Kunstraub in der Eremitage Familie unter Verdacht

Der Aufsehen erregende Kunstraub in der St. Petersburger Eremitage steht kurz vor der Aufklärung. Zwei der festgenommenen Tatverdächtigen sind Familienangehörige der bereits im letzten Jahr verdächtigten Museumsmitarbeiterin.


Moskau - Allem Anschein nach war der Kunstraub in der Eremitage ein Werk der Familie der verstorbenen Museumskonservatorin Larissa Sawadskaja. Unter den drei gestern Festgenommenen seien ihr Ehemann und der Sohn des Ehepaares, sagte ein Sprecher der örtlichen Polizei heute. Der Ehemann, Nikolai Sawadski, stehe unter Anklage. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung seien etwa hundert Pfandleihscheine gefunden worden, die darauf hindeuten, dass der 54-Jährige Schmuckstücke verkauft habe. Die Generalstaatsanwaltschaft in Moskau wollte die Angaben aber zunächst nicht offiziell bestätigen.

Lagerraum in der Eremitage: 221 Stücke unbemerkt entfernt
AFP

Lagerraum in der Eremitage: 221 Stücke unbemerkt entfernt

Sawadskaja hatte bei der Überprüfung ihrer Abteilung Ende 2005 am Arbeitsplatz einen tödlichen Schlaganfall erlitten, woraufhin das Schmucklager der Eremitage versiegelt wurde. Der Nachfolger der Konservatorin stellte erst bei einer routinemäßigen Inspektion nach dem Aufbrechen der Siegel fest, dass 221 Stücke aus der Sammlung fehlten. Das Museum beziffert ihren Wert auf umgerechnet 3,9 Millionen Euro. Bei Auktionen könnten die Stücke Schätzungen zufolge bis zu hundert Millionen Dollar erzielen.

Ein Polizeisprecher sagte, noch sei nicht klar, welche Rolle Sawadskaja in der Kunstraubserie gespielt habe. Die Umstände ihres Todes spielten bei den Ermittlungen jedoch keine Rolle. Von den 221 verschwundenen Kunststücken tauchten bis Montag acht wieder auf.

Die Tatverdächtigen haben inzwischen präzise Angaben gemacht, auf welche Weise sie etwa 70 der insgesamt 221 vermissten Kunstgegenstände stahlen und an wen sie die Hehlerware verkauften.

Die russischen Kulturbehörden erhoben unterdessen schwere Vorwürfe gegen die Museumsleitung. Der Leiter der staatlichen Behörde zum Schutz russischer Kulturgüter, Boris Bojarskow, sagte dem Radiosender "Echo Moskwy": "Es gibt grobe Verstöße gegen die Vorgaben zur Auflistung und Inventarisierung von Exponaten in Museen". Aber immerhin, so Bojarskow, habe die Museumsleitung aber schnell über den Verlust der Kunstgegenstände informiert.

Die Leitung der Eremitage hatte am vergangenen Montag den Diebstahl von insgesamt 221 Juwelen, Ikonen und Emaille-Schmuck bekannt gegeben. Der Millionenraub löste in der Öffentlichkeit eine Diskussion über den mangelhaften Schutz wertvoller Kulturgüter in den staatlichen russischen Museen aus. Am letzten Donnerstag war bereits eines der wertvollsten entwendeten Kunstwerke, eine Ikone, wieder aufgetaucht. Ein anonymer Anrufer hatte der Polizei mitgeteilt, das Kunstwerk befinde sich in einem Müllcontainer in St. Petersburg.

Die Eremitage von St. Petersburg ist mit einem Fundus von mehr als zweieinhalb Millionen Kunstwerken eines der größten und bedeutendsten Museen der Welt.

bor/AFP/dpa



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