Kunstmarkt in der Krise Kater nach dem Vollrausch

Spekulantenopfer verscherbeln ihre Picassos, Stars und Models bleiben weg: Der einst boomende US-Kunstmarkt ist schwer von der Wirtschaftskrise getroffen. Bei den Frühjahrsauktionen von Christie's und Sotheby's brechen die Umsätze dramatisch ein.

Von , New York


Der spannendste Moment des Abends währt gerade mal zwei Minuten. Um 19.14 Uhr ruft Christie's-Chefauktionator Christopher Burge das Los Nr. sieben auf: "Mousquetaire à la pipe", ein Picasso aus dem Jahr 1968, Öl auf Leinwand. Als das Gemälde auf der Drehbühne nach vorne rotiert, geht ein Raunen durchs Publikum. "Wir beginnen bei 6,5 Millionen Dollar", sagt Burge.

Schnell schaukeln sich die Bieter gegenseitig hoch. 7 Millionen. 7,5 Millionen. 8 Millionen. Zu zwei Bietern am Telefon gesellen sich zwei weitere Interessenten im Saal. 12 Millionen, 12,2, "ich nehme gerne noch 500.000 mehr", reizt Burge. 12,5. 12,6. Schließlich fällt bei 13 Millionen Dollar der Hammer. Es ist 19.16 Uhr.

Das besondere an diesem Picasso ist freilich nicht sein Preis. Der liegt eher im mittleren Spektrum der Auktion. Es ist seine Herkunft, die der Christie's-Katalog - auf dessen Cover das abstrakte Gemälde prangt - verschweigt.

Bisher gehörte es Jerome Fisher, dem Mitbegründer der US-Schuhkette Nine West. Fisher ist ein Opfer des Börsenbetrügers Bernard Madoff, er hat in dem Skandal rund 150 Millionen Dollar verloren. Jetzt muss er seine private Kunstsammlung plündern, um finanziell über die Runden zu kommen.

Die traditionelle Frühjahrsauktion impressionistischer und moderner Kunst lockte am Mittwochabend zwar wieder Hunderte Sammler, Händler und Neugierige ins holzgetäfelte Christie's-Auditorium im New Yorker Rockefeller Center. Toupiertes Haar, feiner Zwirn, dezent-teurer Schmuck: Hier trifft sich der Geldadel. Doch anders als früher ist die Stimmung gedämpft.

"Das Klima hat sich gewandelt"

Auch der Kunstmarkt leidet unter der Rezession. Die Preise sind eingebrochen, richtig gute Ware wird rar, Käufer lassen sich Zeit oder verschwinden ganz - trotz krisenbedingter Notversteigerungen.

Das weiß auch Christie's. Das Auktionshaus verzichtet diesmal auf den üblichen Protz: kein roter Teppich, keine Paparazzi, keine Scheinwerfer. "Das Klima hat sich gewandelt", murmelt ein Herr mit wehendem Haar. Die Kataloge, die die Bieter in der Armbeuge tragen, sind kleiner als sonst, der Small Talk gilt nur einer Frage: Wird Christie's einen ähnlichen Schock erleben wie am Vorabend der Erzrivale Sotheby's?

Dessen Auktion erreichte am Dienstag, zum Auftakt des frühjährlichen Auktionsreigens, nur knapp die Hälfte des Schätzpreispotentials. Die zwei Top-Stücke, je zwischen 16 und 24 Millionen Dollar avisiert, blieben sogar unverkauft: eine Bronzestatue von Alberto Giacometti und ein weiterer Picasso - ebenfalls von einem Madoff-Geschädigten auf den Markt geworfen, dem Hotelier William Achenbaum. Wie zu hören war, war dessen Picasso zuvor privat angeboten worden, ohne einen Käufer zu finden.

Schon wittert Carol Vogel, die Kunst-Korrespondentin der "New York Times", einen "Hauch von Verzweiflung in der Luft".

Und tatsächlich hat mit den beiden Abenden bei Christie's und Sotheby's auf dem Kunstmarkt eine Saison des Bangens begonnen. Denn es waren die ersten großen Auktionen, die seit dem Kollaps der Finanzwelt zusammengestellt wurden - zuvor hatte der Kunstmarkt wie auch der Immobilienmarkt im Exzess geschwelgt.

Dann kam das Desaster. "Im September stürzte die Welt von einer Klippe", sagt der Kunst-Broker Avi Spira. Experten machten sich damals aufs Schlimmste gefasst. "Der Markt ist im freien Fall", orakelte Ian Peck, der Präsident der New Yorker Art Capital Group, die Kunst-Investments finanziert.

Doch die Wahrheit ist etwas komplexer. Ein Insider behauptet sogar: "Kunst hat sich gut gehalten" - und das trotz der ersten, ziemlich durchwachsenen Auktionsetappe, der kommende Woche die großen Versteigerungen zeitgenössischer Kunst folgen. Der Markt sei dabei, sich gesundzuschrumpfen.

Dahinter steckt sicher auch eine gute Portion Wunschdenken. Die Sotheby's-Versteigerung jedenfalls bestätigte zunächst alle Befürchtungen. Im Gegensatz zu früher ließen sich keine Stars blicken, keine Models, und erst recht keine Fondsmanager. In der ersten Reihe blieben sogar Plätze frei.

Nur 36 Werke waren im Angebot, neun weniger als bei der letzten großen Auktion. Am Ende belief sich die Bilanz auf 61,4 Millionen Dollar, inklusive Provision. Das war etwas mehr als ein Viertel dessen, was die Herbstauktion erzielte (223,8 Millionen Dollar).



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