Kunstpionier Hans Hartung Malen so schnell wie der Blitz

Als Kind verewigte er die zuckenden Blitze vorm Fenster auf Papier und bezwang so seine Angst vor Gewittern. Später wurden Hans Hartungs Sorgen komplexer, seine Technik ebenso. Jetzt sind erstmals seit Jahrzehnten wieder Werke des Informel-Pioniers in Deutschland zu sehen.

Der Malstil, den er prägte und in dem er sein ganzes Leben lang malte, mag auf dem schnelllebigen Kunstmarkt der vergangenen Jahre ein wenig in den Hintergrund gerückt sein. Aber Hans Hartung (1904-1989) ist immer noch der wichtigste Vertreter des Informel, der großen Geste der gegenstandslosen Malerei.

Was für ein Glück für das Berliner Kupferstichkabinett, dass ihm die Stiftung von Hans Hartung und seiner Frau Anna-Eva Bergman vor ein paar Monaten auf Vermittlung des Berliner Hartung-Galeristen Clemens Fahnemann 213 druckgrafische Werke geschenkt hat.

Zwischen 1921 und 1984 sind die Lithografien und Radierungen, einige Heliogravüren, Linol- und Holzschnitte entstanden, die jetzt zum ersten Mal seit 25 Jahren in einem deutschen Museum gezeigt werden. 60 Blätter von Hartung werden ausgestellt, dazu 30 Zeichnungen und druckgrafische Werke anderer abstrakt-expressiv arbeitender Künstler.

"Kalkül und Spontaneität, Steuerung und Zufall"

Ein Dialog soll entstehen zwischen seinen Arbeiten und denen seiner Zeitgenossen wie Pierre Soulages, Emil Schumacher, Jackson Pollock, Willem de Kooning und Cy Twombly. Aber warum werden auch Blätter von Günther Förg, Damien Hirst und Gabriele Basch gezeigt? Weil, so das Kupferstichkabinett, auch bei den vertretenen Gegenwartskünstlern das "Gestisch-Impulsive sich oftmals als kontrollierte, ja konzeptuelle Setzung erweist", so dass "Kalkül und Spontaneität, Steuerung und Zufall" immer wieder neue Verbindungen bildeten.

Hartung sei mit seinem "systematischen Erproben und Ausloten gestischer Bewegungen und technischer Ausdrucksmöglichkeiten" ein wegweisender Vorläufer gewesen, der nicht wie Jackson Pollock "wie in Trance" Metaphern habe schaffen wollen.

Hartung selbst schrieb in seinen Erinnerungen, seine Art zu malen sei "einfach ein neues Ausdrucksmittel, eine andere menschliche Sprache - und zwar direkter als die frühere Malerei". Wie direkt man damit seine Gefühle ausdrücken und umlenken konnte, wusste er schon als Kind. Als Sechsjähriger habe er sich mit Malen "von der Angst befreit". Vor Gewitter zum Beispiel. Ans offene Fenster sei er gelaufen, um "die zuckenden Blitze im Fluge" einzufangen. "Noch vor dem Donnerschlag mussten sie auf dem Blatt sein, so beschwor ich den Blitz. Mir konnte nichts geschehen, wenn mein Strich so schnell wie der Blitz war."

Ein Leben voller Erschütterungen

Schnell wie ein Blitz sehen Hartungs Striche und Linienbündel immer aus, wie mit einer einzigen Handbewegung impulsiv gemalt. Trotzdem kann seine anscheinend unbewusste Geste viel ausdrücken: Manche Arbeiten strahlen Ruhe aus, andere Schwermut, heftige Dynamik, Ordnung und Unordnung, Wut. "Meine Malerei wird von der Wirklichkeit geformt, sie reagiert auf Erschütterungen, die von außen und von innen kommen", schrieb Hartung.

Erschütterungen gab es viele in seinem Leben. Nach seinem Studium in Leipzig und Dresden lebte er in Paris, auf Menorca und bis zum Ende seines Lebens in Antibes. Er heiratete dreimal, gleich zweimal - 1929 und 1957 - die norwegische Malerin Anne-Eva Bergman, die sich 1938 von ihm hatte scheiden lassen.

1935 war Hartung endgültig nach Paris gezogen, weil er in Deutschland zu den "entarteten" Künstlern zählte. Dort hatte er zwar großen künstlerischen, aber keinen finanziellen Erfolg. Er trat 1939 in die französische Fremdenlegion ein, wurde entlassen, arbeitete als Landarbeiter, floh vor den Nazis nach Spanien, wurde dort verhaftet und ging wieder zur Fremdenlegion. 1944 wurde er im Elsaß so schwer verletzt, dass ihm sein rechtes Bein amputiert werden musste.

1945 wurde Hartung französischer Staatsbürger, und wenige Jahre später wurden seine informellen Bilder in aller Welt gezeigt: 1948 auf der Biennale in Venedig, wo er 1960 mit dem Goldenen Löwen für Malerei ausgezeichnet wurde, ferner in Paris, Brüssel, München, Basel, New York und auch auf der ersten, zweiten und dritten Documenta in Kassel.

Seit den achtziger Jahren wurden Hartungs Arbeiten wenig gezeigt, trotzdem arbeitete er unbeirrt weiter. In seinem von ihm entworfenen Haus mit Atelier und Pool in Antibes, wo er bis zu seinem Tod 1989 arbeitete, hat er allein 16.000 Arbeiten hinterlassen. Heute kann man sie dort, in der Stiftung Hartung-Bergman, besichtigen.


"Vom Esprit der Gesten - Hans Hartung, das Informel und die Folgen". Berlin, Kupferstichkabinett. Bis 10.10. www.smb.museum/smb/home/index.php 

Parallel zur Ausstellung wird bei der Fondation Hartung-Bergman das Online-Werkverzeichnis der Druckgrafik Hartungs zur allgemeinen Nutzung freigeschaltet ( www.estampeshartung.com ).

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