Kunstmesse Art Dubai "Schönheit wird die Welt retten"

Goldene Kälber und politische Teppiche: Mitten in der Krise sucht die Spekulations- und Genuss-Stadt Dubai ihren Platz auf der Landkarte des Kunstmarkts. Die ausgestellten Werke auf der Kunstmesse des Emirats sind für die islamische Welt ungewöhnlich provokativ.

Der Scheich kam, sah und blieb unwillkürlich stehen vor dem Monumentalgemälde von Sam Francis: ein Großformat wie aus der Eremitage, ein Preis wie von Sotheby's, Farben so laut und grell wie auf den Immobilienplakaten in seinem Wunder-Emirat Dubai. Der Galerist Jörg Paal trat aus dem Messestand und erläuterte dem arabischen Fürsten das Werk des Kaliforniers Francis, einem der Alten Meister des "Action Painting". Fotografen waren zur Stelle, und das Bild mit dem kunstsinnig lauschenden Scheich ging um die Welt: Die Golf-Araber - nicht nur, dass sie reich sind und Türme in den Himmel bauen. Nein, sie haben sogar Geschmack!

Das war vor zwei Jahren, und mancher Snob im Westen zweifelte damals daran, dass die Spekulations-, Prahl- und Genuss-Stadt Dubai auch auf der Landkarte des modernen Kunstmarkts ihren Platz finden würde. London, Basel und Miami waren die Fixpunkte der Szene. Warum sollten die Sammler nach Dubai kommen?

Sie kamen trotzdem, und sie fanden, was sie anderswo vergeblich suchten: eine als Terrorist verkleidete Snoopy-Skulptur, einen goldenen Schlagring mit dem Schriftzug "Allahu akbar" darauf oder PLO-Chef Arafat als hyperreal fotografierte Wachsfigur - halb ernst gemeinte, halb ironische Reflexionen über das Selbstbild der Araber nach dem 11. September 2001. Es war interessant und überraschend, und es verkaufte sich auch gut.

Pure Psychologie

Jörg Paal von der Münchner Galerie Thomas zögerte nicht, auch dieses Jahr wieder nach Dubai zu kommen, für 600 Euro Miete pro Quadratmeter Ausstellungsfläche. Er bekam den Messestand A1, gleich den ersten hinterm Eingang. Wieder hängt ein riesiger Sam Francis an der Wand, diesmal einer mit einem weißen Fleck in der Mitte - er wäre gerade groß genug, um für die Fotografen einen Scheich davorzustellen.

Doch Scheich Mohammed hat diesmal seine Söhne geschickt, das Emirat steckt, wie die ganze Welt, tief in der Krise, der Turmbau von Dubai ist ins Stocken geraten, die Zuversicht dahin. Zwei Themen hat die dritte Art Dubai: die bange Ahnung, dass die Krise auch den Kunstmarkt nicht verschonen wird - und die ungläubige Beobachtung, dass das noch immer nicht passiert ist: Eine Rekordsumme von 373 Millionen Euro erbrachte Ende Februar die Auktion der Sammlung des Modeschöpfers Yves Saint Laurent in Paris; sehr gut, berichten Galeristen, laufe jetzt auch die Kunst- und Antiquitätenmesse Tefaf in Maastricht.

Nicht ganz so happy war Anfang Februar die Stimmung auf der Kunstmesse in Palm Beach, Florida, wo Hunderte amerikanischer Sammler leben - viele von ihnen auch Kunden des spektakulär gestürzten US-Finanzjongleurs Bernard Madoff. "Don't mention the M-word!" habe man ihn gleich nach der Ankunft gewarnt, erzählt Jörg Paal: Reden Sie bloß nicht über Madoff.

Die Krise, lautet einer ihrer Gemeinplätze, sei pure Psychologie. Hier setzt John Martin an, der junge Brite, der die Art Dubai gegründet hat. Er lächelt charmant in den Abgrund der Weltwirtschaft hinunter: "Wenn es bergab geht, musst du dich gut verkaufen", sagt er. Die Kunstszene von Dubai sei doch "beschwingt" und "aufregend". Ja, stimmt ihm sein Sponsor, der Chef des Nobeljuweliers Van Cleef & Arpels, mit einem anderen Gemeinplatz zu: "Die Schönheit wird die Welt retten."

Die Künstler selbst kommen mit anspruchsvolleren Ideen. Spektakuläre Exponate auf der Art Dubai kommen diesmal aus Mumbai: sechs lebensgroße Wasserbüffel des indischen Bildhauers Valay Shende, aus abertausend Messingknöpfen modelliert. 600 Kilo wiegt ein Stück. "Fragen Sie mich nicht", sagt Geeta Mehra von der Galerie Sakshi, "was der Transport gekostet hat".

Viel ließe sich über die wunderschönen Tierskulpturen spekulieren: dass sie die goldenen Kälber sind, um die die Welt getanzt hat; dass sie mehr wie Bären dastehen als wie die Bullen-Standbilder vor den Börsen von Frankfurt und New York; dass sie den Graben überbrücken, den die Weltökonomie zwischen Van Cleef & Arpels und den Slums von Mumbai aufgerissen hat. Eines besagen sie mit Sicherheit: dass die Globalisierung der Wirtschaft an einem Haltepunkt angelangt sein mag, dass sie in der modernen Kunst aber noch lange nicht vorbei ist.

Ein Trost für das verschreckte Abendland

Ein Türke, eine Algerierin und eine Iranerin haben den Abraaj Capital-Preis für moderne Kunst gewonnen - Nazgol Ansarinia, die Iranerin, mit einem handgewebten Teppich, der statt Rosen und Tulpen Szenen aus dem Teheraner Alltag zeigt: einen Streit zwischen Studenten und Uniformierten, Frauen im Tschador, Männer, die mit ihrer ganzen Familie auf einem überladenen Motorrad unterwegs sind.

Das Besondere an der Art Dubai, sagt die Wiener Galeristin Ursula Krinzinger, sei das ganz andere Netzwerk, das sich hier, drei Flugstunden von Delhi, Bagdad und Dschidda auftut.

Gleich auf der ersten Messe traf sie einen indischen Sammler, der sie mit einer Künstlerkolonie in Bangalore zusammenbrachte. Deren Werke hat sie nun nach Österreich gebracht: Die Europäer waren hingerissen.

Ein Trost für das verschreckte Abendland, dass der Kulturexport auch in die andere Richtung noch funktioniert. Zwar nahm ihm der Scheich seinen Sam Francis vor zwei Jahren nicht ab, doch andere moderne Klassiker hat Jörg Paal in Dubai durchaus verkauft, auch diesmal laufen die Geschäfte gut.

Eine Scheicha aus Abu Dhabi hat eine Skulptur gekauft, ein Scheich aus Dubai einen Kandinsky vormerken lassen, ein dritter Kunde sich für ein Ölbild des Kolumbianers Fernando Botero entschieden. "Qualität findet ihre Abnehmer, egal, woher sie kommt", sagt Paal. "Gute Kandinskys gehen immer."

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.