenus

In der Datenbank wird das Bildmaterial - und das ist ein Teil der Sensation - mit Details zu Preisen und sogar zu Käufern ergänzt, sofern es sich nicht um Privatleute handelte. Die Angaben stammen vorwiegend aus alten Kontenbüchern. Speer bezahlte für "Rübezahls Reich" 4000 Reichsmark, Goebbels für seine Bauernvenus 15.000.

Die erste "Große Deutsche Kunstausstellung" löste vorab allerdings einen Streit aus; Hitler war aus Berlin angeflogen, zeigte sich mit der Auswahl unzufrieden. "Der Führer tobt vor Wut", notierte Goebbels im Tagebuch. Also wurde umgehängt. Doch dann, im Juli 1937, herrschte der ungebrochene Hochmut. Im begleitenden Katalog von damals heißt es: "So ist klar, daß die einzige gesamtdeutsche Kunstausstellung - dies ist nach dem Willen des Führers jetzt und für alle Zeiten die alljährliche Ausstellung im Haus der Deutschen Kunst zu München - nur das Vollkommenste, Fertigste und Beste zeigen kann, was deutsche Kunst zu vollbringen vermag."

Hitler wollte den neuen Menschen, und in der Kunst bekam er ihn, glatt und bieder, manchmal ein wenig lüstern. Der im Katalog formulierte hohe künstlerische Anspruch wurde in keiner der Schauen eingehalten, im Gegenteil. Alles wurde einem biederen Realismus unterworfen, vieles wurde gnadenlos verkitscht, das gilt selbst für die Darstellung eines Kriegsversehrten.

Und doch, die Ästhetik sei weniger einheitlich als gedacht, sagen die Münchner Forscher Christian Fuhrmeister und Stephan Klingen vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Zu groß sei die Masse an Kunst, zu groß die Zahl der Beteiligten gewesen.

Die Kunst der zehner und zwanziger Jahre hatte bewiesen, wie aufregend Kunst in Deutschland sein konnte. Nach 1933 war nur noch erlaubt, was die Ideologie der Nazis stützte. Die besten Künstler mussten flüchten, ins äußere oder innere Exil. Die Banalität des verbleibenden Rests offenbart nun das Online-Archiv.

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