Kurnaz bei "Beckmann" Aussage oder Amputation

Murat Kurnaz trifft James Yee, der ehemalige Guantanamo-Insasse den US-Militär. Bei "Beckmann" berichteten beide über die Zustände auf dem Inselcamp. Ein eindringlicher Leidensbericht - der allerdings durch die Räuberpistolen Peter Scholl-Latours verwässert wurde.

James Yee hat später doch noch eine Medaille bekommen, Murat Kurnaz wartet bis heute auf eine Entschuldigung der damaligen deutschen Bundesregierung. Beide haben ihre Erfahrungen mit dem US-Gefangenenlager Guantanamo gemacht: Yee erst in der Funktion eines muslimischen Militärseelsorgers und später – da war er vorübergehend unter Spionageverdacht geraten – als Insasse. Der Bremer Kurnaz als vermeintlicher Taliban, den amerikanische Militärs 2001 in Pakistan festgesetzt hatten und den deutsche Regierungsmitarbeiter offenbar wissentlich in der rechtsfreien Zone Guantanamos schmoren ließen.

Da wurde gestern Nacht bei Reinhold Beckmann also gleichsam aus einer Art verdichteter Opferperspektive über den "war against terror" der Amerikaner berichtet. Ein US-Armee-Angehöriger und ein Guantanamo-Häftling zusammen vor der Kamera - ein Novum, wie die Redaktion zu Recht vor Ausstrahlung der Sendung verkündete.

Es stellt sich allerdings die Frage, weshalb dieses höchst brisante Treffen ausgerechnet mit Auslassungen des arg in die Jahre gekommen Krisen-Hoppers Peter Scholl-Latour eingeleitet werden musste. Sicher, der Unterhaltungswert war hoch. Wie der alte, ein bisschen verrückte Onkel des deutschen Auslandsjournalismus über seine auswärtigen Drogenerfahrungen sprach – Morphium in der Antarktis! Haschisch in Afghanistan! Opium in Fernost! – hatte seinen Reiz.

Doch spätestens als Scholl-Latour ungefragt über das Thema Krieg und psychologische Nachversorgung sinnierte, wurde es riskant. Er wundere sich zum Beispiel über all die militärische Seelsorgerei heutzutage: Einige seiner besten Freunde, so der Talk-Gast, seien damals im Zweiten Weltkrieg mit den letzten Maschinen aus Stalingrad ausgeflogen worden, und die wären auch ganz gut ohne psychologischen Beistand wieder auf die Beine gekommen.

Wir wissen nicht genau, was uns der greise Reporter damit sagen wollte, und Reinhold Beckmann hakte lieber auch nicht nach. Mit Sicherheit konnte man danach allerdings konstatieren, dass Scholl-Latour nicht der Richtige ist, wenn es um die Verarbeitung von Posttraumata geht. Zum Glück hielt er sich danach zurück, als die beiden Leidensgenossen aus Guantanamo berichteten.

Unter Spionageverdacht

So unterschiedlich die Biografien von Yee und Kurnaz vor ihrer Guantanamo-Zeit verliefen – die Erlebnisse im Camp, die Folter, die Verfolgung und die Herabsetzung, haben sie geeint. "Der muslimische Geistliche, der Amerika betrogen hat" ("USA Today" über Yee) und "der Bremer Taliban" (die deutsche Presse einst unisono über Kurnaz) verifizierten nun erstmals live im Fernsehen die Aussagen des jeweils anderen.

Dabei waren sie einst doch so was wie Gegner: Yee, US-Bürger chinesischer Abstammung und muslimischen Glaubens, stand als Militärkaplan auf der Seite der Bewacher. Doch nach zehn Monaten auf Guantanamo geriet er unter Spionageverdacht, wurde im Lager in strengste Isolationshaft gesteckt, kam erst nach 76 Tagen frei und wurde dann rehabilitiert. Offiziell wurde nie Anklage erhoben, ein vager Verdacht hatte zur Festsetzung gereicht. Gerade dieser Perspektivwechsel in seiner Geschichte – vom Bewacher zum rechtlosen Insassen – macht Yees Aussagen so dringlich: Auch letzte Zweifler können nicht mehr die Augen vor den Zuständen in Guantanamo verschließen.

Ohne dass der an diesem Abend angenehm zurückhaltende Moderator viel nachbohren oder lenken musste, erhielt der Zuschauer auf diese Weise umfassenden Einblick ins Inselcamp. Yee bestätigte noch mal das Martyrium von Kurnaz, das dieser vor einiger Zeit schon einmal bei Beckmann offenbart hatte.

Geständnis gegen Arzt

Diesmal präzisierte der Hüne mit dem Bart: Es sei nicht klug gewesen, sich in Guantanamo auf die Krankenstation einweisen zu lassen. Da seien auch schon mal Arme und Finger ohne wirkliche Dringlichkeit amputiert worden. "Ich hatte lieber den Schmerz als einen Körperteil weniger", so Kurnaz trocken. In fünf Jahren sei er in Verhören immer wieder mit den immer gleichen Fragen konfrontiert worden. Eine Zermürbungstaktik, die den Gepeinigten schon in Versuchung führen konnte, sich auf einen Deal mit den Amerikanern einzulassen: Geständnis gegen einen guten und korrekten Arzt. Durch eine Aussage kam man also an der sonst drohenden Amputation vorbei.

Manchmal fuhr Reinhold Beckmann dann doch moralisch erregt in die Ausführungen seiner Gäste. "Und das alles in einem demokratischen Land wie den USA!", barmte er etwa. Aber in diesem Fall muss man eben gar nicht über den Atlantik blicken, um Mitschuldige zu finden: Im Fall Kurnaz wurde vor einiger Zeit ein Bundestagsuntersuchungsausschuss eingesetzt, der das Verhalten der damaligen rot-grünen Regierung prüfen soll.

Ein endgültiges Ergebnis steht noch aus, als humanistische Heilsbringer dürften die Verantwortlichen danach vermutlich nicht dastehen.

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