Kurras und die 68er Der Spion, der aus der Akte kam

Von Reinhard Mohr

2. Teil: "Durch den Ofen jagen, das ganze Pack!"


Der Tathergang selbst liefert weiteres Material für den offensichtlichen Umstand, dass für den gesamten Ablauf des 2. Juni 1967 die Westberliner Polizei und der Senat unter dem Sozialdemokraten Heinrich Albertz verantwortlich war - und nicht die Stasi.

Oder waren etwa auch jene Polizisten aus dem Osten gesteuert, die auf Benno Ohnesorg einprügelten, auch als er schon am Boden lag? Eine Augenzeugin berichtete:

"Von hinten tauchte plötzlich ein uniformierter Beamter aus dem Dunkeln auf und schlug dem Mann im roten Hemd von hinten auf den Kopf. Der Getroffene sank langsam in sich zusammen, und nun kamen die beiden Polizisten, die erst rechts und links des VW gestanden hatten, hinzu, und zu dritt schlugen sie auf ihn ein. Ich habe zwischen all diesen Geschehnissen einen Knall gehört, den ich aber nicht als Schuss deutete. Ich lief zu dem am Boden liegenden Mann und bückte mich links von ihm zu ihm herunter. Als ich zu den Beamten hochblickte, sah ich, dass sie immer noch ihre Schlagstöcke in der Hand hatten, und bat sie leise: 'Nicht schlagen, bitte holen Sie die Ambulanz!'"

"Blutige Krawalle: 1 Toter!" titelte "Bild" am 3. Juni. Im Kommentar hieß es: "Sie müssen Blut sehen. Hier hören der Spaß und der Kompromiss und die demokratische Toleranz auf. Wir haben etwas gegen SA-Methoden."

Wohlgemerkt: "Bild" meinte die Studenten, nicht Kurras & Co. Die Opfer wurden zu Tätern gemacht.

Es muss der Phantasie überlassen bleiben, wie der Kommentar mit dem Wissen von heute ausgesehen hätte. Doch schon die Formulierung zeigt: Diese Spekulation bringt nichts.

Die teils pogromartige Stimmung in Westberlin veranschaulichen in schlagender Weise auch unzählige Briefe an den AStA der Freien Universität und den SDS nach Ohnesorgs Tod, in denen die Bürger ihren Gefühlen - und dem Zeitgeist - freien Lauf ließen. "Mir graust, wenn ich daran denke, dass dieser Pöbel später mal die Führungsschicht in unserem Vaterlande stellen soll", schrieb einer. "Hier fehlt ein Innenminister wie Hermann Göring, der mit den Ganoven aus dem Scheunenviertel (bis 1940 von Juden bewohnt, d. Red.) spielend fertig wurde."

Ein anderer: "Ungeziefer muss man mit Benzin begießen und anzünden! Tod der roten Studentenpest!"

Noch einer: "Nur ein Student erschossen, das ist viel zu wenig. Durch den Ofen jagen, das ganze Pack!"

Bis in die SPD hinein reichte der Hass braver Bürger. Der Abgeordnete Theis riet, die "Unbelehrbaren" aus der "Gemeinschaft" möglichst "auszugliedern". Oder an jene "zurückzugeben", von denen "sie offenbar Aufträge" haben, also von "drüben".

Er meinte damit gewiss nicht Kurras. Wenn das keine Ironie der Geschichte ist.

Den Lauf der Geschichte hat die Stasi nur minimal verändert

So zeigt sich: Es war eben nicht allein der Schuss, der die Republik veränderte. Es war die Polizeibrutalität dieses Tages insgesamt, die offizielle Feinderklärung an die Protestgeneration.

Diese wiederum steigerte sich in ihre eigenen Freund-Feind-Projektionen hinein und nahm pars pro toto - als ob der blutige 2. Juni in Westberlin die ganze gesellschaftliche Wirklichkeit der Bundesrepublik repräsentiert hätte.

Am Ende aber ist es stets die unübersehbare Vielzahl von Interessen, Motiven, Stimmungen und Gefühlen, die den historischen Augenblick bestimmen und das, was aus ihm wird. Zu ihm gehörten damals auch jene privaten Worte des linken DDR-Dramatikers Heiner Müller, der dem Schriftsteller Peter Schneider vorhielt, er und seine rebellierenden 68er-Genossen seien doch nichts weiter als die "hedonistische Speerspitze des Kapitalismus".

Geschichte wird gemacht, wenn sie passiert.

Und wie sie doch passiert!

Mit all ihren hehren Motiven, ihren seligen Hoffnungen, Sehnsüchten und Utopien. Aber auch mit ihrem Irrsinn, mit dem Wahnsinn der Weltverbesserer, mit ihrem Fanatismus und ihrer ideologischen Blindheit für das Kleine im Großen, für das "krumme Holz" (Isaiah Berlin), aus dem der Mensch gemacht ist.

Der Fall Kurras dokumentiert eindringlich, wie aktiv die Stasi versuchte, Einfluss im Westen zu gewinnen. Doch den Lauf der Geschichte hat sie trotz aller Bemühungen, soziale Protestbewegungen in der demokratischen Bundesrepublik für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, nur minimal verändert.

Die große Mehrheit der Rebellierenden hat stur darauf bestanden, ihre Fehler und Irrtümer selbst und auf eigene Rechnung zu begehen. Dafür waren es auch ihre ureigenen Träume und Hoffnungen, die sie antrieben.

Der größte Erfolg der Stasi aber war eine gigantische und historisch äußerst verdienstvolle Abrissaktion in eigener Sache: der Untergang der DDR. Trotz flächendeckender Bespitzelung war ihr verborgen geblieben, dass die Bevölkerung die Geschichte einfach in die eigenen Hände, besser: Füße genommen hatte.



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