Kunstmarkt und Finanzkrise Gier ist out, Sammeln ist in

Die Finanzkrise wird den Kunstmarkt verändern - doch nicht unbedingt zum Schlechten: Denn nie war das Interesse an Kunst größer und ernster als heute - auf Biennalen, in Museen und bei Sammlern. Ein Kommentar von "Monopol"-Chefredakteur Cornelius Tittel.


Ein klarer Fall von schlechtem Timing: Knapp zwei Wochen nach dem Beginn der weltweiten Börsentalfahrt landete der Katalog für die Londoner Oktoberauktion von Phillips de Pury im Briefkasten. Schlaftrunken schlug man ihn auf und spürte sofort, dass sich etwas Grundlegendes geändert hatte. Die Glühbirnen von Tim Nobles und Sue Websters "Special Edition Silver Dollar" leuchteten noch um die Wette, während in den Büros rund um die Wall Street die Lichter ausgingen.

Wer, fragte man sich, würde jetzt 200.000 bis 300.000 Pfund in ein Werk investieren, das wie kein zweites den boomenden Markt für zeitgenössische Kunst symbolisiert, die Gier nach hohen Renditen und immer neuen Rekorden? Die "zeitgeist currency", die der über Nacht veraltete Katalogtext dem Dollardenkmal zuschrieb, war tiefer gefallen als der Wechselkurs der isländischen Krone.

Überhaupt schienen sich die Meldungen an diesem Tag zu überschlagen: Beim Frühstück las man erstmals von Wartelisten für Gold und musste gleich an die Wartelisten für junge deutsche Malerstars denken, von denen sich dieser Tage zumindest New Yorker Investmentbanker reihenweise streichen lassen. Auf dem Weg zum Lunch traf man dann, wie bestellt, einen der führenden Galeristen Berlins. Für eine anstehende Vernissagenfeier habe er soeben die Getränkebestellung halbiert, die Leute, meinte er, könnten zur Abwechslung auch mal halb so besoffen nach Hause gehen. Und seltsam gut gelaunt fügte er hinzu: "Wenn du mich fragst: Die Party ist vorbei."

Die "Special Editon Silver Dollar"- Frage lautet nun: Ist sie das tatsächlich? Ist das Putzlicht schon eingeschaltet, oder fängt der Spaß jetzt erst richtig an? Um den Zustand des Kunstmarkts in Zeiten der Finanzkrise zu beleuchten, ist es gar nicht so abwegig, die Terminologie des Nachtlebens zu bemühen. Eines ist klar: So überschwänglich, laut und hysterisch wie sich die Kunstwelt in den vergangenen Jahren selbst gefeiert hat, wird es nicht weitergehen. Doch wer seit Ende der Achtziger auch nur einen Bruchteil seines Lebens in Technoclubs verbracht hat, weiß, dass nach der eigentlichen Party die Afterhour beginnt – und damit der weit angenehmere Teil der Nacht.

Um im Bild zu bleiben: Die Trittbrettfahrer sind bereits im Bett, der DJ muss nicht mehr stumpf Hit an Hit reihen, und auf der Tanzfläche ist tatsächlich wieder Platz zum Tanzen – für all die, die es wirklich wissen wollen. Was erst mal "vorbei" sein wird, ist die Spekulation mit junger Kunst, die Kasinomentalität vieler Marktprotagonisten, die Fixierung auf Preise statt auf Inhalte – also all das, worüber sich die meisten Sammler, Galeristen, Kuratoren und Künstler schon seit Jahren aufgeregt haben.

Auch der Typus des reinen "Art-Investors", der, ohne rot anzulaufen, von Nebenwertekünstlern und Blue-Chip-Indizes schwafelt, wird sich vorübergehend ein neues Hobby suchen müssen. Gier mag out of fashion sein – die Kunst ist es noch lange nicht.

Ernsthafte Sammler, von denen es heute deutlich mehr als noch vor zehn Jahren gibt, kann diese Entwicklung nur freuen. Sie werden junge Künstler wieder begleiten können, ohne ständig absurden Preissteigerungen hinterherhecheln zumüssen. (All die neuen, schönen Sammlermuseen und Showrooms wollen schließlich weiter gefüllt werden.) Und auch die Galeristen, die sich noch bis vor Kurzem über unseriöse Kunden beschwerten, die ihre Erwerbungen gleich an die Auktionshäuser weiterreichen, sind zumindest um diese Sorge ärmer. Einbußen werden sie auf einem historischen Hoch treffen: Wenn die Schätzungen stimmen, dass viele der etablierten Galerien seit Anfang des Jahrtausends jährliche Umsatzsteigerungen bis zu 30 Prozent verbuchen konnten, dürften sie auch ein paar weniger hysterische Jahre nicht umbringen.

Profitieren wird am Ende vor allem die Kunst. Udo Kittelmann, der neue Chef der Berliner Nationalgalerie, konstatierte in der Oktoberausgabe von "Monopol", dass sich Künstler in Boomzeiten nur äußerst zurückhaltend an den gesellschaftlich-politischen Gegebenheiten reiben. Es drohe die Gefahr, so Kittelmann, dass Kunst allein zu einer Reflexion des Establishments wird. Wenn nun wieder inhaltliche Diskussionen anstelle der monetären treten, wäre diese Gefahr fürs Erste gebannt.

Übrigens: Die Kunstgeschichte hat gezeigt, dass große Umbrüche stets den Boden für große Kunst bereiten. Wie Künstler auf diese spezielle Phase reagieren werden, bleibt abzuwarten. Eines sollte sie zugleich beruhigen und herausfordern: Abseits des Marktes, auf Biennalen und in Museen, ist ihr Publikum größer als je zuvor. In Krisenzeiten wird es eher mehr Kunst als weniger brauchen. Die Party ist noch lange nicht vorbei – nur der Soundtrack wird ein anderer sein.

© Juno Kunstverlag, 2008



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